Baden bei Wien und die Sehnsucht nach dem blauen Himmel

By

Der Zufall führte mich im Sommer dieses Jahres nach Baden bei Wien und auf jene Wegstrecken, die einst neben Kaiser Franz I. auch ein Beethoven und ein Grillparzer, beide vermutlich in vielen musischen Gedanken versunken, beschritten haben. Der Sommerhitze in der Kaiserstadt wollten sie entfliehen und suchten in den grünen Hügeln des Wienerwaldes ihre schattigen Plätzchen. Was einstmals eine Wohltat für Körper und Geist war, ist heute nicht anders, vorausgesetzt, man kann sich von der ständigen Mobilfunkbereitschaft trennen und sich dem Alltag entziehen.

Der Innenhofgastgarten der Konditorei Kaiserhaus ist am Vormittag ein Refugium für Dichter und Denker, die ungestört an ihrem Werk arbeiten wollen. Wer in der Menge baden (und gar ein Blind-Date-Gespräch am Nebentisch mithören) möchte, der setzt sich in den Schanigarten des Café Central am Hauptplatz und schaut den umtriebigen Badener Bürgern auf die Beine. Hat man genug von Mensch und Leute, geht es zum Kurpark, dort zügig hinauf, auf verschlungenen Pfaden, die überall und nirgends hinführen.

Eine empfehlenswerte Wanderung, die Tiroler Bergfexe einen ausgedehnten Spaziergang nennen würden, führt entlang des Felsenweges (die Holzbank am „Eingang“ zur Höhle ist ein herrlicher Rückzugsort) zum Café Blickweit, das seinen Namen alle Ehre macht, und von dort zur Burgruine Rauhenstein, die leider seit Jahren nicht auf offiziellem Wege zu betreten ist. Überdies erfährt man einen kafkaesken Moment: je näher man der Ruine kommt, umso weiter entfernt man sich. Von der Ruine geht es Richtung Helenental und zweigt beim Jammerpepi zum Radweg ab, der einen Richtung Baden und zum sehr gemütlichen Tennisplatz-Café führt, wo der Schreiber dieser Zeilen von der Juniorchefin immer köstlich mit Speck und Ei bewirtet worden ist. Danach kann man noch hinauf zur Burgruine Rauheneck, die mustergültig erhalten ist (dank der Phantasie adeliger Spätgeborener). Der Weg ist – im wahrsten Sinne des Wortes – ein steiniger. Belohnt wird man dafür mit der Möglichkeit, den hohen Turm zu besteigen, wo es einen herrlichen Rundumblick gibt. Windfest muss man bei der Treppenpartie schon sein, pfeift der Wind durch die Schießscharten-Öffnungen.

Alternativ, so Zeit und Pensum vorhanden sind, geht man entlang des Schwechatbaches (allerherrlichst im Hochsommer seine heißen Füße ins kühle Nass zu stellen) am „romantischsten Waldweg“ in das Helenental hinein, lässt die Raststation der Cholera-Kapelle rechter Hand liegen, bewundert jene Stelle, an der Beethoven gerastet haben soll und wandert bis zur Augustinerhütte, wo einem ein günstiges und gutes Wildragout unter einem ausladenden Kastanienbaum aufgetischt wird. Von dort gäbe es einen Bus zurück nach Baden, der freilich nur alle zwei Stunden fährt (ÖBB App sei Dank, kann man die Abfahrtszeiten punktgenau abfragen). Ansonsten heißt es, die Strecke zurückzugehen und dabei nicht tagträumend eine falsche Abzweigung zu nehmen, die einen über viele Umwege zur Königshöhle und Ruine Rauheneck bringt. Dank der vorzüglichen Beschilderungen und Markierungen, kann man sich praktisch nicht verlaufen, es sei denn, man wählt einen ausgetretenen Fußpfad, der in den Wald hineinführt, denkend, er würde einen schon ans Ziel bringen.

Warum das Häuschen zwischen Waldesrand und Autostraße „Jammerpepi“ heißt, ist eine lange Geschichte, die der ältere Hausherr, ein Baumeister, der sein Brot lange Zeit in Westberlin backte, gerne den Interessierten näherbringt, so man ihn darauf anspricht.

Der Frühling und Baden können nicht schnell genug kommen, sagt der Schreiber dieser Zeilen seufzend, an einem bewölkten Herbsttag, irgendwo in einem Wiener Kaffeehaus. Einen blauen Himmel will er sehen. Und die wohligen Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht spüren. Unbedingt.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..