johanna, emilia und das weite Land der Seele

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Hand aufs Herz. Ich hätte es nicht für möglich gehalten. Jedenfalls nicht bereits an den ersten beiden Tagen dieses Jahres. In der Nacht von Silvester auf Neujahr, übermüdet und durchgefroren, wartete ich auf einen Nachtbus, der nicht kommen wollte. Ich war nicht allein. Eine junge Frau wartete mit mir. Ein Blick auf die App verriet mir, verriet ihr, verriet uns, dass der Bus namens Godot nicht kommen wird. Was nun? Natürlich haben wir unseren Weg eingeschlagen, der in dieselbe Richtung führte. Hinauf. Sie lud mich ein, sie zu begleiten. Es hätte nicht sein müssen, ließ ich zwei oder drei Fußbreit Abstand, wohl wissend, dass man in der gegenwärtigen Zeit einer jungen Frau nicht zu nahe treten dürfe. Aber sie warf einen Blick zurück und stellte eine Frage. Ich akzeptierte die Einladung, schloss auf und beantwortete sie. Es entspann sich ein freundliches Gespräch unter Fremden. In Nizza habe sie ihr Auslandssemester absolviert. Ich nickte. Erzählte von Cannes. Beide schwärmten wir von der Küste und vom Meer. Natürlich war ihr Französisch vorzüglich, während ich bereits bei mal und mauvais scheiterte. Nach dem rund zehnminütigen Fußweg trennten sich unsere Wege. Ich bog ab, sie ging weiter. Ich fragte sie noch nach ihrem Namen, gab ihr meinen und hörte sie lächelnd Johanna sagen. Zugegeben, ob sie wirklich gelächelt hat, weiß ich nicht. Ich mag es mir vorstellen. Und als Abschluss dieser kurzen Geschichte ist das Lächeln eines Mädchens oder einer jungen Frau einfach nur wohlig stimmig. Später erst bemerkte ich die Tatsache, dass ich ihr keine Karte überreichte. Somit wird Johanna niemals erfahren, dass sie im Kopf und Beitrag des Schreibers gelandet ist. Aber wer weiß, vielleicht läuft man sich wieder über den Weg. Da. Dort. Das Schicksal würfelt. Der Rest ergibt sich.

Theater in der Josefstadt. Ich trinke einen Espresso. Schaue mich um. Spiegel. Besucher. Gedämpft feierliche Stimmung. Ich gehe durch eine der Türen und komme in einen kleinen Gang. Rechter Hand die Treppe nach oben. Versperrt. Eine junge Frau steht davor. Sie hat einen Packen Programmhefte in der Hand. Ich halte ihr meine Platzkarte hin. Sie nickt. Ich könne mit ihr hinaufgehen. In zwei Minuten. Ich nicke. Ich sage ihr, dass ich ihr kein Programmheft abkaufen würde, da ich bereits eines hätte. Und damit entspinnt sich eine anregende Plauderei, die von der Treppe hinauf zum 3. Rang gehen sollte. Ich erfahre ihren Namen. Emilia. Ja, Emilia ist eine wohlgewachsene junge Frau mit längeren blonden Haaren und trägt eine ihr gut zu Gesicht stehende Brille. Hübsch ist sie. Der Leser, die Leserin dürften es längst vermutet haben. Natürlich. Emilia fasziniert mich. Als Tochter serbischer Eltern, die beide mit dem Theater beruflich verbunden sind, wählte sie als Studienrichtung Bank- und Finanzwesen. Allerhand. Ich erzählte ihr, dass es bei mir umgekehrt war: Zuerst Bank- und Finanzwesen, danach die Kunst und das Theater. Das Gespräch hat mich beseelt. Weil Emilia zu jenen seltenen Wesen zu zählen ist, die neugierig auf fremde Menschen zugehen und ein wirkliches Interesse an deren Lebenserfahrung haben. Ich erzähle ihr von meiner Schriftstellerei, den Sprachmodellen (Ist’s eine Bubble?) und dem neuen Buch, das in gewisser Weise mit Schnitzlers Stück Das weite Land verschränkt ist. Wie dem auch sei, Emilia gehört jener fröhlich-optimistischen Generation an, die über eine Erwähnung in der (virtuellen) Öffentlichkeit erfreut ist und (noch) keinerlei Einwände erhebt. Selbstverständlich sage ich ihr, dass ich unsere kurze Begegnung im Blog festhalten möchte und frage, ob sie etwas dagegen hätte. Sie schüttelt lächelnd den Kopf. Ich seufze zufrieden und reiche ihr meine Karte. Als sich wenig später der Vorhang hebt, denke ich an Emilia und welche Zeilen ich über sie schreiben werde. Ja, der Dichter hat seine Roya gefunden. Für einen Blogbeitrag. Das wird jetzt niemand verstehen, der nicht Azadeh gelesen hat. Ich sage ja immer und immer wieder, die Geschichte rund um Leutnant Märwald erklärt einen Seelenkosmos. Und haben wir heute nicht Vollmond? Schade, dass Emilia gegenwärtig jenes Literaturgenre liest, das ich mit meinen Werken nicht bediene. Nichtsdestotrotz stelle ich mir vor, wie sie diese Zeilen liest. Auf ihrem Smartphone. In einer Straßenbahn. Sich erinnert. Kurz. Und lächelt. Wirst du?

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