Vom Sturm auf die Bastille zum Sturm auf unsere Geldbörse

By

Ich wollte eine französische Boulangerie-Pâtisserie – Bäckerei mit Handarbeit – in der Wiener Innenstadt aufsuchen. Dummerweise ist am Montag Ruhetag, so musste ich unverrichteter Dinge weiterziehen, nicht ohne einen neugierigen Blick in die Fenster zu werfen.

Allerhand. Ich dachte ja, diese Bäckerei wäre ein kleines familiär geführtes Lokal. Stattdessen hat es unglaublich luxuriöse Ausmaße und es steht zu befürchten, dass man hier sein Wochengehalt hinblättern muss, will man standesgemäß frühstücken. Heute, am Bastille-Tag, dem französischen Nationalfeiertag, hätte ich mir diese Ausgabe geleistet – als Andenken an jene, die der Revolution zum Opfer gefallen sind. Freilich, nichts ist, wie es im Geschichtsbuch steht, immer gibt es Kräfte im Hintergrund, die Fäden ziehen und lose Enden verbinden. Stefan Zweig deutet in seinen beiden Büchern vieles an – und ich habe die stumme Vermutung, dass er versuchte, Ecken und Kanten zu glätten. Warum hätte er es tun sollen, wird man jetzt fragen? Vielleicht, weil ihm keine andere Wahl blieb.

Beschäftigt man sich mit Revolutionen wird einem schnell klar, dass diese geleitet und geführt werden. In meiner Tiret-Saga, die den Vorabend der Revolution von 1789 zum Thema hat, ist die Unzufriedenheit der breiten Masse längst am Köcheln, nimmt die Willkür der privilegierten Klasse sowie die Besteuerung immer weiter zu. Durch die Revolution entwickelt sich die Idee des Nationalstaates und damit des Nationalismus, der von nun an, im Guten wie im Schlechten, die Welt in Atem halten wird. Als Gegenstück entsteht wenig später der Internationalismus, der im Osten Europas Fuß fassen und die geopolitische Welt für viele Jahrzehnte auf den Kopf stellen sollte. Und immer gibt es Kräfte, die jeden Ismus nur dazu verwenden, das bestehende gesellschaftliche Machtgefüge aufrechtzuerhalten: oben ist oben, unten ist unten. Die oberen Zehntausend, die wir Elite nennen und in ihrer Anonymität unangreifbar sind, bedienen sich einflussreicher Handlanger, die allen bekannt sind, um das Bestehende nicht zu gefährden. Schlag nach bei Edward Bernays, dem Doppelneffen von Sigmund Freud, der keinen Hehl daraus machte und in seinem im Jahr 1928 veröffentlichten Buch Propaganda schreibt:

»Unsere muss eine Herrschafts-Demokratie sein, administriert von der gebildeten Minderheit, die weiß, wie man die Massen kontrolliert und führt«.

Vor 236 Jahren wurde die Bastille gestürmt, heißt es. Tatsächlich verlor Gouverneur Marquis de Launay die Nerven, weigerte sich, die Burg zu verteidigen, gab Anordnung, die Zugbrücke herab- und die aufgepeitschte Menge einzulassen. Obwohl ihm freies Geleit zugesichert wurde – mit Sicherheit ist es nicht mehr festzustellen, ob das Versprechen gegeben wurde -, fand sich sein Kopf alsbald auf einer Pike. Er war das erste privilegierte Opfer einer gesellschaftlichen Umwälzung: Der Blutadel machte dem Geldadel Platz, der fortan in der hierarchisch geführten Familie den Kern allen Widerstands sah. Von da an wurde viel unternommen, um die Familie zu atomisieren und die Gesellschaft zu spalten. Divide et impera. Und falls es Widerstand gibt, greifen die Handlanger der Elite gerne auf Gewalt zurück. Jason Gould, Eisenbahnpionier und Finanzier in den USA, soll einmal gesagt haben:

»Ich kann eine Hälfte der Arbeiterschaft anstellen, um die andere Hälfte umzubringen.«

Was die Zukunft für uns gewöhnliche Bürger bereithält, ist nicht zu erfassen, bleiben wir, was wir immer waren: ein Spielball der Elite. Möchte man etwas im Großen verändern, ist es deshalb ratsam, im Kleinen zu beginnen.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..