Als man in Wien in den 1960ern Jahre eine Kirche platt machte, um eine Autostraße zu bauen, war das einem Wirtschaftsoptimismus geschuldet. Nach dem wirtschaftlichen Aufschwung in den 1950er Jahren – Europa schüttelte den Weltkrieg von sich ab – sahen Experten und Politiker für die Wirtschaft eine rosige Zukunft vor sich. Man war bereit, ein kleines Kirchlein, das längst keinen Platz mehr in der Gesellschaft hatte, für den Fortschritt zu opfern. Die Kinder, so ging das Lied, sollen es einmal besser haben. Und in der Tat, die nachfolgenden Generationen hatten und haben es besser, materiell gesehen, verglichen mit den Jahren nach 1945 – aber die Latte liegt damit ziemlich tief.
Doch was in den 1950ern als Wirtschaftswunder begann, hat ein Uhrwerk in Gang gesetzt, das dem Menschen unaufhörlich den Takt vorgibt und aus dem es kein Entkommen gibt, will man das Uhrwerk nicht zerstören. Dieses taktgebende System ist in seiner Machart so unmenschlich, dass man es nicht glauben kann: Leben wir im Westen nicht im Luxus – verglichen mit all den anderen Ländern dieser Welt?
Das System, das nach 1945 von Washington und der City of London im Westen Europas in Gang gesetzt wurde, ist eine nicht aufzuhaltende Vakuumpumpe, die langsam, aber beständig jedes Sauerstoffmolekül aus der Kammer saugt, bis jegliches Leben darin erstirbt. Seltsamerweise sind sich Experten und Politiker nur darin uneins, wie man sich in der Kammer einzurichten hat und wie man sich darin verhalten soll – die Vakuumpumpe, das System, wird niemals infrage gestellt. Somit ist das Ende absehbar: Um die Auslöschung zu verhindern, muss erneut Luft in die Kammer gebracht werden, was wiederum Zeit und eine Verschnaufpause einbringt. Eine große gesellschaftliche Einwirkung – Krieg, Epidemie, Wirtschaftskrise, Revolution, Umweltkatastrophen – bringt dies zustande. Nur dann erlaubt die Bevölkerung einen Reset, einen tiefen Einschnitt in das gesellschaftliche Leben und damit einen Neubeginn, der wiederum in einem Reset enden muss.
In den 1930er Jahren wurde das bestehende System in der Mitte Europas mittels einer Revolution infrage gestellt. Was folgte, war ein Experiment, das die Welt in solch einem Ausmaß noch nie gesehen hat. Ein Jahrzehnt später wurde das Experiment terminiert und das System wieder in Gang gesetzt.
Gegenwärtig, am Ende des Sommers 2025, fürchtet die westliche Elite das Ende des Ukraine-Konfliktes und damit eine für sie ungünstige Neuordnung der Wirtschaftswelt, in der Moskau und Peking eine gleichwertige Rolle einnehmen. Der Kuchen wird gerechter verteilt werden müssen, was wiederum für den Westen bedeutet, schmerzhafte Einschnitte hinnehmen und damit großzügige Opfergaben aufbringen zu müssen. Politiker arbeiten deshalb fieberhaft daran, die Schuld auf externe Faktoren abzuwälzen:
Ist der „Ukraine-Krieg“ (und damit Russland) nicht Schuld an der Misere? Gab es nicht eine Pandemie, die uns in große Schulden stürzte? Ist nicht eine militärische Aufrüstung unerlässlich, will man sich vor Moskaus Ambitionen schützen? Müssen wir nicht dem „menschengemachte Klimawandel“ Tribut zollen und in eine grüne Zukunft investieren?
Freilich, will man so weit gehen, das Uhrwerk infrage zu stellen, läuft man Gefahr, von Sittenwächter an die 1930er Jahre erinnert zu werden und öffnet damit Pandoras Kistchen. Wer würde sich dann noch getrauen, hier fest und mutig das Faktische vom Propagandistischen zu trennen? Es wird eine zweite Aufklärung brauchen, will man das Problem an der Wurzel packen. Erst wenn der aufgeklärte Bürger den Mut aufbringt, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und sich kein von oben verordnetes X für ein U vormachen lässt, ist die Gesellschaft in der Lage, endgültig über den Moloch den Stab zu brechen.
„Die Karthager sannen über die Ursache ihres Unglücks nach. Da fiel ihnen ein, daß sie das jährliche Opfer, das sie dem tyrischen Melkarth schuldeten, noch nicht nach Phönizien gesandt hatten. Ungeheurer Schrecken erfaßte sie. Offenbar zürnten die Götter der Republik und wollten gründliche Rache üben. Man sah in den Göttern grausame Herren, die man durch Gebete besänftigen und durch Weihgeschenke gewinnen konnte. Alle aber waren ohnmächtig vor Moloch, dem Verschlinger. Das Leben, sogar das Fleisch der Menschen gehörte ihm. Daher war es bei den Karthagern Brauch, ihm einen Teil davon zu opfern, um seine Gier zu stillen …“
„Alle bejahten die Frage des Oberpriesters der Reihe nach durch Kopfnicken. Auch Hamilkar mußte dem Brauch gemäß antworten: »Ja, so sei es!« Darauf ordneten die Alten das Opfer durch eine herkömmliche Umschreibung an; denn es gibt Dinge, die schwerer auszusprechen als auszuführen sind.“
Salambo
Gustave Flaubert

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