Europäische Götterdämmerung, anno 2023 #EU #USA #Russland #China

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Da sitze ich also, im altehrwürdigen Ringstraßen-Café und blicke durch die großen Fenster auf einen bewölkten Himmel. Mein Stammplatz war unbesetzt, in gewisser Weise ist er für mich freigehalten, habe ich bereits viele Stunden hier verbracht und an meinem Werk Azadeh gearbeitet. Die Überarbeitung der Überarbeitung der Überarbeitung gestaltet sich, wie zu erwarten war, als eine aufreibende und anstrengende Tour de Force. Als Perfektionist feilt man nicht nur an ganzen Kapiteln, sondern auch an Sätzen und Worten. Schlussendlich werde ich lange Zeit mit dem Werk leben müssen, da macht es schon Sinn, Zeit und Kraft zu investieren. Auch fühle ich instinktiv die Wichtigkeit dieses Romans, mit dem alles begonnen hat. Vor über 20 Jahren setzte diese plötzliche Inspiration eine musische Reise in Gang, die mich im Inneren wie im Äußeren zu vielen versteckten Plätzen führte. Aber die Zeit bleibt nicht stehen und die geopolitischen Veränderungen deuten auf eine Zukunft hin, die nichts Gutes für den gewöhnlichen Bürger bereithält.

Ich sehe es förmlich vor meinen Augen, kann es bereits spüren, dass wir gerade die Ruhe vor dem Sturm erleben, auch wenn ich keine Vorstellung davon habe, wie sich diese stürmischen Zeiten für mich, für uns, für die ganze Welt bemerkbar machen werden. Am Ende des Tages hat es der Mensch seit jeher verstanden, allen Widrigkeiten und Katastrophen zu trotzen. Dabei spielte die Familie als Sicherheitsnetz und der religiöse Glaube als Seelsorge eine entscheidende Rolle. Was mag also in jenen Teilen der Welt – vorrangig im aufgeklärt-liberalen Westen – geschehen, wo die Familie atomisiert und der Glaube zerstört wurde?

Europa ist drauf und dran unter die Räder dieses gegenwärtigen „Kulturkampfes“ zwischen Ost und West zu kommen. Die Epoche europäischer Dominanz ist seit über 100 Jahren nur noch eine vage Erinnerung, wenngleich Westeuropa unter der Führung Washingtons noch erheblich Einfluss in dieser Welt hatte. Aber mit dem neuen Pearl Harbor im Jahre 2001 – cui bono? – rief Washington die unipolare Weltordnung aus. You are with us or against us, hieß es da – und jeder politische Leader, der sich weigerte, nach der Pfeife der Neocons zu tanzen, wurde mitsamt seinem abtrünnigen Land ausradiert. Die Wunden dieser gelebten Allmachtsphantasie sind noch lange nicht verheilt. Der Osten vergisst nicht und hat nur auf eine Gelegenheit gewartet, mit wehenden Fahnen ins andere Lager überzulaufen. Mit jedem Tag muss der Kampf verbissener und brutaler geführt werden. Keine der beiden Parteien kann sich eine Niederlage am geopolitischen Schachbrett erlauben. Der Kriegsschauplatz, der gegenwärtig Ukraine heißt (vor über 40 Jahren war es Afghanistan), ist nur ein Rädchen im monumentalen Getriebe der Weltbeherrschung. Washington und in dessen Schatten London und Brüssel, werden alles daransetzen, abtrünnige Staaten zu ruinieren. Es ist eine Taktik der verbrannten Erde auf geopolitischer Meta-Ebene. Somit wird kein Staat, kein Landstrich, keine Bevölkerung von diesem Ringen verschont bleiben. Erleben wir gerade eine Neuauflage der Götterdämmerung, als sich die germanische Ritterschaft gegenseitig zerfleischte, bis nichts und niemand mehr übrig war? Die Sprengung der Nordstream-Pipelines ist mit der Zerstörung der Fährkähne durch Hagen vergleichbar: Von nun an gibt es kein Zurück mehr, gibt es nur noch ein Entweder-oder.

