Was der Wahrheit nützt, nützt auch der Lüge

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Wer sich lange genug mit dem Zustand der Welt beschäftigt hat, der fühlt die Lüge, die ihn umgibt. Er steigt in den Kaninchenbau, erfährt die großen und kleinen Lügen, aber die Wahrheit, die einzige, die bleibt ihm verborgen. So bleibt der Skeptiker stets Beobachter des „verhängnisvollen Ränkespiels der Mächtigen„, wie es Anton Wildgans in seinen Wiener Kindheitserinnerungen einmal anmerkte.

Die Pfarrflohmärkte in Hietzing und am Michaelerplatz waren ergiebig. Fritz Moldens „Konkurs“ zeigt einen illustren Wiener, der sich in jungen Jahren, während des Krieges, auf die richtige Seite schlug und somit ein prächtiges, gar abenteuerliches und sagenhaft langes Leben führen durfte. Als ich in seiner Autobiographie über die Kriegszeit so nebenbei erfuhr, dass er nach dem Krieg die Tochter von Allen Dulles heiraten sollte, konnte ich das zu allererst gar nicht verarbeiten, so monumental stand mir dieses amerikanische Beziehungsgeflecht vor Augen. Allen Dulles, der spätere CIA-Chef, der von John F. Kennedy gefeuert werden sollte – und mit größter Wahrscheinlichkeit seine Finger in dessen Ermordung bzw. im darauffolgenden Cover-Up hatte, zählte zu einem der einflussreichsten Strippenzieher in Washington (und damit der westlichen Welt). Und dieser junge Österreicher, der praktisch nichts vorzuweisen hatte, außer vielleicht große Ambitionen und einen Hass auf alles Faschistisch-Kommunistische, heiratete in die politisch-geheimbündlerische Dulles-Familie ein. Auch wenn die Ehe nicht lange Bestand haben sollte – und ich schließe dahingehend gar nicht erst aus, dass der Zweck die Mittel heiligte. Washington lag viel daran, nicht nur politischen, sondern auch medialen Einfluss in Europa zu gewinnen. Wer eignete sich besser als der Sohn eines späteren Zeitungsherausgebers? Und als österreichischer Journalist konnte er an den Brennpunkten der damaligen Welt ohne Aufsehen ans Werk gehen. Und mit seinem später gegründeten Buch-Verlag gelang es ihm in kurzer Zeit, mit für gewöhnlich unerreichbaren Politakteuren in Ost und West ins persönliche Gespräch zu kommen.

Wie dem auch sei, ein anderes weitaus dickeres und zähflüssig geschriebenes Buch beschäftigt sich mit der Frage, ob Westeuropa bereits in den 1960ern Jahren vor der Amerikanisierung kapituliert hat. Geschrieben wurde das Buch 1968 (der Schutzumschlag sieht wie neu aus!) von John Ney, einem Amerikaner, der sich lange Zeit in Europa aufhielt und sich dort beruflich engagierte. Worauf der Autor hinauswill ist mir nicht ganz klar, aber es zeigt sich, dass bereits damals die Kolonisierung Europas durch Washington vorangetrieben wurde. Aber erst mit der gerade im Entstehen begriffenen Neuen (multipolaren) Weltordnung, die Washingtons Dominanz gefährdet, wird die Kolonisierung Europas endgültig zum Abschluss gebracht. Wer noch immer der Meinung ist, die einzelnen europäischen Staaten würden souverän herrschen, der hat längst den Anschluss an die Wirklichkeit verloren. Natürlich arbeiten die Medienhäuser hüben wie drüben mit allem Eifer, die Illusion eines Staates aufrechtzuerhalten, der für seine Bürger sorgt. Tatsächlich geht es nur noch darum, in der multipolaren Welt eine einträgliche Kolonie für Washington zu sein. Seltsame Ironie der Geschichte, dass die europäischen Kolonisten am Ende genauso ausgeplündert werden sollten, wie sie es vor Jahrhunderten in Übersee machten.

