
Ein Twitter-User mit Namen @IsraelBreaking hat sich die Mühe gemacht, am 15. Juli, also einen Tag nach dem Ereignis in Nizza, die relevanten Twitter-Meldungen nach antisemitischen Vorwürfen zu durchsuchen und diese, hübsch aufbereitet, der Welt zu präsentieren. Hier die gut lesbare Zusammenstellung.
Disclaimer
Dieser Artikel spiegelt die Meinung des Autors in Bezug auf das
Ereignis in Nizza, 14.7.2016, wider und basiert auf publiziertes Foto- und Filmmaterial, sowie öffentlich zugängliche Zeugenaussagen.
Wer sich zum ersten Mal als Skeptiker mit der näheren Historie beschäftigt, wird bald feststellen müssen, dass Kommentare und Erklärungen mit antisemtischen Vorwürfen und Gegendarstellungen durchzogen sind. Man hat den Eindruck, dass sich die letzten hundert Jahre vorrangig um ein (geheiligtes) Fleckchen Erde drehte, das die Größe von Slowenien (bzw. Niederösterreich mit Burgenland) hat. Das größte Problem für einen Skeptiker, der sich der Außenwelt vorurteilsfrei mitteilen möchte, ist dabei der sogenannte Spin der Begriffe. Jeder Begriff ist – mehr oder weniger – mit einer unterschwelligen Wahrnehmung durchsetzt, die freilich nicht auf einem Baum gewachsen, sonder vielmehr viele Jahre „gereift“ ist. Man könnte auch sagen, dass Begriffe „gesponnen“ und „geschmiedet“ werden. Wer die Oberhand über einen Begriff hat, dominiert die Diskussion. Deshalb vermeide ich beispielsweise in meinen historischen Analysen das Wort „jüdisch“ bzw. „Judentum“ wie der Teufel das Weihwasser und verwende diese nur dort punktgenau, wo sie auch bewiesenermaßen hingehören. Als deutschsprachiger Bürger hat man, so könnte man meinen, eine Erbschuld zu tragen, weshalb man äußerst vorsichtig zu Werke gehen muss, sollte ein Sachverhalt in Richtung des Ausnahmestaates im Nahen Osten zeigen. Kurz, will man nicht dem Vorwurfs des Antisemitismus ausgesetzt sein, muss man äußerst spitzfindig und pointiert seine Worte wählen, darf niemals generalisieren oder Gläubige einer Religion in einen Topf werfen (das gilt freilich generell).
Meine bisherigen Nachforschungen haben mir gezeigt, dass es wohl am besten ist, wenn man jene Personen, die ein vitales Interesse an einem starken und mächtigen jüdischen Großstaat im Nahen Osten zeigen, einfach als »pro-israelisch«“ bezeichnet. Diese pro-israelischen Personen müssen nicht dem jüdischen, sondern können auch dem katholischen bzw. evangelischen Glauben ( Lyndon B. Johnson, Hillary Clinton, Donald Trump, usw.) anhängen, ja, es wird auch Atheisten und Agnostiker unter ihnen geben. Personen mit muslimischen Glauben werden wohl eher nicht in dieser Gruppe zu finden sein – Ausnahmen, so widersprüchlich das auch sein mag, dürfte es natürlich geben. Auf der anderen Seite finden wir auch Personen mit jüdischem Glauben, beispielsweise zwei israelische Historiker, die einem starken und mächtigen großisraelischen Staat kritisch gegenüber stehen und diesen sogar ablehnen.
Nebenbei bemerkt haben israelische Medien für gewöhnlich kein Problem, die verzwickte und einem gordischen Knoten ähnelnde außen- und innenpolitische Sachlage ohne Glacéhandschuhe zu behandeln und Tacheles zu reden. Oder ist es vorstellbar, dass eine deutschsprachige Tageszeitung den folgenden Artikel lancierte? Yes, Israel Is Executing Palestinians Without Trial – In 2016, one doesn’t have to be Adolf Eichmann to be executed in Israel – it’s enough to be a teenage Palestinian girl with scissors. (von Gideon Levy, Haaretz vom 17.01.2016) Oder jener Op-Ed-Artikel, der jedem deutschsprachigen Leser, so er in der Schule gut aufgepasst hat, sicherlich die Nackenhaare aufstellen muss: Netanyahu Proved That Even the Holocaust Isn’t a Consensus in Israel – Different groups espouse an array of theories and myths – and the prime minister’s remarks only reinforced them. (von Ofri Ilany, Haaretz vom 29.10.2015)
Was der gewöhnliche Bürger ebenfalls nicht weiß, ist der Umstand, dass die Israelische Regierung ziemlich weit rechts steht. Falls Sie sich jetzt fragen, wie das möglich ist, weil der Begriff rechtsextrem in unseren Breiten mit dem Begriff Neonazis in Verbindung steht, so muss ich Sie leider darauf hinweisen, dass die politische Einordnung in Rechts und Links eine subjektive, also willkürliche, ist. Am Ende geht es immer nur darum, welche Gruppe die Macht inne hat und mit welchen Mitteln diese Machtergreifung und Machterhaltung geschieht – ob das mit Gulags oder Konzentrationslagern oder FEMA-Camps oder Anhaltelager oder War Relocation Centers oder Open-Air-Gefängnissen oder gefüllt Fußballstadien geschieht tut nichts zur Sache, diese sind nur Mittel zum totalitären Zweck. In einem Artikel, der 2011 publiziert wurde, heißt es: Unlike Europe, where the right has significantly grown but is still not in power, in this country the racists, the extreme and clerical right is the government, with only a vacuum opposing it. (Zeev Sternhell, Haaretz vom 1.April 2011)
Nach dieser langen, aber notwendigen Einführung komme ich nun zurück zum eigentlichen Thema dieser Analyse.