Winter is coming

Der kommende Winter mag eine erste Zerreißprobe für Europa sein. Wie weit ist jede Regierung bereit, die Zukunft ihres Landes aufs Spiel zu setzen, um die alte Ordnung wieder herzustellen? Ist es überhaupt möglich, die Zeit zurückzudrehen? Moskau und Peking sind jedenfalls gewillt, alles auf eine Karte zu setzen, wohl wissend, dass es vielleicht die letzte aller Chancen ist, sich zu befreien. Washington wiederum kann es sich nicht erlauben, in eine direkte Konfrontation zu treten, also wird weltweit Benzin vergossen und brennende Streichhölzer nach allen Richtungen geworfen: „Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt“. Ein „failed state“ ist das Endergebnis dieser Zündelei. Man sehe sich Libyen an, dieses einstmals prosperierende und friedliche Land im Norden Afrikas, das sich seit der Intervention des Westens in Stammeskriegen zerfleischt und geopolitisch keine Rolle mehr spielt. Moskau und Peking verstehen sich deshalb als eine „freiwillige Feuerwehr“, die diese entfachten Brände zu löschen versucht – siehe Syrien, Iran oder neuerdings Sudan.

Wir befinden uns in einem Weltkrieg, der diplomatisch, medial und geheimdienstlich geführt wird. Positionen werden bezogen, Allianzen geschlossen. Noch ist der Konflikt in der Ukraine begrenzt, sind wir – gottlob – von einem „totalen Krieg“ weit entfernt. Bester Beweis dafür ist jene in Betrieb befindliche russische Pipeline, die durch die Ukraine führt und ausgesuchte europäische Staaten mit Erdgas versorgt. Moskau bezahlt Transitgebühren an Kiew und Kiew sorgt für die Sicherheit des Transports.

Washington sehnt sich nach einem „totalen Krieg“ für seine Gegner als auch für seine Alliierten und zieht alle Register der Eskalation, um Präsident Putin zu einer Dummheit zu zwingen. Man will die westliche Bevölkerung in einen „Kriegstaumel“ versetzen, auf dass diese jedes Opfer auf sich nehmen, Gold und Silber für die Front geben und für den Endsieg hungern und frieren. Hatten wir das nicht schon zweimal?

Wie sähe solch ein „Endsieg“ überhaupt aus? In den Vorstellungen der Elite wünscht man sich ein schwaches Russland, aufgeteilt in verschiedene Regionen, die gegeneinander ausgespielt werden können. Somit würde von Russland auch in Zukunft keine Gefahr mehr für die bestehende Ordnung ausgehen. China gehörte ebenfalls geschwächt, um erneut eine westliche Kolonie zu werden. Ohne diese beiden abtrünnigen Staaten müssen die restlichen rebellischen Länder wieder zu Kreuze kriechen. Mission accomplished, würde Bush Jr. sagen.

Aber ist diese Vorstellung überhaupt umsetzbar? Moskau hat klar und deutlich alle Welt davon in Kenntnis gesetzt, sollte Russland in seiner Existenz gefährdet sein, dass die Verantwortlichen zu Nuklearwaffen greifen würden, um diese Gefahr abzuwenden. Mit anderen Worten: Je näher der Westen einem Endsieg näher kommt, umso größer das Risiko einer nuklearen Konfrontation. Spekulieren die elitären Köpfe im Westen einfach damit, dass kein Verantwortlicher im Kreml sich getraut, diese „Samson-Option“ zu ziehen?

Bei alledem ist ein US-Bürgerzwist zwischen konservativen und liberalen Bundesstaaten gar nicht mal so unwahrscheinlich, sieht man sich den ökonomischen und gesellschaftlichen Verfall dieser einstmals so wohlhabenden Supermacht an. Vielleicht erinnert man sich im Weißen Haus an die 1930er Jahre, als eine Weltwirtschaftskrise die Nation lähmte und erst der Eintritt in den Weltkrieg alle Probleme „wie durch Zauberhand“ löste. So darf es nicht verwundern, wenn man erfährt, dass eine kleine politische Elite seinerzeit alles daransetzte, um Japan zum Angriff zu bewegen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Während ich also im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien meine Runden drehe, immer wieder erstaunt bin, wie oft Kriege vom Zaun gebrochen wurden, die bis heute nachwirken, frage ich mich, wie dieser Clash of Civilization einmal enden wird. Vielleicht gibt es auch kein Ende, sondern ist die Gegenwart nur eine Fortsetzung der Vergangenheit mit anderen Mitteln.

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