Gestern also die Eröffnung zum Klezmore– Festival im Jazz-Lokal Porgy & Bess besucht. Vor etwa 10 Jahren gab’s dort noch das „Erotik-Etablissement Rondell“, wo pikante Filme vorgeführt wurden. Während der Vorstellung durfte man essen, trinken und rauchen. Dass die Kellnerinnen oben ohne servierten (angeblich – meine schüchterne Jugend kannte solche Orte nur vom Hörensagen), wurde mir immer wieder bestätigt (freilich nur von Freund G., der es wohl wissen musste) – daraus schließe ich, dass die dargebrachten Filme nicht den Anspruch hatten, die ganze Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
Aber Wiener Theaterreform und politisches Gezänk sei Dank, wurde das leerstehende (weil freilich in den Bankrott gerittene – die Zeit der Videorecorder machte solch verrucht erregenden Lokalitäten obsolet) Kino dem Jazz zugeschrieben, aufwendig renoviert und mit der neuesten Technik versehen. Wunderbare Akkustik. Hoher Wohlfühlfaktor – ist’s die Anlehnung an rotes Plüsch? Exzellente Tapas.
M. erzählte mir am Sonntag, dass sie im Wiener Jüdischen Chor singe, was mich verwunderte, ist sie ja in den Augen der jüdischen Gemeinschaft eine Goi (Nicht-Jude). Aber der Chor ist ein „gemischter“. Nicht nur Manderl und Weiberl, sondern auch Juden und Nicht-Juden. Jedenfalls gab der Chor gestern Abend den ersten Teil des Eröffnungskonzerts des Klezmore Festivals 07. Zugegeben, irgendwie dachte ich mir, dass ich M. eine Freude mache, wenn ich es mir anhöre – viel hatte ich mir nicht versprochen. Übermüdet, wie ich war, hoffte ich nur, dass es nicht zu lange dauern würde.
Da saß ich also auf einem roten Samtsessel und wartete. Ich bemerkte erstaunt, dass auch Flügel, Akkordeon, Geige, Kontrabass und Schlagzeug mit dem Chor zum Einsatz kommen. Wunderbar. Die Bühne bevölkerte sich. Die Lichter wurden gedimmt und das erste Lied angestimmt. Meine Herren, ich hätt’s nicht für möglich gehalten. 40 Sänger und Sängerinnen und die Musiker-Combo machten Dampf, dass Jerry Lee Lewis seine Freude hätte. Ja, auf alles war ich gefasst, aber nicht auf so eine musikalische Hetz (Freude). Höhepunkt war unbestritten die Darbietung eines afrikanischen Soulsängers (seinen Namen hab ich mir freilich nicht gemerkt), der den Soul mit dem Jiddischen gekonnt verband. Da wär ich vor Begeisterung fast vom Stuhl gefallen. Hätte gleich am Boden sitzen bleiben können, weil sich der Akkordeon-Spieler anschickte, mit einer lächerlichen Pan-Flöte ein rasendes Gipsy hinzulegen. Und wenn ich sage rasend, dann war es das auch. Wahrlich beeindruckend. Überhaupt ging die Musik, der Rhythmus all zu leicht in mein Blut – um damit wieder einmal ein melodiöses Wiener Klischee zu bestätigen. Da fällt mir auf, die CDs, die im Anschluss verkauft wurden, waren so schnell weg, dass ich M. fragen muss, ob sie mir nicht eine vorbeibringen möchte – zum Dichterrabatt 😉
Wer mir jetzt sagt, jiddische Chormusik mit Begleitung sei nur für Opas und Omas, wird standesrechtlich ausgepeitscht. Wo ist meine Neunschwänzige?
Flyer (c) Klezmore-Festival

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