Nie schlägt sich das Volk grausamer, als wenn es nicht zu Mittag gegessen hat #1789 #Tiret

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Heute, vor 235 Jahren, stürmte eine bewaffnete Menschenmenge in Paris die in die Jahre gekommene Bastille, sei es, in der Hoffnung, Schießpulver-Vorräte zu finden, sei es, die auf die Stadt gerichteten Kanonen zum Schweigen zu bringen oder einfach nur, weil die Anlage als verhasstes Statussymbol der königlichen Macht galt. In der französischen Hauptstadt ging seit Tagen die Angst um, König Ludwig XVI. würde ausländische Truppen nach Paris beordern, um die rebellische Aufbruchsstimmung mit Gewalt niederzuschlagen. Dieses Gerücht allein reichte aus, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Von da an gab es kein Halten mehr. Der Rest ist nur noch eine Interpretation der Vergangenheit, die wir Geschichte nennen. Nachzulesen in meinen vier Büchern, die sich mit dem Vorabend der Französischen Revolution von 1789 beschäftigen: Tiret, Brouillé, Madeleine und Penly.

In der NZZ vom 25. Juli 1789 wurde wie folgt über das Ereignis berichtet:

So erschien nun der in der französischen Geschichte ewig merkwürdige Dienstag, der 14te. d. Monats […] Um 2 Uhr schrie man: „zur Bastille! zur Bastille!“ Alle zerstreuten Korps liefen dahin. Man wolle vom Gouverneur derselben nur Waffen und Pulver. Er erschien mit einer weissen Fahne, und liess 200 Mann in die Bastille. Die Fallbrücke wurde aber hinter ihnen sogleich wieder aufgezogen, und aus zwey mit gehackten Eisen geladenen Kanonen auf sie geschossen, so dass auf den ersten Schuss sogleich 80 Mann fielen. Hierauf erfolgte von Aussen herein ein heftiges Feuern; man schoss Bresche; man stürmte die Festung; die Fallbrücke wurde durch Kanonenschüsse niedergerissen, und so hatte man sich des ersten Vorhofes der Bastille, ohngeachtet des Widerstandes eines Schweitzer-Bataillons und der Invaliden, bemächtiget, welche aber durch die verzweifelte Gegenwehre derjenigen, die am ersten in die Festung drangen, beträchtlich gelitten. Die zwote Fallbrücke würde eben so geschwinde niedergerissen, und alles, was Widerstand leistete, niedergehauen. Der Gouverneur der Bastille war das erste Opfer. Man schlug ihm den Kopf herunter, welchen man auf eine Picke mit der Unterschrift befestigte: „von Launay, Gouverneur der Bastille, ein treuloser Verräther des Volks.“

Ausser diesem Kopfe wurde auch der Kopf des Major der Bastille, des Herrn Pujet, und die Hand des Kerkermeisters, wie im Triumpfe durch alle Strassen von Paris herumtragen. Selbst die Weiber hatten an diesem schrecklichen Specktackel eine Freude. Der Grenadier, welcher der erste die Bastille im Sturm erstieg, wurde vom Volk mit dem Ludwigsorden des enthaupteten Gouverneurs behangen, und durch die ganze Stadt triumpfirend geführt. Auch derjenige Soldat, welcher den Gouverneur auf der Flucht ergriff, erhielt vom Volke ganz ausserordentliche Beweise von Bewunderung und Achtung. Mit gleichem Antheile sah man auch die befreyten Gefangenen. Unter diesen war ein gewisser Chevalier von Soulas, welcher schon 32 Jahre in der Bastille sass. Dieser Unglückliche war kaum im Stande, zu gehn. Die Bewegungen, die er machte, drückten gar deutlich sein Erstaunen aus, als er sich in der Mitte des königlichen Palais sah. Er glaubte im Traume zu seyn.

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Das im Titel dieses Beitrags verwendete Zitat entstammt dem Werk Alexandre Dumas (der Ältere): Ange Pitou (Band 3).

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