Endlich wieder in der gemütlichen Hotel-Lounge, die mein Wohnzimmer sein könnte. Frei nach Polgar, darf man hier allein sein, ohne sich einsam zu fühlen. Dieser Beitrag ist mehr ein Sammelsurium vieler Gedanken, die gehegt und gepflegt werden und die – früher oder später – zu einem eigenen Artikel heranwachsen sollen.
»Rechnen darf man nur mehr mit dem Schlimmsten.« – Ingeborg Bachmann, Tagebucheintrag (1944).
Da steht beispielsweise Ingeborg Bachmann auf meinem Notizzettel, habe ich doch jenen Film gesehen, der ihre Beziehung zu Max Frisch behandelt. Mein Interesse als Autor und Mann war sogleich geweckt. Ich wollte mehr wissen. Stöberte in Büchern. Besorgte mir den veröffentlichten Briefverkehr zwischen den beiden Liebenden (die, Hand aufs Herz, ihre literarischen Ambitionen nicht zurückstellen wollten, der eine mehr, die andere weniger), las das schmale Tagebuch ihrer „Kriegsjahre“ (das leider sehr kurz ausfällt, gerne würde ich mehr lesen wollen; ob es weitere Tagebuchaufzeichnungen aus diesen Jahren gibt, die noch unveröffentlicht sind?), der Briefverkehr mit einem britischen Offizier und Paul Celan. Überhaupt ist festzustellen, dass die junge Ingeborg das Liebesleben auszukosten verstand. Nach dem Gefängnis der nationalsozialistischen Herrschaft und einem engen Kärntner Provinzleben durchaus verständlich. Interessant ist dann die Sache mit der Gruppe 47 und den Auswirkungen dieser Einflussnahme auf die deutsche Gesellschaft der Nachkriegsjahre. Diesbezüglich werde ich später weit ausholen müssen, um dem unbedarften Leser, der achselzuckenden Leserin einen brisanten Sachverhalt näherzubringen, der gerne unter den Teppich gekehrt wird.
»Als ich die Agentur [CIA] einrichtete, hatte ich niemals auch nur einmal daran gedacht, dass diese in Friedenszeiten zu hinterhältigen Nacht-und-Nebel-Spionageoperationen herangezogen werden würde.« – ehem. US-Präsident Harry S. Truman (1963).
Apropos. Guckte kurz in eine TV-Spielfilmserie, die den Anschlag von 1989 an Banker Alfred Herrhausen zum Thema hat. Das Attentat wollte man seinerzeit der RAF in die Schuhe schieben, was recht lächerlich ist (siehe meine Überlegungen von 2011). Tatsächlich waren staatliche Dienste des In- und Auslandes maßgeblich in Planung und Durchführung beteiligt – analog der Sabotage der Nordstream-Pipelines oder der Terroranschläge in den 1970er Jahren („Strategie der Spannung“). Zu glauben, ein paar junge Leutchen in Beirut, Mailand oder Polen/Ukraine würden ohne geheimdienstlicher Anleitung und Ausrüstung Mittel und Möglichkeit haben, solche spezial-militärischen Aktionen durchzuführen und (vor allem) unbehelligt unterzutauchen, lebt in einer Illusion, die von Hollywood und „miserablen Tagblattschreibern“ (Grillparzer) geschaffen wurde und wird. Was oftmals vergessen wird, ist die Höhe des jährlichen Budgets der zivilen US-Geheimdienste, das um 1990 etwa dem Bruttoinlandsprodukt Luxemburgs oder Sloweniens entsprochen haben dürfte. Mit anderen Worten, die US-Behörden unterhalten einen kleinen Staat im Staat, der sich einzig und allein damit beschäftigt, Washingtons Interessen im Ausland mit Zuckerbrot und Peitsche zu schützen bzw. voranzutreiben. Dabei gibt es heutzutage natürlich noch das US-Heimatschutzministerium als auch den militärischen Nachrichtenapparat, die jeweils ein eigenes Budget erhalten und deshalb niemals untätig sein können. Somit getraut(e) sich niemand, den Amerikanern in die Suppe zu spucken oder ihnen auf die Füße zu steigen, will man nicht mit heruntergelassener Hose in einer colour revolution aufwachen. Übrigens lernte der US-Dienst sein Geschäft von den Besten der Besten in diesem Gewerbe. Ian Fleming oder Graham Greene wissen darüber viel zu erzählen.
»But if I win, I’m going to open them up. I’m just going to open it.« – Donald Trump on JFK Files.
