Generation Kindergarten

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Der Chef des Cafés seufzt, hat er nämlich große Schwierigkeiten, junges Personal zu finden, das bereit ist, auch zu arbeiten. Die junge Generation, fügt er an, weiß nicht, was Arbeiten heißt. Ein Blick zurück. Ein Blick voraus. Am Freitag war es, als mich F. zögernd fragte, wie alt ich sei. Mit seinem Alter hielt er nicht hinterm Berg zurück. Ich antwortete ihm auf Umwegen und merkte dabei ein seltsames Unbehagen. So wird der zivilisierte Mensch in zwei Kategorien geteilt: In die eine, die viel Zukunft vor sich und in die andere, die viel Vergangenheit hinter sich hat. Ohne es sonderlich bemerkt zu haben – das Leben wird gelebt – steht man mit einem Fuß in der zweiten Kategorie und fragt sich, was das bedeuten mag. Für einen selbst. Für die anderen.

Meine Eltern-Generation hat den Krieg noch erlebt, den Wiederaufbau auf die eine oder andere Weise mitgetragen und so das Fundament für den zukünftigen Wohlstand gelegt. Ich wurde zu Sparsamkeit erzogen und immer daran erinnert, dass man in seinem Leben arbeiten müsse, ob es einem gefiele oder nicht. Man hatte sich für das große Ganze zu fügen. Jede Diskussion erübrigte sich. Somit baute meine Generation den ersten Stock auf das Fundament, was natürlich leichter von der Hand ging, gab es bereits große Annehmlichkeiten und technischen Fortschritt. Die darauffolgenden Generationen konnten sich ins gemachte Nest setzen, wurden verwöhnt und hörten oftmals nur noch ein „du könntest doch“, während es bei mir nur hieß: „du musst“. Während also die älteren Generationen alles auf Sicherheit setzten, entließ man die neue Generation in Freiheit. Schließlich war das Haus gebaut. Dachte man. Glaubte man. Aber mit der sogenannten pandemischen Auszeit, der zu erwartenden Wirtschaftskrise und der sich ankündigenden Auseinandersetzung zwischen Ost und West, bröckelt und bricht das gebaute Haus langsam vor sich hin. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten müssen demnach die Hemdsärmel wieder aufgestrickt und im Schweiße des Angesichts das Haus saniert werden. Aber wie soll das eine Generation schaffen, die man nicht darauf vorbereitet hat, der man täglich eingeimpft hat, dass jeder und jede von ihnen alles erreichen und schaffen könne, nicht mit Fleiß, Arbeit und Können, sondern einfach, weil „du“ es willst?

Die westliche Gesellschaft hat seit Jahren ihren Fokus nur noch auf die Freiheit gelegt, ja, die Obrigkeit ging sogar so weit, dass sich junge Menschen entscheiden können, in welchem Geschlecht sie fortan stecken möchten. In Anbetracht der Tatsache, dass Heranwachsende in ihrem Organismus einem hormonellen Tsunami ausgesetzt sind, der alle von der Gesellschaft vorgegebenen Barrieren hinwegfegt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich aus einer gut gemeinten Idee der helle Wahnsinn manifestiert. Kurz, wenn der kindliche Mensch der festen Meinung ist, dass er physikalische Gegebenheiten, die unumstößlich sind, mit schierer Willensäußerung ändern kann, dann ist er Illusionist, der den Schein dem Sein vorzieht. Vor über zwanzig Jahren, als ich an mein Erstlingswerk schrieb, war mir das vollends klar, dass der Mensch, damals dachte ich freilich nur an den angehenden Künstler in mir, vielleicht eine Weile in der Illusion leben könne – aber früher oder später würde er in der realen Welt verdursten und verhungern.

Vor über zwanzig Jahren habe ich es gewagt, meinen Herzenswunsch zu erfüllen. Habe Freiheit gewählt, aber immer die Sicherheit im Auge behalten, was zur Folge hatte, dass ich auf zwei Hochzeiten tanzte und weder da noch dort vollends zu Hause war. Dieses Risiko, das ich in gewisser Weise auf mich nahm, verarbeitete ich in meinem Werk, musste es tun, weil diese Zerrissenheit zwischen Wunsch- und Pflichterfüllung in mir wütete. Die junge Generation hat es dahingehend natürlich einfacher, spricht sie vorrangig von Wünschen und schiebt die Pflichten achselzuckend zur Seite.

Ja, am Ende des Tages wird sich die Gesellschaft fragen müssen, ob man einen Kindergarten damit betrauen möchte, das gebaute Haus zu betreuen.

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