Ich sehe zum blauen Himmel. Es ist ein Spätsommerwochenende wie es herrlicher nicht sein könnte. Vor einem Jahr hast du ein letztes Mal gelächelt. So viele Erinnerungen. So viele Geschichten. Ich bin Schriftsteller, ich habe die Verpflichtung, sie zu notieren.
Vor exakt einem Jahr war es, am 20. September, als mich der Anruf erreichte. Ich war auf dem Weg nach Hause. Sehr später Abend. Die mir fremde Stimme sagte in einem leisen, sanften Ton, dass du dich verabschiedet hättest und nicht mehr nach Hause kommen würdest. Dein Leidensweg war damit zu Ende. Am Tag davor, erinnerst du dich noch? – brachte ich dir Tortenstücke vorbei. Zu deinem Geburtstag wollte ich mich nicht lumpen lassen. Aber du warst zu müde, wolltest keinen Bissen zu dir nehmen. Also blieben sie alle für mich, obwohl ich ja dieses Zuckerzeugs nur in Maßen konsumieren wollte. Ich steckte sie seufzend in meinen Rucksack. Wiederum einen Tag zuvor, es war ein Mittwoch, musste ich dich mit der Rettung ins Spital bringen. Es war nicht das erste Mal. Ich hatte bereits ein gewisses Maß an Routine. Dabei wäre alles ganz anders verlaufen, hätte es nicht am Wochenende diese Jahrhundertflut gegeben, die alle Pläne durcheinanderwarf. Seltsam, wie das Schicksal oftmals den Hobel ansetzt und man auch mit dem besten Willen nichts auszurichten vermag. An diesem Mittwoch saß ich viele Stunden an deiner Seite in einen dieser unseligen Spitalswartebereichen, die auf moderne Effizienz getrimmt sind, aber jede Menschlichkeit vermissen lassen. Überhaupt habe ich es oft erlebt, wie sich das Gesundheitssystem immer mehr entmenschlicht. Dabei warst du einmal Teil des Gesundheitswesen, nach dem Krieg, den du als Kind miterleben musstest. Aus ärmsten Verhältnissen „vom Land“ kommend, hat sich in der Dorfschule keiner um dich gekümmert. Es war halt Krieg. Du hast dich Zeit deines Lebens gekränkt, „dumm“ geblieben zu sein, nichts gelernt zu haben. Nach dem Krieg, in der Nachkriegszeit, es muss wohl Mitte der 1950er Jahre gewesen sein, hat man dich in Wien als Krankenschwester angestellt. Du hast von diesem Beruf geschwärmt, damals, als die ehemaligen Front-Ärzte noch bodenständig waren und auf Du-und-Du mit den Krankenschwestern nach dem Dienst beisammensaßen, gemeinsam aßen und Wein tranken. Auch wenn die damalige Sechstagewoche anstrengend war, es schien der beste Beruf für dich zu sein, konntest du für andere da sein, dich um sie kümmern. Aber dann musstest du eine Prüfung ablegen, um weiterhin Krankenschwester bleiben zu dürfen.

Du bist durchgefallen, weil du ja „dumm“ warst und nichts gelernt hast. An deiner Erzählung erkannte ich später, dass die Gesellschaft, die sich aus den Trümmern ein weiteres Mal emporhob, den falschen Weg einschlug. Du wärst die perfekte Krankenschwester gewesen, fürsorglich, reinlich, zuvorkommend, lächelnd, sich jeder Arbeit annehmend und dabei immer das Menschliche im anderen sehend. Aber die Bürokratie eines Landes im wirtschaftlichen Aufbruch wollte all diese Vorzüge nicht gelten lassen. Der Stempel wurde wichtiger als das Herz, das man dir mit dem Hinauswurf sicherlich gebrochen hatte. Später, ich war bereits auf der Welt, warst du dir nicht zu schade, „putzen“ zu gehen. Mir war das als Junge peinlich, weshalb ich oft das Thema zu wechseln versuchte, wenn es auf jenes kam, was denn die Eltern beruflich machten. Dabei hattest du eine feste Anstellung in der Zentralsparkasse, viele Freiheiten und hast die Reinlichkeit mit gesundem Menschenverstand auf die Spitze getrieben. Heutzutage ist das alles unvorstellbar. Die moderne Wirtschaftsphilosophie hat das Outsourcing als Kostenersparnis mit vielen Argumenten argumentiert, die Kosten, die Unternehmen und Behörden einsparen, muss freilich der Einzelne und damit die Gesellschaft tragen. Der Besuch in Krankenanstalten oder Pflegeheimen sollte ausreichen, um zu sehen, wie aus