Wenn die tropische Hitze in eine sengende übergeht und schließlich in einer schwülen endet, dann tritt jene Lähmung ein, die Körper und vor allem den Geist hemmt. So bleibt nur eines zu tun, als Dichter und Denker, nämlich die Flucht aus der großen Stadt und hinein ins Land, natürlich nicht allzu weit vom heimatlichen Ankerplatz, aber doch mit gehörigem Abstand. Man folgt den Sommerfrischlern alter Tage, die mit Pferden und Gespann in die umliegenden Hügel zogen. Die Habsburger richteten sich in ihrer Sommerresidenz Schönbrunn ein, während Grillparzer und Beethoven nach Baden und Bad Vöslau reisten, um dort ihre Zelte aufzuschlagen, wenngleich sie sich möblierte Zimmer nahmen. Es galt, der Muse nachzustellen. Damals wie heute.
Der Dichter dieser Zeilen folgte also an einem dieser heißen Augusttage einer Einladung in den Musentempel, dort, wo sich ein Tal zwischen grünen Hügeln zwängt und wo sich nicht unweit davon einst eine dramaturgische Bluttat ereignete, die einzig mit einem tollwütigen Wahn zu erklären ist, dort, wo das kühle Nass nur bis zum Knie reicht und der Schatten im Garten gesucht werden muss. Ach, wie wohlig wunderbar das einfache Leben sein kann, sagt sich der Dichter, lümmelnd und lechzend, nur um wenig später daran erinnert zu werden, nicht zum Faulenzen eingeladen worden zu sein. Es gilt literarisch zu arbeiten, dichterisch zu sinnieren und von seiner Muse all die Eingebungen, die sie einem zu schenken bereit ist, aufzunehmen und zu Papier zu bringen. Doch das Spiel zwischen Mensch und Göttin ist ein turbulentes, von Launen und Ärger, genauso wie von Friede und Freude bestimmt. Darin liegt das Geheimnis allen Musischen, nämlich niemals sicher sein zu können, immerzu überrascht zu werden, im Guten wie im Schlechten. Aus dieser Spannung heraus entsteht das Wechselspiel von Anbahnung und Ablehnung. Eine Idee wird gefunden und auch wieder verworfen. Oft und oft wiederholt sich dieses Auf und Ab. Der Dichter rauft sich alsbald die Haare, hat er doch seiner Muse alle Wünsche erfüllt und trotzdem geht sie an ihm am frühen Morgen wortlos vorüber.
Dann, in dieser niedergeschlagenen Stimmung, der Dichter blickt händeringend zum blauen Himmel, kommt seine Muse letztendlich an seine Seite, füllt den spritzigen Wein, der von Wahrheit spricht, in die Gläser, erwartet das leise Klirren des Trinkspruchs und zwinkert ihm so hingebungsvoll zu, dass er sofort ein ganzes Buch vor Augen hat.
Schließlich und endlich ist es eine Sternschnuppe, die sich ihm zeigt und um einen Wunsch bittet. Der Dichter ist selig, vielleicht sogar glücklich, und murmelt seinen Wunsch in den dunklen Nachthimmel, glaubt sich unzerstörbar und in die Ewigkeit eintauchen, wäre da nicht die Zeit, die keine Gnade gewährt. So vergehen Stunden, vielleicht sind’s auch nur Minuten gewesen, bis die Banalität des Alltags in Kopf und Glieder fährt und die Muse ein verächtliches Gesicht aufsetzt. Warum er Angst vor ihr habe, will sie vom Dichter wissen, der die Schultern hängen lässt und auf ihre Launenhaftigkeit verweist. Bitterböser Blick. Eine Muse, göttlich, nicht von dieser Welt, lässt sich niemals mit menschlichen Maßstäben messen. Sie tut, wie es ihr gefällt. Der Dichter hat einfach nur zu nehmen und still zu sein. Sagt sie ihm mit ernster Stimme. Doch der arme Tropf, der sich dem geschriebenen Wort zu Füßen geworfen hat, kann nicht anders als ihr sein Leid vorzusingen. Lange wird er mit kratziger Stimme wehklagen – und weiß ja doch, dass seine Muse immer nur ein Achselzucken für seine jammervolle Litanei übrig hat. Man könnte jetzt meinen, diese Beziehung sei eine ungesunde, doch vergessen wir ja nicht, dass die beiden füreinander bestimmt sind, weil das Schicksalsrad, das über den Göttern steht, es entschied und niemand, der dieses Band jemals würde lösen können.
Ein angenehm kühler Wind zieht auf. Die weißen Wolken schieben sich über den blauen Himmel der Kurstadt. Die Muse des Dichters verabschiedet sich. Auf leisen Fußsohlen läuft sie über den Kiesweg, am leeren Musikpavillon vorbei, zum Ausgang, der auch Eingang ist. Wann mag sie wiederkommen?

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