Kommen wir zu Ex-Präsident Donald Trump, der sich sehr gesprächig zeigte, im Podcast-Interview mit Joe Rogan. Neben Präsident Putin ist Donald Trump der einzige Politiker, der frank und frei aus dem Stegreif unangenehme, gar kritische Fragen beantworten kann, ohne sich in ein politisch korrektes Blabla zu flüchten. Das ist erfrischend, zuweilen auch humoristisch („I said, this guy’s nuts. I’m telling you, he was so stupid.„), gleichzeitig aber sehr wichtig, will man als Außenstehender nicht völlig ahnungslos im geopolitischen Sumpf („drain the swamp“) versinken und jede Hoffnung auf eine optimistische Zukunft fahren lassen. Denn: Wo kompetent geredet wird, wird nicht aus der Hüfte geschossen. Sollten die Demokraten analog der US-Wahl 2020 einen Sieg davontragen, gehen im Westen – vor allem Europa – die Lichter aus (im wahrsten Sinne der Phrase). Solange Europa der „Sehnsuchtsort“ der Russen bleibt – die Chinesen sind da pragmatischer – so lange darf man auf ein Entgegenkommen hoffen. Peter der Große verlegte nicht von ungefähr die Hauptstadt seines Reiches von Moskau in die Sümpfe von St. Petersburg, um Europa wenigstens geographisch näher sein zu können. Damals wie heute hatten die westlichen Mächte nur Ablehnung, Ausbeutung oder Ausnutzung im Sinn. Wenn man wissen möchte, wie Europa seinerzeit Wirtschaftspolitik betrieb, muss man nur den Begriff „Kanonenbootpolitik“ nachlesen. Wen wundert es, wenn sich nach Jahrhunderten der Niederhaltung die ganze Welt auflehnt? Deshalb ist der Konflikt in der Ukraine tatsächlich viel mehr als ein lokal begrenzter Kampf zwischen zwei Staaten. Was die Zukunft bereithält, ist nicht abzusehen. Alles wird darauf ankommen, ob der Westen (besser: die Strippenzieher in Washington) bereit ist, vom hohen Schlachtross herunterzusteigen und die Gleichwertigkeit aller Staaten akzeptiert – oder im Jähzorn die Welt in den Abgrund reißt und verbrannte Erde hinterlässt. Gewiss, auch hier gilt, dass der gewöhnliche Bürger keine Idee haben kann, was wirklich vor sich geht – er kann nur mit dem ihm vorliegenden und öffentlich zugänglichen Datenmaterial eine Interpretation anstellen. Am Ende des Tages fällt die Entscheidung der Zukunft nicht in Moskau oder Washington oder Brüssel, sondern in Peking und Neu-Delhi. Bei alledem sollte man niemals die grenzenlose Skrupellosigkeit gepaart mit einer medial stilisierten Scheinheiligkeit der Verantwortlichen in Washington, London und Brüssel unterschätzen. Damals wie heute.
»Ja, die Dokumentierung der Vergangenheit unterlag schon immer der Interpretation und ideologischen Voreingenommenheit. Aber der Geschichtsschreibung sollte niemals durch Politiker Grenzen gesetzt werden.« – Edna Friedberg, Historikerin (2018)
Neben einer literarisch gelebten Liebesbeziehung der Nachkriegszeit und der gegenwärtigen geopolitischen Lage in Ost und West, habe ich mich wieder den dunklen Jahren zwischen 1914 und 1945 zugewendet. Lese Autobiographisches genauso wie nüchtern sachliche Erklärungsversuche, die mir Einblicke in eine Epoche gewähren, die mit gewöhnlichen Maßstäben nicht zu fassen ist und bis dato mit untauglichen (besser: banalen) Mitteln in Stein gemeißelt wurde, ohne Rücksicht auf Wahrheit und Lüge. Jeder Mensch, der noch einen Funken Verstand im Kopf und ein Gramm Mitgefühl im Herzen hat, kann mit dem von oben verordneten historischen Narrativ niemals vollständig zufriedengestellt werden. Im Ohr erklingt Georg Danzers Lied: „Des kaun do no ned ollas gwesen sein“. Auf den Nenner gebracht, stellt sich die Frage, ob Geschichtsschreibung jemals als endgültig abgeschlossen betrachtet werden darf. Ist sie nicht ein Kind ihrer Zeit? Hat nicht jede Zeit ihre Interpretation? Oder ist bereits dieser Gedankengang der erste Schritt ins Ketzertum, der von Hohepriester mit Acht und Bann bestraft wird, so man nicht abschwört, von seinem falschen Glauben?
