Argentinien : Deutschland 0 : 4
Was soll man da jetzt noch schreiben? Wenn es nach den germanischen Kommentatoren geht, muss man der deutschen Mannschaft „alles zutrauen“ (würde es aber auch nicht das Gegenteil des Erwünschten beinhalten?). Gut. Sie haben, man muss es neidlos anerkennen, die Argentinier schwindlig gespielt, die einem beinahe Leid tun können (was vermutlich die schlimmste Demütigung ist). Und Maradona, der den Tränen nahe war, stand hilflos an der Seite, und musste mitansehen, wie seine Jungs vom deutschen Reinheitsgebot zerlegt wurden.
Die Weltmeisterschaft hat gezeigt, dass ich mit meinen bisherigen Erfahrungen im Fußball nichts ausrichten kann. Nichts ist, wie es zuvor noch scheint. Haben Mannschaften zuvor noch eine souveräne, starke Leistung abgerufen, stolpern sie im nächsten Spiel in eine Schlappe oder ziehen mit viel Ach und Weh ihren Kopf aus der Schlinge. Favoriten? Gab es wohl nur am Papier, auch wenn ich den Brasilianern alle Chancen gab. Nicht, weil sie mir gefielen oder weil sie mir sympathisch waren (Überheblichkeit in Gelbgrün), sondern weil ich davon ausging, dass die Defensive, wenn es darauf ankommt, dicht machen würde und ihre außerordentlichen Offensivkräfte sind freilich immer für das eine oder andere Tor gut. Aber erstens kommt es anders, und zweitens als Dunga und die brasilianische Fußballwelt denkt.
Kommen wir zu den Deutschen zurück. Was ist mit denen nur los? Oder besser: was ist mit ihren Gegnern nur los? Ist es der Versuch, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen, ihre „herausragende“ Leistung kleinzureden, wenn ich auf die mäßige Gegenwehr ihrer Gegner verweise? Darauf kann ich keine Antwort geben. Die österreichische Seele, die von so vielen schmachvollen Niederlagen gezeichnet ist, einer fußballerischen Vergangenheit anhängt, in der es noch ein Wunder gegeben hat, nicht nur einmal (hier ist bitteschön n i c h t von Cordoba die Rede!). Österreich war für eine kurze Zeit lang das Maß aller Dinge am europäischen Kontinent. Lange ist es her. Und die Namen lösen nur ein Schulterzucken aus. Und dieses „Wunder von Bern“, wo der Stern des deutschen Fußballs zum ersten Mal aufleuchtete (gefährlich grell), sollte von nun an deren Gegnerschaft in ein kollektives Rätselraten stürzen (mitten dabei: das zweite öster. Wunderteam, der geheime Favorit, der von einer deutschen Mannschaft regelrecht zerlegt wurde und sich am Ende mit dem dritten Platz begnügen musste).
Man weiß nicht, wie sie es machen, die Deutschen, man weiß nur, dass sie es machen. Davor kann einem schon Angst und Bang werden, wenn es gilt, gegen diese Mannschaft anzutreten. Wer in die Köpfe der Gegner eine Legendenbildung zaubert, muss es nicht am Fußballfeld tun. Die Einbildung, die Vorstellung, dass der deutsche Fußballer nicht gewillt ist aufzugeben, immer kämpft, zäh, verbissen, mit letztem Einsatz, und das Glück auf seine Seite zwingen will, ist schreckerregender als jede Wirklichkeit. Es wäre natürlich nahe am Zynismus, wenn man den Leser kurz erinnern möchte, dass die Deutschen nur mit vereinten Kräften niedergehalten, niedergezwungen werden konnten, damals, in den Weltkriegen. Diese Mentalität, die sich genetisch in Haltung und Einstellung festgesetzt hat, macht die Deutschen auf jedem „Schlachtfeld“ zu schier unüberwindlichen Gegnern. Wie gesagt, vieles spielt sich in den Köpfen ab. Und entscheidet Spiele, bevor der Anstoß vollzogen ist. Man achte auf die erste Minute in einem Match. Daran erkennt man sofort, woran man bei den Mannschaften ist. Wird der Ball nach hinten gespielt, dominiert die Sicherheit, oder sprinten die Offensivkräfte druckvoll nach vorne und verlangen den Pass. Ja, in den ersten Minuten kann man sehen, was sich in den Köpfen der Spieler so tut.
Und die Löw-Truppe agierte sofort druckvoll, war gewillt, das Heft in die Hand zu nehmen. Und die Argentinier? Waren mit dieser Situation überfordert. Weil man ihnen nicht gesagt hat, dass man schon nach 160 Sekunden mit einem Tor in Rückstand geraten kann. Und dass die Mannschaft, die das Tor gemacht hat, nicht zurücksteckt, sondern weiter aggressiv nach vone spielt. Die Argentinier können Fußball spielen, das haben wir gesehen. Aber wurden sie vielleicht mit zu viel Lorbeeren bedacht? Waren ihre Siege zu glücklich (Südkorea!), zu leicht (Griechenland, Nigeria) und nahe an der Manipulation (Mexiko!)? Ironischerweise gibt es Parallelen zu ihrem deutschen Gegner, dessen Siege vielleicht genauso glücklich (Ghana), zu leicht (Australien) und nahe an der Manipulation (England!) waren. Wir sehen, so überschwänglich sollte man nicht sein. Hier sind zwei Mannschaften aufeinander getroffen, deren Stärke ich heute noch nicht realistisch einschätzen kann.
Sind die Deutschen wirklich so gut, wie alle sagen, wie alle jubeln? Oder macht man sich da nicht etwas vor? Als sie die Australier (vulgo „Arbeitsverweigerer“) aus dem Stadion schossen, gierte man bereits nach dem Favoritenstatus. Dann kam Serbien und die deutsche Nation musste bemerken, dass Hochstimmung und Jubelgeschrei keinen Sieg davonträgt und schon gar nicht den Pokal einbringt. Und gegen Ghana zwangen sie ihr Glück. Wieder einmal. Und gegen altersschwache Engländer musste der Schiedsrichter eingreifen, damit die Partie nicht kippte. Ist das souverän? Ist das überzeugend? An diesem 21. Spieltag, in diesem dritten Viertelfinalspiel, da trafen zwei Mannschaften aufeinander, die vielleicht gar nicht mehr im Turnier hätten sein dürfen, aber so taten, als hätten sie einen Anspruch auf den Titel. Bevor mich die Teutonen in die Schwarzwalderde stampfen wollen, so muss man sagen, dass diese Randnotiz (leider) auch auf die restlichen drei Mannschaften (Niederlande, Uruguay, Spanien) zutrifft. Man kann demnach sagen: die Deutschen sind in „schlechter“ Gesellschaft. Keiner hat überzeugt. Keiner agierte souverän. Nur ein glückliches, manchmal auch unfaires Herumgestolpere von einem Sieg zum nächsten. Am Ende, wir wissen es, zählt nur eines: dieses goldene Phallus-Symbol der FIFA nach Hause zu bringen. Und bevor ich mich jetzt den Spaniern und ihrem Spiel gegen Paraguay widme, muss ich noch eines tun:
Ich ziehe vor der deutschen Mannschaft meinen imaginären Hut. Das habe ich der guten Gina (ein Bayrisches Dirndl) „versprochen“, falls die Deutschen die Argentinier schlagen. Im Vorfeld konnte ich es nicht sehen, die mentale Schwäche der Gauchos und die mentale Stärke der Müllers dieser Welt. Ob es mir wieder passiert? Bestimmt.
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