Der Schlusspunkt wurde gesetzt. Nach 23 Jahren und vielen Monaten wurde Azadeh oder Die 13 Tage des Leutnant Johann Gottfried von Märwald. Roman der Jahrhundertwende in Wien der Druckerei übergeben. Mitte Dezember wird das Taschenbuch mit 420 Seiten für mich vorliegen. Ende Jänner wird es im Buchhandel erhältlich sein. Eine edierte gebundene Sonderausgabe ist für nächstes Jahr geplant – dann soll ein 65. Kapitel hinzugefügt werden. Die Reise, die im März des Jahres 2002 mit dem Funken der Inspiration ausgelöst wurde, erreicht damit endlich, endlich ihren letzten Zielort.
Heute will ich keine langen Erklärungen oder banalen Rückblenden ausbreiten. Heute geht es um die Intensität des Erlebten. Später einmal, wenn viel Wasser die Donau hinabgeflossen ist, wenn ich in Gedanken zurückkehren möchte, dann sollen mich diese Zeilen daran erinnern, welche enorme Kraft ich in den letzten Novemberwochen erfahren durfte.

Dabei begann alles langsam, zögerlich, unbestimmt. Noch Anfang November musste ich mir allerlei Gedanken über das Verlegerische machen. Bereits im Oktober entschied ich mich, den Roman über die „Buchschmiede“, einen Morawa-Ableger, produzieren und vertreiben zu lassen. Über die Vor- und Nachteile dieser Entscheidung werde ich später einmal im Detail berichten. Als Deadline war der 24.11. festgelegt – bis dahin musste die Druckfahne samt Buchumschlag angeliefert werden. Ich war recht unbekümmert. War meine Druckfahne nicht längst druckfertig? War der Umschlag nicht bereits zum Anbeißen? Dann die Hiobsbotschaft, dass die letzte Durchsicht – ein Selbstverleger darf sich keine Fehler leisten – nicht stattfinden könne. Weitere Versuche, die eine oder die andere Korrektorin kurzfristig an Bord zu holen, scheiterten. Da saß ich nun mit meiner Druckfahne, die niemand in kurzer Zeit auf fehlerhafte Rechtschreibung durchsehen konnte oder wollte.
Aus der Not wuchs Entschlossenheit. Und das Wunder der LLMs tat sich mir auf. Aber davon soll diese kurze Geschichte nicht handeln. Vielmehr geht es darum, dass Azadeh vor 23 Jahren und vielen Monaten zu Papier gebracht wurde, um den Leser, um die Leserin, das besondere Gefühl dieser musischen Kraft näherzubringen. Es ist die Liebe, die ins Göttliche greift, sich niemals fassen, niemals zwingen lässt. Du kannst deine Muse, die dir diese Gabe darreicht, nur höflich bitten. Sie ist es, die dich einlädt und empfängt. Sie ist es, die dir für eine geraume Weile jene Kraft schenkt, die aus Nichts etwas entstehen lässt: den Schöpfungsakt. In ihrem Schlafgemach darfst du dich dem göttlichen Prinzip hingeben. Bis der Morgen anbricht und der Alltag die musische Nacht vertreibt. Seufzend betrübt wirst du feststellen, dass nichts ewig währt.
Und doch! Du blickst auf das Ergebnis dieser musischen Nächte und bist durchstrahlt mit dem Gefühl größtmöglicher Zufriedenheit. „Wonne!“, rufst du aus. Siehst dich bereits am Ziel, träumst mit offenen Augen vom Jubel des Publikums und lässt dich in diesen Rausch fallen. Gewiss: Wie bei Ikarus folgt der Fall zu Boden und in die nüchterne Realität. Jene Realität, die sich nichts aus hoffnungsvollen Träumern macht. Deshalb musste Azadeh geschrieben werden. Es ist das Sichtbarmachen dieses sonderbaren musischen Zirkelschlusses: Immer hoffend, immer träumend, immer schreibend, immer scheiternd – und aus dem Scheitern entstehen erneut Hoffnung, erneut Träume, erneut Texte und so weiter und so fort.
In einer halben Stunde wird sich das Café füllen. Dann ist die goldene Morgenstunde dahin. Es ist an der Zeit aufzutauchen, den Morgen zu verabschieden und ans Tagwerk zu gehen. Ich blicke auf den Umschlag des Taschenbuchs mit seinem neuen Klappentext. Angenehm glost und glüht die Zufriedenheit in meiner Brust. 23 Jahre und viele Monate habe ich auf diesen einen Moment gewartet. Alles fügte sich. Alles fügt sich.
Das Erlebte ist dem 63. Kapitel „Nach der Vollendung“ nicht unähnlich. Kurz bleibe ich stehen. Kurz blicke ich zurück. Aber ich darf nicht stehen bleiben, mich nicht umwenden. Darin liegt Gefahr. Märwald, zärtlich geküsst, tritt schließlich mit dem Werk einer gemeinsamen Schöpfung aus dem Haustor und in den wütenden Regen des Aprils von 1899.
Ja, 23 Jahre sind ein Tag.
Heute.




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