Deutschland, das sich erst spät als Kolonist betätigte und sich – im Vergleich zu den anderen Mächten – für gewöhnlich anständig gegenüber den auszuplündernden Ländern verhielt, ist in all dem „verhängnisvollen Ränkespiel der Mächtigen“ ein Sonderfall. Und ein Sonderfall wird natürlich als solcher behandelt. Das Germanentum mit seinem Arbeitsethos und der Bereitschaft, aus wenig viel zu machen, dabei den Handschlag als verbindlichen Vertrag ansieht, die dreiste hinterhältige Lüge ablehnt und stets die Goldene Regel im Hinterkopf behält, solch eine Bevölkerung muss stets eine Gefahr für die Mächtigen in Ost und West sein.

Nicht von ungefähr gab es in Washington während des Krieges bereits Pläne, Deutschland nach 1945 zu deindustrialisieren und zu einem Agrarstaat herabzustufen. Die Folgen der dadurch ausgelösten Hungersnot, die Millionen von Opfer gefordert hätten, wurden im US-Finanzministerium, wo der Plan entworfen wurde, wohlwollend zur Kenntnis genommen. Schlussendlich verwarf man den Plan und fütterte die BRD wie eine Weihnachtsgans ordentlich auf – es galt, dem kommunistischen Osten zu zeigen, wie erfolgreich der kapitalistische Westen sein konnte. Mit dem wirtschaftlichen Erfolg begann gleichzeitig die Amerikanisierung der deutschen Bevölkerung. Instinktiv fühlten die Intellektuellen die Veränderung, konnten sie aber nur als „Kapitalismus“ erklärbar machen. Tatsächlich ist der Amerikanismus nichts anderes als ein Prozess der kulturellen Gleichmacherei. Denn nur dann, wenn aus Kulturbürgern kulturlose Untertanen geformt werden, ist eine vollkommene Unterwerfung möglich.

Max Frisch, Entwürfe zu einem dritten Tagebuch, Seite 99

Max Frisch machte sich Anfang der 1980er vielerlei Gedanken über die USA, hatte er in New York einen Zweitwohnsitz und war er mit einer jüngeren Amerikanerin liiert. Er, der 70-jährige, hatte das richtige Gespür für die Heuchelei der Mächtigen in Washington. Aber er konnte unmöglich die ganze Perfidie des Lügengespinstes, das ihn (und die Welt) umgab, erkennen. In seinem posthum erschienenen Entwürfe zu einem dritten Tagebuch ist man als aufgeklärter Bürger und Skeptiker unangenehm berührt, wenn man Zeilen liest, die zeigen, dass er sich in diesem Lügendickicht längst verfangen hatte. Instinktiv ahnt er, dass er einer Lüge aufsitzt, aber er hatte nicht mehr die Lebensenergie, die Wahrheit zu suchen (wohl wissend, dass er sie niemals finden würde können, jedenfalls nicht in einer Welt, die mittels Marketing und Propaganda undurchschaubar gemacht wurde – und natürlich wird).

Man will die Freiheit unsrer Stimmen zwingen.
Doch keine Furcht bewegt mein tapfres Herz;
So lang noch Blut in meinen Adern rinnt,
Will ich die Freiheit meines Worts behaupten.
Wer wohl gesinnt ist, tritt zu mir herüber.
So lang ich Leben habe, soll kein Schluß
Durchgehn, der wider Recht ist und Vernunft;
Ich hab mit Moskau Frieden abgeschlossen,
Und ich bin Mann dafür, daß man ihn halte.

Demetrius (Fragment)
Friedrich Schiller

So bleibt nur, als mündiger Bürger, der sich den Mut nicht nehmen lassen möchte, will er sich seines eigenen Verstandes bedienen, stets auf der Hut zu sein. Tatsächlich sind es gar nicht so sehr die Mächtigen, die eine Gefahr für ihn darstellen, sondern es ist die sogenannte breite Masse, die alles unternimmt, um ihre Weltanschauung nicht infrage stellen zu müssen. Ihr Argument, das jedes ernsthafte Gespräch sofort beendet, wird wie ein heiliger Satz, ein Mantra, mit verächtlichem Blick vorgetragen:

„Ja, da müssen dann ja alle lügen!“

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