Die beiden Filme von Autorin und Regisseurin Celine Song, die sich um die Liebe in modernen Zeiten drehen, können unterschiedlicher nicht sein. Ihr erster Film Past Lives ist eine wundervoll in Szene gesetzte „Was wäre wenn“-Geschichte zwischen einer Koreanerin, die mit ihren Eltern in die USA emigrierte und ihrer Jungendliebe, der in Korea blieb. Jahrzehnte später treffen sie sich für ein paar Tage in New York und vergehen sich gemeinsam in einem Tagtraum, der Vergangenes wie Gegenwärtiges hinterfragt und eine mögliche Zukunft in den Himmel malt, die sich wie Balsam um beider Seelen schmiegt, nur um am Ende feststellen zu müssen, dass die Realität nicht zu ändern ist. Dieser Film ist ein beeindruckendes Zeugnis dafür, dass es nicht vieler Worte bedarf, um die besondere Verbindung zwischen zwei Menschen auf dem Bildschirm schauspielernd sichtbar und spürbar zu machen, vorausgesetzt, die Schauspieler verstehen ihr Handwerk.
Im Gegensatz dazu ist der zweite Film von Celine Song Materialists mit drei hochkarätigen US-Schauspielern besetzt, weshalb es schwer fällt, dieses Liebesdreieck für bare Münzen zu nehmen. Fifty Shades of Grey meets Captain America meets Pedro Pascal. So ist man als Zuseher völlig unbeeindruckt vom New Yorker Liebeshändel, der sich tatsächlich als schwindelerregende Schacherei herausstellt. Am Ende, war es nicht zu erwarten?, siegt die Liebe, nicht Geld. Gut möglich, dass die Filmemacherin anderes mit den Protagonisten vor hatte – aber Hollywood kann sich kein rührseliges Drama wie Past Lives leisten, es braucht das Happy End. Schließlich geht es im wahren Businessleben um Einspielergebnisse, also doch wieder nur ums Geld.
Faszinierend ist der Umstand, dass in Past Lives der Ehemann der koreanischen Protagonistin (genauso wie im wirklichen Leben der Filmemacherin) ein jüdischer Autor ist, der sich in Zweifel ergeht. Ich gehe davon aus, dass der Dialog – im Ehebett gesprochen – gemeinsam entstanden sein muss, ist der Zweifel in der jüdischen Seele fest verankert: Arthur Schnitzler schrieb „Die Traumnovelle“ und Woody Allen filmte „Annie Hall“, um zwei der bekanntesten Autoren zu nennen, die sich eingehend mit dem Liebeszweifel auseinandersetzten. Einmal tiefgründig, einmal amüsant, und immerzu unterhaltend.
Reden wir über die Liebe. Besser: Versuchen wir uns an einer Erklärung, die natürlich niemals ins Schwarze treffen kann. Alleine der Begriff ist so vieldeutig und damit schwammig, dass das Wort alles und nichts bedeuten kann. Es gilt zu unterscheiden. Zum einen gibt es da die Kraft der Natur, zum anderen die Hemmung der Zivilisation. In Materialists übt sich sich die Protagonistin in einer banalen Vorstellung: Wie mag die erste Liebe zwischen Steinzeitmenschen ausgesehen haben? Natürlich ist diese Vorstellung eine einzige Lächerlichkeit – sieht man das Paar in trauter Zweisamkeit vor ihrer Höhle sitzen. Die Realität mag anders ausgesehen haben, ging es die längste Zeit um gemeinschaftliches Überleben in widrigsten Umständen. Deshalb ist in uns noch immer das Stammesdenken spürbar, wollen wir zu einer Gemeinschaft gehören. Nur gemeinsam, wenn alle an einen Strang ziehen, war das Überleben des Einzelnen und des Stammes überhaupt möglich. Mit Beginn der Industrialisierung sollte sich diese Lebensform ändern: die Fabriken benötigten Arbeiter, die vom Land in die Stadt zogen. So lange die Bauernhöfe die benötigten Arbeiter „lieferten“, so lange machte sich keiner Gedanken über Lebens- und Liebesbedingungen im urbanen Umfeld. Erst in den 1930er Jahren, in der Mitte Europas, fand ein von oben verordnetes Umdenken statt, das sich in den 1950ern fortsetzen sollte. Da das Land durch die industrialisierte Landwirtschaft immer weniger Großfamilien benötigte, mussten die Arbeiter aus der Stadt kommen. Die weltweite Entwicklung zeigt, dass Wohlstand genauso wie Zukunftsängste auf der einen Seite als auch ein ungesunder Individualismus zu Geburtenraten führen, die nichts Gutes bedeuten – so man bestehende Kulturen und überlieferte Traditionen als schützenswert erachtet. Geht es nach verwirrt-klugen Köpfen, ist die Welt von morgen ein von Marketingleuten ersonnene globale Kitschkultur, in der alle Bürger in einen Topf geworfen werden. Das Wahre, das Schöne, das Gute wird so lange verkocht, bis nur noch eine seelenlose Maische übrig ist, die jede künstliche Geschmacksrichtung annehmen kann.
Die Liebe in all ihren Facetten, wenn man so will, ist vielleicht die einzige Möglichkeit, diesem gleichmacherischen Trend entgegenzuwirken. Ist man noch jung und möchte politisch-sozial etwas verändern, dann ist der erste Schritt die Gründung einer Großfamilie. Alles Weitere ergibt sich von alleine. Die Großfamilie war den Mächtigen seit jeher ein Dorn im Auge. Im Besonderen wenn sie unabhängig das Land bestellte. Nicht von ungefähr zerstörten die Bolschewiken Jahre nach ihrer Machtergreifung die Kleinbauern und formten die industrialisierten Kolchosen. Die sich daraus ergebende Lebensmittelknappheit nahmen die Revolutionäre in Kauf, galt es, jeden möglichen Widerstand gegen die Umformung der Gesellschaft im Keim zu ersticken.
Südkorea hat gegenwärtig die niedrigste Geburtenrate aller westlichen Länder (0,7) und macht damit deutlich, was geschieht, wenn wirtschaftlicher Erfolg über alles gestellt wird. In gewisser Weise zeigt Celine Song in Materialists ein Gegenmodell, in dem die Liebe über den wirtschaftlichen Erfolg gestellt wird. Was der Film freilich nicht zeigt, ist die Frage, wie es weitergeht mit den beiden – längst in die Jahre gekommenen – verliebten Protagonisten. Die Verbindung zweier Menschen kann immer nur Fundament sein. Die Idee einer bewussten kinderlosen Partnerschaft ist die Erfindung der Überflussgesellschaft, die Glück und Zufriedenheit durch Konsum und Karriere verspricht. So gesehen tragen die beiden Filme nichts dazu bei, die Geburtenraten in den westlichen Ländern zu erhöhen. Dieser Umstand dürfte von oben gutgeheißen werden. Wie kann das sein? Ja, das ist eine gute Frage. Vielleicht wurden die bolschewistischen Ideen über die Jahrzehnte einfach nur weiterentwickelt und es geht insgeheim noch immer um die Umformung der Gemeinschaft. Falls Sie eine andere Erklärung für die von oben propagierte und zuweilen erzwungene kinderlose Gesellschaft haben, ich bin ganz Ohr.

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