Menschen, die eine Geschichte in sich tragen, austauschbare Patienten werden, deren Krankenhistorie der einzig relevante Aspekt ihres zukünftigen Lebens zu sein scheint. Es mag die größte Ironie sein, dass ich hilflos mitansehen musste, wie dich ein herz- und hirnloses System in ein „Isolationszimmer“ wegsperrte, weil das Ergebnis eines sinnlosen Tests es anzeigte und die Belegschaft noch im Jahre 2024 der festen Meinung war, eine Plastikschürze und ein in China mit vielen Chemikalien synthetisch hergestellter „Mund-Nasen-Schutz“ würde vor einer nicht vorhandenen vielmehr von oben verordnete Infektionskrankheit schützen. Die geforderten Maßnahmen, die einfach nur die blanke Augenauswischerei aus politischen Gründen waren, sorgten einzig dafür, dass jene Menschen, die Nähe und Geborgenheit am dringendsten gebraucht hätten, auf eine inhumane Art und Weise zugrunde gerichtet wurden. Dabei ging es auch anders. Nach all der stundenlangen Warterei – ich saß wohl sechs Stunden an deiner Seite und schüttelte minütlich den Kopf, mich dabei fragend, warum unser so viel gepriesenes Gesundheitssystem immer mehr einem privatwirtschaftlichen Unternehmen glich, das sich dem Geschäftsmodell Krankheitsmanagement verschrieben hat – bist du in ein großes Zimmer gekommen. Für die Nacht, sagte man mir, würdest du auf dieser Station bleiben. Der Pfleger, der dich umbettete, kümmerte sich prächtig um dich. Die junge Ärztin, die dich abhorchte und wirkliches Interesse an deiner Person zeigte, scherzte mit dir und ich scherzte mit ihr. Da hast du gelächelt. Vielleicht, weil du gefühlt hast, wie ich in der Nähe attraktiver Frauen aufblühe. Ich war jedenfalls erleichtert als ich mich von dir verabschiedete. Es hätte somit, wie die anderen Male auch, bergaufgehen können. Aber am nächsten Tag, an deinem Geburtstag, bist du in das Isolationszimmer verschoben worden, in jenes enge muffige Zweibett-Zimmer, in dem ich dich mit den Tortenstücken besuchte und mit diesen wieder im Rucksack gehen musste, weil du nichts essen wolltest.

Ich sitze übrigens im Café Pavillion, das in Schönbrunn liegt. Ich habe mir diesen Ort ausgesucht, weil ich mich an dich erinnern will. Damals, als wir noch in Meidling, nicht unweit von hier in der Gatterholzgasse wohnten – eine Mietwohnung, für die Vater eine bombastische Ablöse zahlen musste – da bist du jeden Tag durch Schönbrunn nach Hietzing gegangen, dort, wo sich die Zweigstelle der Zentralsparkasse befand und du am Nachmittag bis am frühen Abend geputzt hast. Zwischendurch hast du zu Hause angerufen. Aber ich hatte nicht viel zu erzählen. Schule. Hausübung. Fadesse. Spielereien. Als wir 1976 an die Donau zogen, hast du dieser Zweigstelle die Treue gehalten. Die Mitarbeiter waren dir zur zweiten Familie geworden. Deshalb hast du den Arbeitsweg, eine Stunde für die Hinfahrt und eine Stunde für die Rückfahrt, auf dich genommen. So habe ich dich nur zum Frühstück gesehen und dann wieder am Abend, wo du dich erst dann ausgeruht hast, wenn der Haushalt erledigt war. Vater hatte kein Händchen dafür. Er sorgte für den reibungslosen Ablauf unseres Alltages in äußeren Belangen, ermahnte uns zu sparen, hatte aber seltsamerweise niemals Gewissensbisse, wenn er teure elektronische Gadgets – Hifi-Anlage, Videorekorder, TV-Gerät, aber auch Videospiele und Homecomputer für mich, usw. anschaffte. Sehr zu deinem Leidwesen. Mit den Jahren hast du immer mehr die Fühlung mit Geldangelegenheiten verloren. Als Vater im Pflegeheim war, habe ich dir immer wieder versichern müssen, dass wir noch genug Geld am Konto hätten und „nicht verhungern müssen“. In einer seltenen Parallelität wollte Vater auch von mir wissen, ob das Geld, das er die längste Zeit wie einen Schatz in der Lade eifersüchtig bewachte, für dich reichen würde. Auch hier zeigte sich wieder, wie einem das Alter unbarmherzig Freiheit und Unabhängigkeit raubt.
