Meine Vergesslichkeit genauso wie das Baustellenwirrwarr in den Sommermonaten führten mich zur ehemaligen Wiener Börse und an jenem Kiosk vorbei, in dem Claire immer wieder aushalf, um ihr Studium zu finanzieren. Wir lernten uns in der Bank kennen. Lange, ja, sehr lange ist das jetzt her, als wir uns in der Creditanstalt-Bankverein, während des Börsenbooms Anfang der 1990er, über den Weg liefen. Ich war Mitarbeiter, sie Praktikantin. Wir fanden uns sympathisch und freundeten uns an. Wir gingen ins Kino. Unternahmen Fahrrad-Ausflüge an der Donau. Tollten im Gras. Lernten einander besser kennen. Was man eben so macht, wenn man noch jung und unerfahren ist. Jedenfalls begleitete ich sie eines späten Abends nach Hause. Vor dem Eingangstor zu ihrem Mietshaus – wir wohnten beide noch bei unseren Eltern, Wohnraum war damals nicht leicht zu bekommen – plauderten wir ein wenig, bevor wir uns verabschiedeten. Da war er, der Moment, wo ich Claire einen Kuss hätte antragen können. Aber ich getraute mich nicht. Was wäre wohl geschehen, steigt mir diese Frage in den Kopf, als ich an diesem besagten Kiosk vorbeischlendere, hätte ich diesen Schritt gewagt und Claire geküsst?
Gottlob ist es niemandem gegeben, zu wissen, wohin die eine oder andere Abzweigung im Leben geführt hätte. Wir können mit unserer Phantasie, die aus gelebter Erfahrung gespeist ist, bloß Vermutungen anstellen. Hätte Claire den Kuss erwidert, davon möchte ich jetzt einmal ausgehen, dann würde sich die freundschaftlich-unschuldige Beziehung in eine ernsthafte Liaison verwandelt haben. Kurz, wir wären ein Paar geworden und ich hätte meine Sporen der Männlichkeit ein paar Jahre früher verdient.
Ach, was war ich damals ahnungslos jung im Herzen, das nur oberhalb der Gürtellinie schlagen durfte. An einem Sommertag, ich habe die Bilder noch gut im Kopf, holte ich Claire von zu Hause ab. Als sie aus dem Haustor kam, traute ich meinen Augen nicht. Sie war mehr als sonst geschminkt, trug ein eng anliegendes kurzes, recht luftiges Strickkleid, das der Phantasie gar keinen Spielraum gab und hatte hochhackige Schuhe an ihren schlanken Füßen. Was soll ich sagen? Natürlich war ich wie vom Blitz getroffen und völlig eingeschüchtert. Lieber hätte ich sie in einem schnöden Trainingsanzug gesehen, der mich nicht so unter Druck gesetzt hätte. Durch meine Unerfahrenheit hatte ich Hemmungen, mit Claire intim zu verkehren oder ihr den Sachverhalt näherzubringen. Wäre ein Geständnis nicht überaus peinlich gewesen? Somit musste sich diese Beziehung auflösen.
Heute, mehr als drei Jahrzehnte später, sehe ich diesen Jungen vor mir, der bereits als erwachsen galt, aber noch völlig grün hinter den Ohren die ihm fremde Welt – im Inneren wie im Äußeren – staunend erkundete. Dieser tollpatschig-naive Junge, er steckt natürlich in mir, sieht gerade zum Himmel.

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