Ich lege das Taschenbuch MONTAUK von Max Frisch zur Seite, öffne das Notebook und will mich an einer ähnlichen literarischen Autobiographie probieren. Freilich, da ich weder berühmt, ja, noch nicht einmal bekannt bin, ist es ein gewagtes Unterfangen, will man die realen Protagonisten, die auf der Bühne meines Lebens auftreten, nicht vor den Kopf stoßen. Vielleicht, sage ich mir, würden sie sich geschmeichelt fühlen. Später einmal. Wenn das Gegenwärtige längst eine verblassende Erinnerung ist, die nur noch ein achselzuckendes Empfinden auslöst.
Sie stieß recht spät zur Gruppe. Ich war erleichtert. Eine Frau. Ich nenne sie E. Mich verblüffte die Anzahl der Männer, die ich hier nicht erwartet hatte. Als ich eine halbe Stunde zuvor in das kleine Bürozimmer trat, saß nur eine junge Frau am Ende einer Tischreihe. Ich nenne sie J. Sie beschäftigte sich mit Zwirn und Faden. Neugierig ging ich näher, wir begrüßten uns und ich setzte mich an ihre Seite. Ich merkte, wie ich in ihrer Gegenwart aufzublühen begann, was einen Frageschwall zur Folge hatte, was sie hinnahm, aber nicht goutierte. Ich merkte es. Natürlich zu spät. Sie faszinierte mich. Weil ich sie zu jenen jungen Frauen zähle, die in ihrer Schüchternheit gar nicht auf die Idee kommen, anziehend auf die Männerschar zu wirken. Später, als ich mich eingehender mit ihr unterhalten durfte, merkte ich ihre zarten Gesten, mit der sie das Gesagte humorvoll unterlegte. Vor mir, neben mir, stand ein Rohdiamant und ich hoffe, dass sich ein gefühlvoller Juwelier finden wird, der diesen Edelstein würdig einzufassen weiß.
Diese junge Frau, die ich J. nenne, lenkte meine ganze Aufmerksamkeit lange auf sich, weshalb ich E. nur am Rande wahr nahm. Das änderte sich, als sie mir ein Märchen vorlas, das sie einmal geschrieben hatte. Ich hörte zu, hörte hin. Seltsam, dachte ich mir, manche Passagen hätten von mir sein können. Meine Faszination war geweckt. Wer war diese Frau, die seit jungen Jahren in der musischen Welt zu Hause war und sich graziös in Worten und Gesten auszudrücken verstand? Ich trat näher. Soweit es mir erlaubt war. Sie blieb an der Seite. Die Unterhaltung, im Gehen geführt, deutete auf eine musische Verbindung zwischen uns hin. Aber Andeutung allein bringt mich keinen Schritt weiter. Will ich mit ihr in die musische Welt gemeinsam eintauchen, braucht es eine Einladung von meiner Seite. Aber Einladungen, ausgesprochen in der nüchternen Wirklichkeit, können verstörend wirken. Weil der Dichter und der Mann niemals vollständig voneinander getrennt werden können. Der Mann giert nach Realität, der Dichter nach Inspiration. Was folgt ist ein Balanceakt, der das in Gang gesetzte bescheidene Feuer nicht ausgehen lassen darf.
Max Frisch bediente sich ungeniert seiner Erlebnisse und Erfahrungen. Seine langjährige Lebensgefährtin Ingeborg Bachmann lehnte sich auf, wollte nicht als literarisches Objekt in seinen Büchern missbraucht werden. Gott sei Dank ließ sich Max Frisch nicht beirren, sonst hätte sich die Welt im Rätselraten üben müssen und den dramatischen Schlagabtausch zwischen himmlischer Poesie und nüchterner Erzählkunst niemals erfahren dürfen.
Da saß er nun im Kaffeehaus, legte das Tagebuch zur Seite und dachte unentwegt an die Einladung. Die Formulierung ist von größter Bedeutung. Es gilt, der Frau eine Ausflucht zu bieten, will er weiterhin mit ihr in Verbindung bleiben. Dummerweise entschied er sich für eine Formulierung, die musisch verklärt wirkte und einer Interpretation bedurfte. Nach einer Weile kam die Antwort. Musisch verklärt. Seufzend nickte er, wohl wissend, dass der Karren im Schlamm steckte. Schließlich versuchte er es nüchterner, banaler. Es brauchte ein Hin, ein Her, ein Hin, ein Her, bis die Einladung als solche verstanden wurde. J. scheint der musischen Unterhaltung nicht abgeneigt zu sein, freute er sich. Trotzdem, das gelebte Leben lehrte es ihm, durfte er sich seiner Sache niemals sicher sein.
Wie lange mag es jetzt her sein, der letzte Brief? Ich habe es ihr mitgeteilt. Kurz und knapp, beinahe bestimmend, dass ich darüber nachdenke, einen Brief zu komponieren. Je nach weltlichem Umstand und weiblicher Adressatin kann ich aus dem Inner(st)en schöpfen und eine verzaubernde Minne aufs Papier singen. Max Frisch blieb als Briefsteller am Boden, fest mit der Wirklichkeit verankert, so wie man es von einem Architekten erwarten durfte. Ingeborg Bachmann ließ sich von ihrem Inner(st)en leiten, immer wieder den Boden verlassend (nur um später oftmals herabzustürzen).
Ja, Mann und Dichter werden um jedes Wort, jeden Satz, ringen. Er weiß es. Aber noch ist kein Beginn gemacht, kein Punkt gesetzt. Kleinigkeiten können jetzt seine Gedanken stören. Und ist der Bogen einmal überspannt, trifft kein Pfeil das Ziel. Ein Brief. Schließlich. Endlich.
Vielleicht.

Hinterlasse einen Kommentar