Hat es mich also an diesem sonnigen Tag nach Laa an der Thaya verschlagen.
Eigentlich war mein Plan, in den Süden und in die Berge des Semmerings, aber ungünstige Zugabfahrtszeiten (was soll man bitteschön eine Stunde am „Bahnhof Meidling“ machen?) ließen das nicht zu. Dafür stand der Zug nach Laa an der Thaya vor der Einfahrt. Also gut, die Münze hat der Himmel für mich geworfen – und ich akzeptierte die Entscheidung. Lange bin ich gen Norden gefahren, begleitet vom Blau des Sommers und gekühlt vom Rot der ÖBB. Viele Gedanken. Natürlich. Der Schriftsteller, der seinem neuesten Werk den letzten Schliff geben möchte, hat viel nachzudenken und durchzuspielen. Dass sich auch hie und da ein in der Lade liegendes Projekt auf sich aufmerksam machte, ist ärgerlich, aber zeigt, dass sich musische Überlegungen nicht im Zaum halten lassen. Wie dem auch sei, während ich diese Zeilen tippe, fahren wir (retour) und an der Burgruine Staatz vorbei, die auf einem spitz zulaufenden Hügelchen imposant thront. In dieser hügeligen Gegend, die ins Flache übergeht, sind herausragende „Bergspitzen“ eine Seltenheit. Das wussten die damaligen Burgherrn gut auszunutzen. Heutzutage braucht die Wehranlage keine Invasoren mehr einzuschüchtern, liegt sie vom Bahnhof leider viel zu weit weg – wer möchte bei dieser Affenhitze eine asphaltierte Straße entlanggehen? Eben.
Das Ende der Hinfahrt war bald erreicht, der Zielort gefunden: Laa an der Thaya. Aha. Am Bahnhof ein großes Rätselraten unter den Ankommenden. Wo mag es hier zu Therme und Stadtzentrum gehen? Die Beschilderung lässt zu wünschen übrig. Und auch vom erhöhten Übergang ist kein Zentrum auszumachen, weder links noch rechts, dabei wirbt die Stadt mit dem schönsten Hauptplatz im Weinviertel (oder war es das Waldviertel?). Ich gehe demnach zu einem wartenden Bus beim Ausgang. Frage freundlich den Fahrer nach dem Hauptplatz. Werde freundlich hineingewunken. Und los geht die Fahrt. Nach wenigen Minuten erreichen wir das Zentrum. Ich blicke mich um. Enttäuschung. Das Rathaus – aus dem Jahre 1898 – natürlich sehr ansehnlich. Aber sonst? Eine leere Öde. Wäre da nicht an der Ecke diese modern gestaltete Konditorei. Der Stoiber, wie ich später feststellte. Der Gastgarten wirkt beengend und nicht gerade einladend, will man in Ruhe seiner Arbeit nachgehen. Ich würde ihn als Schanigarten bezeichnen, wobei die Betonung auf Schani, weniger auf Garten liegt. Es ist halt ein Jammer, dass es am Lande, in den kleineren Städten, zwar viel Platz gäbe, aber dieser nur in den seltensten Fällen gut genutzt wird. Die Stadtverwaltung sollte der Familie Stoiber den roten Teppich ausrollen, mag er neben der Therme ein guter Grund sein, im Zentrum Halt zu machen.
Ich platziere mich im Schanigarten, bin unleidlich, weil es mir zu sehr menschelt (und zieht da nicht Tabakrauch in meine Nase?). Ins Tagebuch will ich deshalb gar nicht erst kritzeln, zu sehr lenkt mich das „Aufeinanderpicken“ ab. Ich trinke den Kaffee, esse den Marillenkuchen mit Schlagobers und glaube zu träumen. Wahrlich, der Kuchen ist mit Sicherheit der beste, den ich jemals gegessen habe. Dazu das famose, frische Schlagobers. Der Gaumen ist mir übergegangen. Da ich keine Lust hatte, in der Hitze in einem mir unbekannten Städtchen herumzuirren und ich sowieso arbeiten wollte, verlegte ich meinen Platz ins Lokal. Ein großer Tisch, hell und freundlich das Interieur, ich fühlte mich auf Anhieb wohl. Packte Manuskript und Laptop aus, kritzelte erquickt ins Tagebuch und gönnte mir auch ein Eis, das – so steht es geschrieben – mit Rohmilch hergestellt wird. Allerhand. Später musste ich auch noch den Burger probieren – kommt das Fleisch aus lokaler Produktion. Ja, sehr lecker. Allesamt.