Du hast wie Vater den Krieg als Kind erlebt. Obwohl du großen Mangel gelitten hast, zeigte es sich, dass viele Geschwister das Leid und den Hunger erträglicher machen. Ich hörte dich oft sagen, dass es dir ein großes Rätsel sei, wie deine Eltern all die vielen Kinder einzig mit der Hand im Mund ernähren konnten. Diese Armut, die du noch erleben musstest, ist heutzutage unvorstellbar. Aber während Vater sich stets um sein Brot sorgte – er aß zum Frühstück zwei Marmeladebrote, bevor er sich zu seiner Postfiliale in der Josefstädterstraße aufmachte, um dort die Post auszutragen – hättest du auch das letzte Stück uns Kindern gegeben. Damals stand ich auf deiner Seite, aber heutzutage weiß ich, wie schwierig es sein kann, mit leerem Magen seiner Arbeit nachzugehen. Ja, als Kind, als Jugendlicher, als Heranwachsender, was weiß man da schon, wie die Welt da draußen tickt? Man hat zu funktionieren.

Ich habe zwei Kerzen angezündet, gestern, in der Kirche am Gatterhölzl, nicht unweit der alten Wohnung. In diese Kirche dürften wir hie und da zur Messe gegangen sein – auch wenn ich mich daran nicht gut erinnern kann. Später, bereits an der Donau wohnend, habe ich deine mahnende Stimme noch im Ohr: „Jetzt geh mal mit in die Kirche!“ Natürlich wollte ich meinen Sonntag Vormittag nicht in einer Kirche verbringen. Du hast dich geärgert darüber, dass deine Kinder so gar nicht religiös waren. Als ich der Kirche offiziell den Rücken kehrte, warst du lange Zeit schlecht auf mich zu sprechen. Ja, du praktiziertest einen bodenständigen Glauben, einfach gehalten, vor allem im Herzen gelebt. Hin und wieder ertappte ich dich, wenn du mir einen Glücksbringer in die Tasche stecken wolltest. Noch heute habe ich jenes Weihwasser zu Hause, das du mir einmal mitgegeben hast. Vater war in religiösen Dingen weitestgehend pragmatisch. Welch Ironie, dass er im Zimmer seines Pflegeheimes ausgerechnet auf jene Kirche sah, die er als kleiner Junge mit seinen Eltern besucht hatte. Seine elterliche Gemeindewohnung in einem der großen Meidlinger Höfe – tatsächlich durch Bomben beschädigt – war vom Heim in Gehweite zu erreichen. Als Großmutter von uns ging, es war 1980, ich war demnach 12 Jahre jung, habe ich dich beim Begräbnis zum ersten Mal bitterlich weinen sehen. Als ich hinter dem Sarg herging, ich weiß es noch wie heute, habe ich mit meiner drei Jahre älteren Schwester fröhliche Scherze getrieben – aber als ich dich dann so aufgelöst sah, war ich seltsam betroffen und fühlte wohl zum ersten Mal, dass das Leben auch eine dunklere Seiten haben musste, die einem Kind verborgen sind. Im selben Jahr beschenkte mich Vater zu Weihnachten mit einer teuren Videospielkonsole Atari VCS 2600 (Ratenzahlung!) und öffnete damit ein Kapitel, das für mich und die Welt weitreichende Konsequenzen haben sollte. Es war der Beginn der Ver-Technologisierung der nächsten (Burschen-)Generation und damit einhergehend eine Veränderung der Gesellschaft. Freilich, es brauchte eine Weile, aber die Veränderung war nicht mehr aufzuhalten. Später hast du mich immer wieder erstaunt gefragt, warum ich so „gescheit“ sei. Vielleicht hat mir der Zugang zur damals einzigartigen binären Welt, mit 12 Jahren, nicht nur die Augen geöffnet, sondern auch das Gehirn „kalibriert“. Was wiederum zur Folge hatte, dass ich noch mehr zum „Stubenhocker“ wurde und kaum noch aus meinem großen „Kinderzimmer“ herauskommen wollte. Auch da habe ich deine bestimmende Stimme noch in meinem Ohr: „Jetzt komm raus! Du kannst nicht die ganze Zeit im Zimmer bleiben! Das geht nicht! Du musst auch mal an die frische Luft! Jetzt komm schon!“ Zu deinem Ärger blieb ich oft stur. Du würdest dich bestimmt freuen, wenn du hörst, dass ich in letzter Zeit, so es sich einrichten lässt, im Wienerwald meine Kreise ziehe. Ausgerechnet die Gegend um Baden und Mödling, dort, wo wir mit Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen unsere Wanderungen unternahmen. Der Anninger war unser Hausberg, wenn man so will. Die letzten Monate bin ich hie und da hinauf. Aber der Weg von der Goldenen Stiege zum Anninger, den wir seinerzeit immer wieder bewanderten, ist mir nicht in Erinnerung geblieben. Wie oft hättest du dir früher gewünscht, ich würde ausgedehnte Wanderungen „an der frischen Luft“ unternehmen. Seltsam, wie das Schicksal oftmals würfelt.
