Als sich im Jahre 1915 der Stellungskrieg an der Westfront festfraß, sprachen der britische und französische Oberkommandierende von der alles entscheidenden Offensive, die den Durchbruch ermöglichen und damit die Kriegsentscheidung herbeiführen sollte. Im Gegensatz dazu erfasste der Chef des deutschen Generalstabs Erich von Falkenheyn die unlösbare Situation, die der Krieg zwischen großen Nationalstaaten mit sich bringen sollte: nämlich die Aussichtslosigkeit, den Siege mittels einer Entscheidungsschlacht herbeiführen zu können. Er fand nur zwei Lösungen, um den Krieg zu entscheiden:
Entweder man zerstört die militärischen Feindkapazitäten in Mensch und Material (was praktisch unmöglich war, da es auch auf eigener Seite ähnlich hohe Verluste geben würde) oder man zerstört den Willen des Volkes (und der Verantwortlichen), weiter Krieg zu führen.
Deshalb ersann Falkenheyn die Idee der sogenannten „Blutpumpe“ in Verdun, die primär ein Angriff auf den französischen Volkswillen war und erst später zu einer fürchterlichen Menschen- und Materialschlacht ausartete. Falkenheyn wusste, dass die Franzosen den Festungsgürtel rund um Verdun als uneinnehmbar betrachteten. Würde es somit der deutschen Armee gelingen, diesen Gürtel mit einem Angriff zu bedrohen, bliebe dem französischen Generalstab nichts anderes übrig, als Mann um Mann gegen die Bedrohung zu werfen und sich früher oder später im Abwehrfeuer der deutschen Kanonen zu erschöpfen. Obwohl die Gegend keinen besonderen militärischen Wert hatte (die Forts wurden längst ausgeschlachtet oder ließ man verkümmern), musste eine Niederlage um jeden Preis verhindert werden. Denn hätten die Deutschen den Festungsgürtel von Verdun durchbrechen können, wäre die Bereitschaft des französischen Volkes weiterzukämpfen stark gesunken. In den Jahren des Krieges hielt die Militärpropaganda der Alliierten die Moral aufrecht, in dem sie den Bürgern (und den Politikern) ein gänzlich falsches Bild der tatsächlichen Situation vorlogen. Wäre Verdun gefallen, hätte auch die beste Propaganda-Abteilung diese Niederlage nicht kaschieren können. Aber so weit kam es nicht, weil der alte General Pétain aus seinem Ruhestand zurückkehrte.
Falkenheyn setzte auf eine für damalige Verhältnisse nie gesehene Feuerkraft, in dem er Kanonen aus der ganzen Front herausnahm und nach Verdun schickte. Er ging davon aus, dass mit der herbeigeschafften Artillerie die französischen Stellungen pulverisiert und damit die gegnerischen Widerstandsnester drastisch reduziert werden würden. Tatsächlich gab es Abschnitte, in denen sich Einheiten in den vorderen Verteidigungsstellungen nach dem Bombardement „in Luft auflösten“ und deutsche Truppen ohne Widerstand „durchbrechen“ konnten. Aber je erfolgreicher die Deutschen waren, je näher sie Verdun kamen, desto schwieriger war es, die schweren Kanonen im unwegsamen Gelände weiter vorzubringen. Dadurch ebbte der Schwung ab, während Pétain seinerseits die Kanonen auffahren und Reserven an die Front werfen ließ. Der Rest ist Geschichte.
Der gegenwärtige Konflikt in der Ukraine ähnelt der Situation von 1916. Bachmut, diese von ukrainischer Seite ausgebaute Festungsstadt, galt als uneinnehmbar. Doch mithilfe einer unvorstellbaren Feuerkraft wurde die letzte ukrainische Verteidigungsstellung in der Stadt (höchstwahrscheinlich) eingenommen. Diese Niederlage ist durch die beste Propaganda-Abteilung nicht zu kaschieren und wird unweigerlich Fragen aufwerfen.
Wie schon im Jahr 1916 will man Kiew dazu bringen, mit einer groß angelegten „Gegenoffensive“ für Entlastung (und damit Ablenkung) zu sorgen. Als im Sommer 1916 Briten und Franzosen ihre hastig vorverlegte Offensive an der Somme starteten, um Verdun zu entlasten, artete es in den Abschnitten der Briten zu einem fürchterlichen Massaker aus. Schlussendlich wurde die Offensive abgebrochen, hatten sich die Briten und Franzosen an den deutschen Stellungen festgelaufen. Die Verlustzahlen, die erst nach dem Krieg bekannt gemacht wurden, waren enorm. Dank der ausgeklügelten Propaganda-Arbeit, ließ man Politiker und Bürger darüber völlig im Dunkeln. Der damalige britische Premierminister Llyod George gewährt uns in seinen Memoiren einen Einblick in die damaligen propagandistischen Machenschaften des Militärs (meine Übersetzung, entnommen Seite 304):
„Während die Grausamkeiten, die ich unzureichend zusammengefasst habe, weitergingen und tapfere Männer der hartnäckigen Verblendung des Armeeoberkommandierenden geopfert wurden, wurde die Öffentlichkeit in der Heimat, ob offiziell oder inoffiziell, Tag für Tag mit tendenziösen Erklärungen über errungene Siege und Fortschritte auf dem Weg zu noch sichereren und noch größeren Triumphen überschüttet. Die Verzweiflung des Gegners (so wurde uns gesagt) sei so tief und seine Moral so schwammig wie die Sümpfe von Passendale.“
„Man versicherte uns, dass die deutschen Friedensangebote nur Anzeichen von Verzweiflung wären. In seiner Angst vor dem herannahenden Zusammenbruch appellierte Deutschland zunächst an die Sozialisten, dann an von Kuhlmann und schließlich an den Papst, in aller Eile um Frieden zu bitten. Die Berichte, die den (britischen) Ministern zugeleitet wurden, waren, wie wir alle erkannten, als es zu spät war, grob irreführend.“
„Siege wurden stark übertrieben dargestellt. Tatsächliche Niederlagen wurden als Siege präsentiert, wie gering auch immer der Umfang. Unsere Verluste wurden heruntergespielt. Die feindlichen Verluste wurden ins Enorme gesteigert. Das war die Art und Weise, wie die Militärbehörden den (britischen) Ministern die Lage darstellten – das war ihre aktive Propaganda in der Presse. Alle beunruhigenden und entmutigenden Tatsachen wurden in den Berichten, die das Kriegskabinett von der Front erhielt, unterdrückt – jede glänzende Feder des Erfolges wurde uns ins Gesicht gewedelt.“

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