Ingeborg Bachmann und Max Frisch: Der Humor in der Tragödie eines Liebeslebens und der Erklärungsversuch einer Scheiterung

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Eigentlich ist an allem A. Schuld, die freilich P. ist, weil ich nicht R. bin, sondern E. Sie meinte, ich solle mir den Film anschauen. Bachmann? Frisch? Ich gucke den Trailer. Aha. Schriftsteller und Dichterin, in trauter häuslicher Zweisamkeit, die nicht lange währt. Verbrannte sie wirklich eines seiner Tagebücher von ihm, weil sie der Inhalt tief verletzte? Ich bin erstaunt … verwundert … verängstigt (ich habe ein Konvolut an Tagebüchern, die mir heilig sind) und vor allem neugierig. Die Wahrheit ist ja immer schon merkwürdiger als jede ausgedachte Fiktion.

Dann meinte sie, also A., die noch immer P. ist, eigentlich, dass sie sich hie und da in der geschauspielerten Bachmann wiedergefunden habe. Ach? Da war meine Neugierde natürlich doppelt und dreifach geweckt. Weil die beiden, also E. und A., etwas am Laufen hatten. Er hat es mir erzählt. Beinahe könnte man meinen, ich hätte es selbst erlebt, aber dem ist nicht so. Gantenbein kann es bezeugen. Oder Enderlin. Hand aufs schreibende Herz. Nun, A. hatte etwas mit E. am Laufen. Nein, nein, wo denke ich hin, sie fragte ihn damals, in der Küche das Geschirr abtrocknend, ob sie etwas am Laufen hätten und ob sie es W. erzählen sollten. E. freute sich ob dieser Offenherzigkeit, die es sonst nie bei A. gab, und war deshalb hochgradig übertrieben erfreut. Damit war für A. klar, dass E. die Sache zu ernst nahm und zuckte mit der kalten Schulter. Damit war die Sache auch schon wieder gelaufen und später wird sich E. das Hirn zermartern, was er an A. eigentlich hatte. Gantenbein: „Wenn der Mann, um handeln zu können, wissen möchte, woran er ist, ihre (Frau) Kunst des Offen-Lassens“. Deshalb, Sie verstehen, musste E. den Film sehen. Und ich mit ihm. Ach, arme Ingeborg. Ach, böser Max. Ja, immer diese Schweine in ihren perfekten Maßanzügen, schriftstellernd und größenwahnsinnig, eifersüchtig und neidisch, egoistisch und ekelhaft, wie Männer nun einmal sind, hat er sie dermaßen schamlos verletzt und gekränkt, geradezu schriftstellerisch missbraucht, dass sie in eine Psychose fiel, geradezu fallen musste. Aber jede Erfahrung hat eine Geschichte. Oder zwei. Sagt Frisch. Der Film hat meine Begehrlichkeit jedenfalls geweckt. Und wie das so ist, wenn ein selbsternannter Schriftsteller, der immerhin schon viele Bücher geschrieben hat (Eigenverlag? Gilt nicht. Bitte versuchen Sie es später noch einmal), begehrt, nicht nur das Weibliche, sondern das Wahre im Fiktiven, dann gibt es kein Halten. Der Briefverkehr zwischen den beiden – also Ingeborg und Max – sowie der dazugehörige Anmerkungsapparat (mit einer Zeittafel!) ist ein ordentliches Stück ausgelebte Literatur in Form und Gewicht eines Ziegelsteins. Sollte hier jemand zart besaitet sein, mein Rat, diesen Briefverkehr niemals zu lesen. Besser, man sucht im autobiographisch gefärbten Roman den Humor dieses Beziehungswahnsinns. Die Episode Einhorn in Mein Name sei Gantenbein muss man gelesen haben und fühlt sich dabei, nein, natürlich fühle nur ich mich erinnert an Arthur Schnitzlers humorvoll(st)em Stück erlebter Lebensgeschichte: Halb Zwei. In beiden Fällen geht es um die lakonisch-sachliche Notierung eines Mannes, der dem normalen Wahnsinn seiner Geliebten zum Opfer fällt. Ja, da könnte E. auch einiges beitragen. Schon seltsam, dass sich die Künstler von ihren geliebten Musen hunderte Male ohrfeigen lassen, in der Hoffnung, zu einer Einsicht zu gelangen. Überhaupt gäb es viel zu schreiben, aber niemand, der es verstünde. Nicht mal A. würde es verstehen wollen, obwohl sie es war, die die Ohrfeige austeilte und anmerkte, E., hätte sie sich redlich verdient (das „redlich“ stammt von mir). Es war das einzige Mal, sagte sich E., dass ihm A. ihre freundschaftliche Liebe (besser: liebliche Freundschaft) schlagkräftig unter Beweis stellte. In Zeiten langer, entsagender Dürreperioden ist auch das geringste Zeichen am Himmel Labsal und Hoffnung. Verfluchte Hoffnung. Ich weiß. Zurück zu Ingeborg und Max. Über die beiden habe ich viel nachgedacht, viel gelesen und tue es noch immer. Dank E. weiß ich jetzt, besser, glaube zu wissen, woran die Beziehung gescheitert ist. Natürlich könnte ich völlig falsch liegen und mich lächerlich machen, aber das macht nichts, weil der wahre Schriftsteller sich niemals vor der Lächerlichkeit verstecken darf, will er der Wahrheit im Leben nachspüren. Gerne würde ich jetzt meinen Erklärungsversuch mit A. besprechen wollen, aber irgendwie kommt sie mit E. nicht zusammen, weil beide in unterschiedlichen Welten leben (aber gleiche Zeitzone). Blöd, fürwahr. So schreibe ich es in meinem Blog, den A. sowieso niemals lesen würde. Zu anstrengend. Sagt sie. Und als Audiopodcast einsprechen? Nein, bitte, nein. Kommen wir endlich zum Punkt. Also, der gute Max Frisch, etwa 15 Jahre älter als die Ingeborg Bachmann, hatte sie geliebt, das lässt sich aus seinen Briefen erahnen. Gut. Die Ingeborg Bachmann wiederum, etwa 15 Jahre jünger als der Max Frisch, hatte ihn geliebt, das lässt sich aus ihren Briefen erahnen. So. Warum gab es dann Streit? Konflikte? Krisen? Auflösungserscheinungen? Auslöschung? Ja, dahingehend weiß der gute E. Licht in die Angelegenheit zu bringen, hat er A. geliebt (er wird darüber vermutlich ein Buch schreiben, um sich klar zu werden, was damals tatsächlich wirklich wahrhaftig in ihm vorgegangen ist – Gefühle können täuschen und tricksen, heißt es, deshalb seine pathologische Tagebuchschreiberei). Und A. hat ihn geliebt (sie wird vermutlich ein Buch schreiben, um klarzustellen, dass alles ein Missverständnis war, weil sie dachte, „wir würden alle sterben“, damals. Sie erinnern sich? Unselige Zeit, ja.). Ich hätte das Ganze natürlich abkürzen und zum springenden Punkt kommen können, nicht? Also, hören Sie mir zu, was mir E. zusteckte, nämlich den Umstand, dass ihn A. als „Bruder“ liebte. Verstehen Sie? Die traumtänzerische Ingeborg, die sich nach Freiheit und Unabhängigkeit sehnte, in einer Epoche, in der das ohne Ehemann gar nicht einfach war, sie hatte eine „väterliche Liebe“ für ihren Max übrig und gedachte, dass diese Beziehung endlich etwas Verbindliches hätte (so verbindlich wie es nun einmal zwischen Vater und Tochter oder Bruder und Schwester ist: man sei immer füreinander da). Ich muss Ihnen hoffentlich nicht sagen, dass die Männer, also E. und Max, eine andere Art der Liebe erwarteten und erhofften. Deshalb diese Streitigkeiten, in denen sich alle missverstanden fühlten. Deshalb die Verletzungen und Verstoßungen, weil jeder vom anderen eine Erwartung hatte, die niemals erfüllt hätte werden können. Übrigens, ich habe meine Hausaufgaben gemacht, will ich anmerken, und verweise auf die Behandlungs-Traumnotizen der Ingeborg Bachmann, die scheinbar an die Öffentlichkeit gelangt sind. Wie das möglich ist, ist mir ein Rätsel. In diesen Notizen erzählt sie jedenfalls von einem „Vater“, der, Simsalabim, als Max Frisch zu deuten ist. Gerade jetzt lese ich in Gantenbein von „ihrer schwesterlichen Freude“ über seine „beruflichen Erfolg“. Interpretiert man demnach die Briefe mit diesen zwei verschiedenen Liebesarten, dann versteht man dieses Aneinandervorbeilieben. Vollständigkeitshalber sei an dieser Stelle erwähnt, dass das Buch während ihrer Beziehung und Trennung entstanden ist. Bachmann las das Manuskript mehrmals und bestand auf Änderungswünsche, die Max Frisch umsetzte.