Ich sehe zum blauen Himmel. Es ist ein Spätsommerwochenende wie es herrlicher nicht sein könnte. Vor einem Jahr hast du ein letztes Mal gelächelt. So viele Erinnerungen. So viele Geschichten. Ich bin Schriftsteller, ich habe die Verpflichtung, sie zu notieren. Und jetzt? Jetzt mache ich mich zur Gloriette auf.
Später. Ich habe mich in den kühlen Bereich des Gastgartens vom Brandauer zurückgezogen. Gut und reichlich gegessen. Den Mokka geleert. Zuvor war ich im Ekazent von Hietzing. Dort, wo deine Filiale und Arbeitsstätte für viele Jahrzehnte war. Die Filiale ist längst verschwunden. Damals hätte es sich niemand vorstellen können, dass die reichen Banken und Sparkassen den Bach runtergehen würden. Im Wirtschaftsaufschwung wurde Geld erwirtschaftet und mit großzügigen Händen verteilt. Als Mitarbeiterin der Zentralsparkasse, die später zur Bank Austria und wiederum später zur Uni Credit wurde, erhieltest du eine kleine Zusatzpension, die auf der einen Seite lächerlich gering ausfiel, auf der anderen Seite den Uni Credit Managern solch einen Aufwand bescherte, dass man dir mehrere Male vorschlug, diese Pension durch eine Einmalzahlung abzugelten. Als ich Anfang der 1990er Jahre meine Karriere in der Bankenwelt begann, war bereits ein wirtschaftlicher Abschwung festzustellen. Ältere Mitarbeiter schwärmten freilich noch lautstark von ihren großzügigen Verträgen, die für uns, der nachfolgenden Generation, längst nicht mehr vorstellbar waren. Als ich ein paar Jahre später in Barcelona urlaubte, fiel mir auf, dass die Zweigstellen der Banken recht klein waren und nur wenige Mitarbeiter aufwiesen, dafür gab es bereits damals viele Automaten, an denen die Kunden ihre Bankgeschäfte durchführen konnten. Zu jener Zeit fielen die Zweigstellen der österreichischen Banken noch üppig aus und waren mit Mitarbeitern bis an die Decke vollgestopft. Damals war mir klar, dass diese Einsparungsmaßnahme früher oder später auch nach Österreich kommen würde. Prophetisch war diese Überlegung freilich nicht. Ich addierte einfach 1 und 1 zusammen.
Ich habe mir ein deftiges Fleischgericht geleistet. Du bist sicherlich glücklich darüber. Wie oft hast du mich gefragt, ob ich genug zum Essen hätte. Und immer wieder die Aufforderung, ich solle mir etwas leisten, mich nicht so zurückhalten. Als ich deine Haushaltskasse übernehmen musste, da Vater im Heim war, hast du auf meine Antwort, wir hätten Geld genug, immer hinzugefügt, ich solle mir „etwas nehmen“ und mir damit „etwas kaufen“. Im Gegensatz zu Vater hast du Geld nur als Mittel zum Zweck erachtet und es war vor allem dann gut investiert, wenn es deinen Liebsten Freude bereitete oder unter Freunden die Gemütlichkeit steigerte. Vater sah es freilich anders. Das Gesparte war zum einen der Schutz vor Hunger und Not, zum anderen die Möglichkeit, größere Ausgaben zu machen – die er merkwürdigerweise niemals mit dir im Vorhinein besprechen wollte. Er schaffte einfach ein fait accompli und eines Abends, als du nach der Arbeit nach Hause gekommen bist, stand ein neuer VHS-Videorecorder von AKAI neben dem TV-Apparat. Die Kosten des Geräts waren exorbitant. Aber wir Kinder bejubelten dieses technologische Wunderwerk und guckten bereits fasziniert ehemalige Kinofilme. Und wieder gab es einen Grund mehr, an schönen Tagen zu Hause zu bleiben und sich gegen den Spaziergang an der frischen Luft auszusprechen. Was hast du dich da immer nur geärgert. Dass später einmal dein Enkelsohn für eine Weile die Stubenhockerei zu seinem Lebenssinn machen würde, ist eine der vielen ironischen Schicksalsschläge, die dich immer wieder heimsuchten.

Ich werde nun wieder den Weg zurück durch Schönbrunn machen. Der Himmel noch immer blau, die Luft warm und mild. Morgen will ich auf den Anninger und dort in der Hütte auf dich anstoßen. Nicht auf deinen Todestag. Vielmehr auf deinen Geburtstag. Und dann? Dann werde ich mich ins Gras legen und zum blauen Himmel sehen. Vielleicht schenkst du mir ja ein Lächeln.


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