Das Unbeschreibliche beschreiben wollen: Die Wonnen des Schaffens

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Vor einer Stunde quoll mir die selbstbewusste Kraft aus allen Poren. Diese Kraft ist ironischerweise sehr fragil und zeigt sich selten. Deshalb musste ich versuchen, diesen Moment festzuhalten. Aber mit jeder Minute, die ich im Alltag verbringen muss – da reicht schon eine lästige Wartezeit auf die Straßenbahn, das Mitanhören einer konfusen Konversation am Nebentisch – vergeht dieser besondere Moment und ist nur noch ein erahntes Gefühl. Tatsächlich ist es nicht möglich, dieses Gefühl zu beschreiben – und doch will sich der von der Muse umgarnte Dichter nicht damit zufriedengeben und versucht sich am Unbeschreiblichen.

Das Fräulein Schindler, noch keine 19 Jahre jung, kurz vor der Jahrhundertwende, sehnt sich nach den Wonnen des Schaffens, ist sie von wahren Künstlern umgeben, die sie anhimmelt und verklärt. Ihr Herz hat sie an ein Genie verloren, der in zerrütteten Lebensverhältnissen sein Dasein fristet und dabei es am Ende zuwege bringen wird, 14 Kinder in die Welt zu setzen. Seine Gemälde sollten später einmal Weltberühmtheit erlangen – lange nach seinem Tod. Ja, die Wonnen des Schaffens sind unbeschreiblich.

Dabei hat der gewöhnliche Mensch keine Vorstellung davon, was es heißt, wahrer Künstler zu sein. Ein langer, mühseliger Anstieg, niemals Gewissheit, die Bergspitze überhaupt erreichen zu können, oftmals Unwetter, unzählige Gefahren und Hagelschauer. Verzweiflung und Niedergeschlagenheit begegnen einen an jeder Wegkreuzung. Der Künstler könnte umkehren, sich in Sicherheit bringen und endlich Ruhe finden – aber das ist ihm nicht möglich. Weiter muss er. Immer weiter. Die Hoffnung lässt ihn einen Schritt machen. Und einen zweiten. Einen dritten. Und so fort. Trotz größter Erschöpfung lässt er von seinem Ziel nicht ab. Doch Gewissheit gibt es nicht. Oder, wie Schnitzler einst feststellte: „Sicherheit ist nirgends“. So ist das.

Dabei gibt es unterschiedliche Schaffensphasen. Die Bekannteste ist wohl der Moment der Inspiration und der Beginn des Schaffens. Der Künstler schließt sich von der Wirklichkeit aus – will nur noch in seinem Werk leben. Dieses Gefühl ähnelt dieser so häufig gebrauchten Floskel, man sei „in the flow“. Jeder kennt diesen Moment, wenn man die Umwelt um sich herum nicht mehr wahrnimmt und völlig in seinem Tun gefangen ist. Ein spannendes Buch, ein immersives Game, eine prickelnde Unterhaltung mit der Geliebten – alles, was einen von der Wirklichkeit unseres Daseins entfernt, zählt dazu. Der große Unterschied bei alledem ist das Endergebnis. Einzig in der wahren Kunst (und der echten Liebschaft) entsteht ein besonderes Werk, das den Menschen, der es erschaffen hat, überdauern wird.

Die größte Wonne des Schaffens ist am Ende zu finden, wenn endlich alles an seinen Platz ist und der Gipfel erreicht. Kurz darf man rasten und auf das Geleistete zurückblicken. Das Selbstbewusstsein dringt in Kopf und Körper. Ist der wahre Künstler mit seinem Werk vollkommen zufrieden, geht ihm das Herz über. Wonne, will er ausrufen und diesen Moment greifen. Natürlich gelingt es ihm nicht. Der Abstieg – nicht minder gefährlich und kräfteraubend – ist bereits als vager Gedanke gedacht – aber dank des überquellenden Selbstbewusstseins glaubt sich der wahre Künstler unbesiegbar und sonnt sich in der Wonne.

Ewig möchte der Künstler auf diesem Gipfel verweilen. Ewig. Aber das ist nicht möglich. Er weiß es. Er weiß es nur zu gut. Und so mischt sich in der größten Wonne bereits ein klagendes Seufzen. Freilich, noch ist es leise, lächerlich leise – aber bald wird es anschwellen. Dann beginnt der Abstieg. Schritt für Schritt ins Tal – dort, wo die Wirklichkeit, kurz die Endlichkeit, wartet. Keine schönen Aussichten – und doch ist es der Lauf der Dinge.

Tief durchatmen. Gestern in der Wonne des Zufriedenseins eingetaucht. Die verspürte Kraft hätte ausgereicht, die Welt aus den Angeln zu heben. Die nächsten Tage werden meine Zufriedenheit auf den Prüfstein stellen. Erst wenn man sein Werk aus der Hand gibt, wenn es den geschützten Raum verlässt, zeigt sich, wie ausgeprägt das Selbstbewusstsein wirklich ist. In dieser Hochphase ist man für Kritik unempfänglich und lächelt jeden Einwurf achselzuckend zur Seite. Was nicht heißen soll, dass der Künstler den Kopf in den Sand steckt. Im Gegenteil. Ist die Wonne aufgebraucht, besinnt er sich – und entscheidet aus der nötigen Distanz, ob sein Werk fertig ist oder nicht. Es ist eine Prüfung, die letzte, die Werk und Künstler zu bestehen haben.

Später einmal, wenn ich gefragte werde, wie es ist, die Wonnen des Schaffens zu erfahren, dann will ich mich erinnern. An diese Tage. An diese Stunden. Geschrieben in einer Wiener Kurkonditorei, nicht unweit des Stephansdoms, der zu mir gehört wie ich zu ihm. Azadeh hat mich nun 23 Jahre begleitet. Wie viele Jahre mir noch gegeben sind, niemand weiß es. Es tut auch nichts zur Sache. Nicht heute. Habe ich alles richtig gemacht, mit dem Buch Azadeh, dann will ich es so bald wie möglich veröffentlichen. Ja, das Selbstbewusstsein quillt aus jeder Pore und der feste Glaube, ist es gar Überzeugung?, an den Erfolg sitzt fest im Herzen. Jeder Tagtraum scheint realer als sonst. Alles ist möglich. Nichts unmöglich. Schließlich und endlich versuche ich mich, das Unbeschreibliche zu beschreiben. Es wird mir nicht gelingen. Darin liegt der Kern der wahren Kunst, nämlich das Göttliche in ein Werk fassen und damit ins Unsterbliche greifen zu wollen. Ein lächerliches Ansinnen. Ist es?

Jetzt heißt es, den Moment genießen, dem Steffl meine Aufwartung machen und mich artig bedanken. Erinnere dich! An diesen Samstag, an diesen Sonntag, überhaupt an Ostern 2002 und Ostern 2025. Eine ganze Generation steckt in Azadeh.

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