@IsraelBreaking stellte 26 Tweets zusammen, die seiner Meinung nach antisemtisch wären. Die Verteilung der Schuldzuweisungen ist wie folgt: 8 x „Jews“, 7 x „Mossad“ (israel. Geheimdienst), 5 x „Zionist“ (inkl.1 „Masonic-Zionist“) und 6 x „Israel“.
Warum, so stellt sich die Frage, sehen diese 26 Twitterer Schuld bzw. Mitschuld am Event von Nizza bei pro-israelischen Gruppierungen? Für den unbedarften Leser klingt es nach einer aus der Luft gegriffenen Anschuldigung, deren Grundlage wohl nur antisemtischen Ursprungs sein kann. Was aber, wenn es Indizien gibt, die eine pro-israelische Verbindung nahe legen? Damit ist nicht gesagt, dass auch nur in irgendeiner Weise pro-israelische Gruppen am Event beteiligt waren – aber wenn man sieht, wie leichtfertig in den sozialen Medien pro-muslimische Gruppen für das Ereignis verantwortlich gemacht wurden – ohne, dass es dafür Vorderhand Beweise gegeben hätte, so sollte das eine wie das andere „aus der Hüfte“ schießen, wenigstens in Maßen, erlaubt sein.
Hier liste ich jene pro-israelische Personen auf, die in gewisser Weise eine zentrale Rolle beim Event in Nizza spielten. Ob das alleine reicht, um Stunden nach den ersten Informationen „aus der Hüfte“ zu schießen, überlasse ich dem geschätzten Leser. Dabei ist zu beachten, dass meine Nachforschungen in Bezug auf „pro-israelische“ Verbindungen nur oberflächlich im Mainstream stattfanden und ich in keiner Weise verschwörungstheoretisches Material sichtete. Die unten angeführten Informationen sind jedermann zugänglich, so er sie sucht:
Richard Gutjahr: der deutsche Journalist filmte den LKW auf der Promenade des Anglais und stand den nationalen wie internationalen Medien kurze Zeit später bereits Rede und Antwort. Der Filmclip, aufgenommen mit einem iPhone, ist in seiner dramatischen Wirkung nicht zu unterschätzen und gehört(e) zum einflussreichsten Perzept, der das offizielle Narrativ („Terroranschlag mit LKW“) in der breiten Masse verankern sollte. Die in Israel geborene Ehefrau des deutschen Journalisten ist in den hohen politischen Kreisen Tel Avivs gut eingeführt und diente ehemals im israelischen Nachrichtendienst – in welcher Funktion bleibt offen. Gutjahr gab als Zeitpunkt mehrmals verschiedene Uhrzeiten an (23h00, 23h07, 22h45), die allesamt im Widerspruch zur offiziellen zeitlichen Abfolge stehen (22h34). Beachten Sie bitte die Bildunterschrift zum Clip auf der Seite des Bayrischen Rundfunks: »Der Moment, als (der) LKW in (die) Menschenmenge rast.« Genau das ist im Clip aber NICHT zu sehen.
Sasha Goldsmith: der australische Fotograf mit israelischen Wurzeln, der ebenfalls mit seiner Familie den französischen Nationalfeiertag in Nizza zubrachte, fotografierte den mit Kugeln durchlöcherten LKW auf der Promenade des Anglais von seinem Hotelbalkon. Dieses Foto sollte wie Gutjahrs Filmclip das offizielle Narrativ („LKW dank Polizei gestoppt“) prägen und von den Medienhäuser in der ganzen Welt zeitnah übernommen werden. Goldsmith gab als Zeitpunkt eine Uhrzeit an (gegen 23 Uhr), die im Widerspruch zur offiziellen zeitlichen Abfolge steht (22h35).