»Wahrlich, dieses Land [England], hat eine Geschichte, wir haben nur Kuriositäten und Begebenheiten. Shakespeares Denkmal eines der schlechtesten.« – Franz Grillparzer (1836)
Und weil heute Nationalfeiertag ist, muss die Frage erlaubt sein, was denn nun Österreich ist? Beginnt es mit 1919, der 1. Republik? Mit dem Staatsvertrag von 1955 und der 2. Republik? Was ist dann mit dem Kaiserreich Österreich? Gehört es zu uns? Gehört es der Familie Habsburg? Oder gar dem alten Geschlecht der Babenberger? Haben „wir“ die Osmanen im Jahre 1683 vor den Toren Wiens daran gehindert, halb Europa zu erobern? Dürfen „wir“ darüber stolz sein?

Sicher ist nur, dass wir die Vergangenheit touristisch ausschlachten, until kingdome come, spült das Geschäft mit auswärtigen Besuchern viel Geld in die Kassen. Während also der aufgeklärte Bürger die Fahne der Demokratie hochhält, freut er sich, wenn er Touristen zu all jenen Prunkbauten führen kann, die Fürsten und Kaiser „dem Volk abgetrotzt“ haben. Beim Stephansdom, nun, da gebietet die Ehrfurcht, zu schweigen – insgeheim kann man nämlich unmöglich verstehen, wie solch eine Kathedrale erbaut werden konnte, in jener Zeit und mit jenen Mitteln. Wie reich muss Kirche und Land gewesen sein, um solch ein Bauprojekt überhaupt zu wagen? Schottische Mönche? Wirklich? Liest man eine Festschrift aus dem 18. Jahrhundert, stellt man überrascht fest, dass bereits damals sehr wenig über den Kirchenbau zu erfahren ist. Geht man noch ein Stück weiter, in den Kaninchenbau, dann wird man hören, dass viele der unglaublichsten Monumente auf dieser Welt ein einziges großes Fragezeichen aufwerfen. Das gut geölte Getriebe von Archäologen, Historikern und Medienleuten lassen Rätselhaftes ungern stehen und bemühen sich Antworten (besser: Ausflüchte) zu geben, die nur oberflächlich zufrieden stellen. Die Historie, und wenn sie auch in einer Vergangenheit liegt, die längst für uns nicht mehr fassbar ist, muss ein kontinuierlicher Erzählband ohne Lücken ergeben. Wehe, jemand erdreistet sich, einmal festgelegte Zeitabschnitte nach hinten oder vorne zu schieben. Die Ironie ist, dass die gegenwärtige historische Chronologie auf die Niederschrift von Mönchen des Mittelalters resultiert und wenn wir eines wissen sollten, dann ist es jenes, dass damals Glaubensbekenntnis vor Faktenfindung gereiht wurde. Von den vielen Fälschungen will ich gar nicht reden – „unsere“ Habsburger haben sich dahingehend nicht lumpen lassen und sich ihren Anteil „erfälscht“. Gute alte Zeit. Apropos. Habe ich erwähnt, dass ich gerade Grillparzers autobiographische Aufzeichnung lese, die seine Reisen nach Frankreich und England behandelt? Der gute Grillparzer nimmt sich kein Blatt vor dem Munde und schreibt, wie es ihm in den Sinn kommt. Löblich. „In Deutschland merkt man aber derlei spät, weil die gesunde Stimme des Publikums für nichts gilt, sondern Lob und Tadel von einigen miserablen Tagblattschreibern ausgeht.“ Seine Tagebücher wurden endlich veröffentlicht. Das Konvolut ist mehr Geldanlage (oder Geldvernichtung) denn Literatur. Werde wohl nicht umhinkommen, früher oder später, viele Münzen dafür springen zu lassen.
»As a citizen I must ask: What is true? What is false?« – Harold Pinter, Nobelpreisrede (2005).
Ja, es gäbe so viel zu lesen und zu lernen (im wahren Sinne zu verstehen, das heißt Neues zu erfahren, nicht aber sich „schulisches Wissen“ zwanghaft anzueignen) und so viele dunkle Geheimnisse zu beleuchten (die Aufklärung wird im Französischen mit „Licht“ übersetzt). Dabei gilt, immer auf der Hut vor Lug und Trug zu sein. Weil, die „allgemeinsten Meinungen, was jedermann für ausgemacht hält, verdient of am meisten untersucht zu werden (Georg Christoph Lichtenberg, 1742-1799). Gerne möchte ich über meinen holprigen Weg in den Kaninchenbau erzählen: Down the rabbit hole. Dahingehend eignet sich freilich nur die englische Sprache mit amerikanischem Einschlag. Noch ist die freie Meinungsäußerung in den USA möglich, wenngleich es längst Einschränkungen gibt und gegeben hat (siehe Lincoln, Wilson und Roosevelt, to name a few).

Kurz und gut, wer auf vielen Hochzeiten tanzt, wird niemals zur Ruhe kommen. Im Guten wie im Schlechten. More to come.

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