Die jungen Kellnerinnen, die mich bedienten, fielen mir angenehm auf. Woher kam nur dieses sympathische, gar entgegenkommende Lächeln? Die Lösung lag auf der Hand, dürften die Damen Grenzgängerinnen sein – gefragt habe ich sie nicht, aber die Tschechinnen sollen das Herz am rechten Fleck haben, was mein Großvater sicherlich bestätigen würde, weilte er noch unter uns, hat er doch seinerzeit, lange mag es her sein, einen Sohn in die Welt gesetzt. Unehelich, versteht sich. Mit einer Tschechin, vermutlich aus Brünn. All das geschah in jener längst versunkenen Epoche, als Böhmen noch bei Österreich war. Wobei sich hier wieder ein Kreis schließt, hatte ich das Manuskript meines Jahrhundertwende-Romans (1899) Azadeh am Tisch liegen.
Schließlich und endlich machte ich mich nach getaner Arbeit und mit gut gefülltem Magen als auch erhöhtem Zuckerspiegel zum Bahnhof auf, nicht ohne mir ein weiteres Eis zu gönnen, das ich im Schatten eines Buchladens schleckte. Erstaunlich, dass sich dieser kleine Laden hier halten konnte, was darauf schließen lässt, dass die Inhaber mit Herz und Seele bei der Sache sind. Deshalb warf ich kurzerhand ein Exemplar meines gefalteten Folders in die Postkiste. Wer weiß, vielleicht komme ich später einmal mit dem fertigen Taschenbuch im Rucksack nach Laa und erfreue die interessierte Leserschaft.
Der Zug fährt gerade in Wolkersdorf ein.
Bevor mich Wien wieder einfängt, werde ich mir mein Geschreibsel noch einmal durchlesen und auf Fehlersuche gehen.
***
Was hat es nun mit dem Mädchen und dem Wakeboard auf sich, werden Sie jetzt wissen wollen. Am Beginn meiner Reise, als ich auf die Straßenbahn zum Bahnhof wartete, stand neben mir eine junge Frau mit einem verhüllten Board. Da ich annehmen durfte, dass sie weder mit Bügelbrett noch mit Snowboard unterwegs war, ging ich davon aus, dass es sich um ein Wakeboard handeln dürfte, wiewohl ich von diesen Dingern keine Ahnung habe, weshalb ich sie beinahe darüber ausgefragt hätte. Aber ich ließ es dann doch bleiben, befürchten müssend, sie würde mir diese ungebührliche Aufdringlichkeit mit einer kurzen Antwort und einem augenrollenden Seufzen vergelten. So ging sie ihren Weg und ich den meinen. Aber gegen den frühen Abend kreuzten sich unsere Wege am Wallensteinplatz. Sie kam mir entgegen. Ich blieb wie angewurzelt stehen und schaute ihr mit offenem Mund lange nach. Ihren weißen Sturzhelm, der an ihrem Rucksack baumelte, ich erkannte ihn wieder. Daran soll man ersehen, dass es keine erfundene Geschichte ist, würde ich mich sonst in guter dichterischer Manier ihrer einzigartigen Augenfarbe erinnern, in der sich das Grün des Augartens verfing.
Natürlich frage ich mich, was es mit diesem denkwürdigen Zufall auf sich hat. Wollten mir die Götter des Schicksals einen Wink geben? Dann bitte ich um telefonische Auskunft.
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