Silvan B. Weiss: der Israeli, der laut Jerusalem Online, in Frankreich lebt, hat den Schusswechsel zwischen Polizei und dem (nicht zu sehenden) LKW-Fahrer gefilmt. Mit diesem Clip wurde das offizielle Narrativ („LKW-Fahrer durch Schüsse von Polizisten getötet“) zu einem Ende gebracht. Seine (damals noch einsehbaren) facebook-postings deuten auf eine überzeugte pro-israelische Einstellung hin. Da die gesamte Aufnahme so manche Ungereimtheiten zeigte („Wer ist der Mann in Grau, der unbehelligt vom LKW verschwinden darf? Welche zwei Personen liegen neben dem LKW im Gras? Wer wird schließlich von Polizisten geschlagen und weggeschleift?“), wurde sie von den Medienhäusern kaum und nur ausschnittsweise gezeigt.
Christian Estrosi: der ehemalige Bürgermeister von Nizza und jetzige Präsident der Region, spielte in den Anfangsstunden des Events eine zentrale Rolle in der Verteilung der ausgehenden Informationen. Unüblich für vorsichtige Politiker gab er vorschnell bekannt, dass der LKW mit Waffen und Granaten beladen gewesen sei. Erst eine inoffizielle Quelle aus Polizeikreisen rückte das Bild gerade und bestätigte, dass es sich bei den Waffen um zwei Sturmgewehr-Replikas und bei den Granaten um eine nicht funktionstüchtig gehandelt hatte. Obwohl ISIS am frühen Morgen des 15. Juli noch nicht die Verantwortung für den Event übernommen hatte, nannte Estrosi den Vorfall in Nizza bereits in einem Atemzug mit #CharlieHebdo, #13novembre (Paris) sowie #Bruxelles und erinnerte die westliche Welt daran, dass Frankreich und Europa im Krieg seien. Der ehemalige Motorradrennfahrer ist Ehrendoktor der israelischen Universität in Haifa. In der Urkunde ist zu lesen, dass er sich im Kampf gegen Antisemitismus und anit-israelischen Aktivitäten besonders hervortat und man die tiefe und ernste Freundschaft, die er mit dem Staat Israel hat, würdigt.
Patrick Drahi: der französisch-israelische Medientycoon ist Eigentümer nicht nur des französischen TV-Nachrichtensender BFMTV, sondern auch des Radiosenders RMC und zahlreicher französischer Printpublikationen. In einer Luxemburger Tageszeitung lesen wir: „einer der reichsten Männer Frankreichs hatte bereits im Juni 2014 die linksgerichtete (!) Tageszeitung Libération gekauft und im Februar dieses Jahres das Magazin L’Express und ein Dutzend weitere Zeitschriften. Ihm gehört auch der israelische Nachrichtensender i24news und der israelische Fernseh- und Mobilfunkkonzern Hot. In den vergangenen Monaten kaufte er zudem den portugiesischen Konzern Portugal Telecom und den siebtgrößten US-Kabelanbieter Suddenlink Communications.“ – Falls Sie jetzt meinen, ein gewöhnlicher Mensch könnte solch ein Medienimperium in relativ kurzer Zeit nur mit seinen beiden Händen aufbauen, muss ich Sie leider enttäuschen. Am besten, Sie schauen sich mal die Tellerwäscher-zum-Medientycoon-Story von Robert Maxwell an, der als Sohn jüdischer Eltern aus Tschechien fliehen musste und in London seinen Weg machte – mit nichts in der Tasche. Der Artikel in der Welt versucht natürlich das Offensichtliche unter den Teppich zu kehren, aber es ist trotzdem ein guter Anfang, um zu verstehen, wie unbedeutende Leute in (scheinbar) mächtige Positionen gehievt und (im wahrsten Sinne des Wortes) wieder fallen gelassen werden.
Ist damit bewiesen, dass pro-israelische Personen und Gruppierungen die Hände im Spiel und auf dem heißen Blechdach von Nizza hatten? Natürlich nicht. Diese (vagen) Indizien sollen Ihnen nur anzeigen, warum jemand in der Welt da draußen überhaupt auf die seltsam anmutende Idee kommt, „Israel“, „Jews“ oder „Mossad“ in die (Mit)Verantwortung zu nehmen. Und jeder, der sich mit der Historie der letzten hundert Jahre ein wenig auseinandergesetzt hat, weiß, dass auch die schlimmsten Verbrechen immer auch ihre positiven Seiten zu haben scheinen. Schlag nach bei Benjamin Netanyahu, anno 2008:
»›We are benefiting from one thing, and that is the attack on the Twin Towers and Pentagon, and the American struggle in Iraq,‹ Ma’ariv quoted the former prime minister as saying.« (Haaretz vom 16.04.2008)

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