Über eine Sache, da bin ich noch am Grübeln und die behandelt die Krise der Ingeborg Bachmann, die scheinbar nur klinisch zu bewältigen war. Auch da eine vage Ahnung, die, so sie sich bewahrheitet, Bachmanns Auslöschung verständlicher macht, aber wie sollte solch eine schwerwiegende Tatsache jemals an die Öffentlichkeit gelangen, würde sie doch mit Sicherheit unter allen Beteiligten, die davon wüssten, streng geheim bleiben.

Zu guter Letzt gäb’s dann noch diese ominöse Gruppe 47 und ihre Umtriebe im gesellschaftlichen Getriebe der Nachkriegszeit und des Kalten Krieges. Apropos. Ingeborg Bachmann lernte Henry Kissinger kennen, der sie 1955 zur Harvard Sommer School in den USA begrüßen durfte. Eine Dichterin aus der österreichischen Provinz mit pazifistischer Gesinnung, deren guter Freund Henze die Amerikaner als „Schweine“ bezeichnete, weil sie wieder einmal ihre Bomberflugzeuge von italienischen Militärbasen gen Süden schickten, diese Dichterin tauscht sich mit dem bald einflussreichsten Politiker der Welt aus? Es gibt wahrlich Ereignisse, die einen konspirativen Geist die Haare aufstellen und einfach nicht zur Ruhe kommen lassen. Da fällt mir gerade ein, dass Kissinger einmal anmerkte, dass Macht das ultimative Aphrodisiakum sei. Jetzt geh ich schlafen.

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