Das war also die Europameisterschaft 2024 in Deutschland. Der Tag nach dem Finalspiel ist immer in Melancholie und Sentimentalität getaucht. Einen Monat lang war der Fußball in aller Munde, richtete man seinen Alltag nach An- und Abpfiff aus. Es war eine herrliche Ablenkung von einer geopolitischen Welt, die für den gewöhnlichen Bürger immer undurchschaubarer und damit unangenehmer wird. Kommen wir zum Finale.
Spanien gewinnt das Endspiel gegen England mit 2:1 und krönt sich zum verdienten Europameister. Die Furia Roja hat in allen sieben Spielen überzeugt und einen erfrischend direkten Offensivfußball auf den Rasen gezaubert. Vor allem die jungen Flügelspieler Nico Williams (22 Jahre) und Lamine Yamal (17 Jahre) überzeugten mit schnellen Antritten, abenteuerlustigen Dribblings, guter Umsicht und perfekten Abschlüssen. Im Mittelfeld dirigierte Rodri Vorder- und Hinterleute, gab das Tempo vor, während Nebenmann Fabián Ruiz mit seiner Technik immer Lösungen parat hatte. Dani Olmo agierte als torgefährlicher 10er, der sich aber auch nicht scheute, zurückzuarbeiten. Die Flügelverteidiger Cucurella und Carvajal waren in jedem Spiel offensiv wie defensiv präsent. Jedes Match der Spanier war ein fußballerischer Genuss. Trainer De La Fuente hat ein Team geformt, in dem jeder einzelne Ausnahmespieler seine Qualitäten unter Beweis stellen konnte.
Im Gegensatz dazu wählte Trainer Southgate einen konservativen Ansatz und stellte seine, auf dem Papier, besten Schützlinge auf den Rasen, ohne dabei die mental-körperliche Tagesverfassung oder die taktische Ausrichtung der Spieler in Betracht zu ziehen. Bereits beim ersten Gruppenspiel gegen Serbien konnte man erkennen, dass der Wurm in der Mannschaft steckte – aber Southgate getraute sich keine Änderungen am Stammpersonal vorzunehmen. Es erinnert frappant an seinen französischen Kollegen Deschamps, der von seinem (langweiligen) Konzept nicht abweichen wollte, obwohl es augenscheinlich Probleme gab. Beide Mannschaften, die Engländer wie die Franzosen bekamen von Spanien die Rechnung eiskalt serviert. Gut so.
Die erste Halbzeit des Finalspiels war nur schnarchnasiges Rasenschach. Die Engländer machten die Räume dicht, versuchten Rodri aus dem Spiel zu nehmen und setzten hie und da offensive Nadelstiche, während die Spanier auf einen gegnerischen Fehler lauerten. Der kam kurz nach Wiederanpfiff in der 47. Minute – Walker und Stones vergaßen Nico Williams und Saka tagträumte irgendwo am Platz vom Europameistertitel – das Ergebnis war der Führungstreffer, der das Spiel – gottlob – interessant und spannend machte. Die Spanier mussten ihren besten Mann Rodri verletzungsbedingt in der Kabine lassen – aber Einwechselspieler Zubimendi ließ nichts anbrennen, auch als die Engländer für kurze Zeit ein Feuerwerk zündeten. In der 73. Minute ist es Einwechselspieler Palmer, der mit seinem Weitschuss den Ausgleich macht. Das Stadion kocht. Die englischen Fans aus dem Häuschen. Eine Sensation liegt in der Luft. Die englischen Spieler – vielleicht zum ersten Mal im Turnier – nehmen die Witterung auf und sind für einen Schlagabtausch bereit. Schon sieht alles nach Verlängerung aus – als Minuten vor dem Schlusspfiff der eingewechselte Oyarzabal in den scharfen Querpass von Cucurella hineingrätscht und den Ball ins Tor bugsiert. Abseits? Der VAR misst wieder einmal in Millimeter. Das Tor zählt. Jubelstimmung bei den Iberern. Man müsste jetzt annehmen, dass Southgate Hollywood spielt – tut er freilich nicht. In den letzten Minuten des Finalspiels, mit einem Tor Rückstand, tauscht er Offensivspieler Foden mit Stürmer Toney aus. What? Warum nimmt er nicht einen der Verteidiger raus?
Nichtsdestotrotz eine hektische Endphase. Eckball. Kopfball von Rice. Goalie Unai Simon pariert. Der Ball in der Luft. Marc Guehi bringt ihn aufs Tor. Unai Simon ohne Chance. Aber Olmo kratzt den Ball von der Linie. Ball wieder in der Luft. Rice köpft über das Tor. Das war sie. Die große Ausgleichschance für die Engländer. Abpfiff. Spanien ist Europameister. Betretene Gesichter aufseiten der Engländer.
Hand aufs Herz, mit der gezeigten Mannschaftsleistung ist es ein Fußballwunder, dass Bellingham & Co überhaupt ins Finale einziehen konnten. Einzig die spektakulär magischen Momente einzelner Ausnahmespieler hievten die Truppe ins Finale. Kurz und gut, England spielte einen ergebnisorientierten Turnierkick, die Spanier einen technisch versierten Offensivfußball.
Gewiss, diese ergebnisorientierte Ausrichtung darf man Underdogs und Außenseitern zugestehen, haben diese weder die spielerischen Mittel noch die Qualität im Kader, um ein Offensivfeuerwerk abzubrennen. Anders, ganz anders, bei den Top-Teams, die ohne großen Aufwand das offensive Flügelspiel der Spanier kopieren könnten.
Frankreich, Portugal und England gehören deshalb wieder einmal zu den größten Enttäuschungen dieses Turniers, da braucht es einen neuen positiven Neuansatz. Die „Hinten-muss-die-Null-stehen und vorne wird es unser Superstar schon richten“-Ansatz funktioniert nur dann, wenn die Superstars in der besten Verfassung sind und auch die Bälle bekommen, die sie verarbeiten sollen. Mbappé war nur ein Schatten seiner glorreichen Tage. Kane mutierte zur Karikatur eines Top-Scorers. Ronaldo zelebrierte seinen Schwanengesang mit Tränen in den Augen.
Die deutsche Elf versuchte wenigstens mit einem ähnlichen Offensivkonzept – Musiala, Gnabry oder Wirtz am Flügel, Kroos als Taktgeber in der Mitte, Raum und Kimmich an der Seite – den Spaniern Paroli zu bieten, was durchaus zum Erfolg führen hätte können. Aber noch ist die deutsche Elf nicht angekommen.
Es steht demnach zu hoffen, dass sich die Trainer der Top-Teams zukünftig mehr Gedanken über das Offensivspiel machen werden. An schnellen, gefährlichen Flügelspielern herrscht bei ihnen kein Mangel, sie ins Gefüge einzubinden, eine ausgeglichene Mittelfeldachse zu finden und eine eingespielte Mannschaft zu formen ist natürlich kein Kinderspiel. Trainer Nagelsmann ist mit der deutschen Elf auf dem richtigen Weg. Deschamps, Southgate und Martinez treten am Stand.
Freuen wir uns auf die Weltmeisterschaft 2026. More to come!

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