Am zweiten Tag des neuen Jahres 2026 suchte ich den altehrwürdigen Tempel der bürgerlichen Dramatik im achten Wiener Gemeindebezirk auf. Arthur Schnitzlers ›Das weite Land‹ stand (überraschend) auf dem Spielprogramm des Theaters in der Josefstadt. In Anbetracht der Tatsache, dass dieses Theaterstück in Verbindung mit meinem neuen Roman Azadeh steht, musste ich es natürlich sehen. Und gesehen habe ich es. Vielleicht vom besten Platz im ganzen Theater, den ich hier nicht nennen möchte. Nau, weil ich mich in Zukunft net um diesen gepolsterten Stuhl wie am Heumarkt raufen will müssen.
Die gelungene Aufführung mit einer dreistündigen Spieldauer ist ein groß angelegtes Ensemblestück, das hie und da für die Bühne zu groß gerät. Als Dramaturg hätte ich Nebenfiguren gestrichen und sogar gewagt, die amüsanten Seitwärtsbewegungen in den Dolomiten mehr anzudeuten als auszuspielen. Somit wäre mehr Raum für das intime Kammerspiel gewesen. Ja, die verschiedenen Seelen, die sich in einem weiten (und oftmals fremden) Land befinden, brauchen demnach Zeit und Orientierung. Würde ich den guten Schnitzler nicht so gut kennen – und wie der Dramatiker selbst, entnehme ich meinen Stoff für gewöhnlich dem gelebten Leben, ich tät‘ mich niemals dazu hinreißen, solch eine Anmerkung zu machen. Aber am Ende will Schnitzler, dass der Zuschauer nachdenklich das Spielhaus verlässt, dass seine Worte, die er seinen Figuren in den Mund gelegt hatte, nicht nur gehört, sondern auch aufgenommen und verstanden werden. So ist das. Damals. Heute. Morgen.
Die Produktion des Stücks lässt keine Wünsche offen. Hervorzuheben ist das schlichte Bühnenbild, das sich im geeigneten Moment dreht und wendet. Die Idee, im Hintergrund Musik einzuspielen, um die Szene emotional zu begleiten – man kennt es aus der Filmwelt – hat Eindruck hinterlassen. Der Einsatz dieser Begleitmusik bedeutet aber gleichzeitig auch, die Meinungshoheit über die gespielte Szene zu besitzen. Es ist somit ein Abwägen von Impact und Ausspielen.
Die Schauspielerriege vorbildlich. Die junge Erna (Johanna Mahaffy) harmoniert gut mit dem älteren Hofreiter (Bernhard Schir), sodass die gemeinsamen Szenen natürlich und nicht abgeschmackt über die Bühne gehen. Seltsamerweise wurde die Figur der Genia (Maria Köstlinger) dramaturgisch verändert. Ihr emotionaler Ausbruch, ihr Wehklagen, ihr Weinen über den möglichen Ausgang des Duells – die Szene steht so nicht im Werk. Aus gutem Grund. Genia fällt bis zum bitteren Ende nicht aus ihrer Rolle (»Vor allen Leuten spiel ich Komödie«). Einmal verliert sie die Fassung. Als sie ihrem (noch) Ehemann Hofreiter das Wort »Mörder« hinwirft. Aber niemals hätte sie sich auf ihn gestürzt und mit Händen auf ihn eingeschlagen. Das ist theatralisch vielleicht wirkungsvoll, mindert aber die Wirkung der Figur selbst.
Ich spreche jedenfalls meine Empfehlung aus. Heutzutage ein Schnitzlerstück auf die Bühne zu bringen, das in einer Epoche entstanden ist, in der eine Duellforderung noch möglich war, muss eine jüngere Generation ratlos zurücklassen. Es braucht Geduld und Einfühlungsvermögen, die Geschichte ins Heute zu überführen.
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Eine Interpretation
Über die Tragikomödie „Das weite Land“ von Arthur Schnitzler (um 1908 abgeschlossen, 1911 aufgeführt).
Das Theaterstück in der Mitte seines Lebens zu sehen, öffnet die Augen. Mit einem Male scheint mir klar und deutlich, dass Schnitzler nicht nur eine großbürgerliche Skizze der Epoche gezeichnet hat, sondern auch eine Allegorie auf das Älterwerden eines Mannes, der seine Jugend im Liebesrausch verbrachte.
Wir wissen, dass der junge Schnitzler dem weiblichen Geschlecht über die Maßen zugetan war. Leidenschaften. Liebschaften. Dramen im Kleinen. Lustigkeiten im Großen. Sein Einakter Halbzwei (1897 – mit 33 Jahren veröffentlicht) gehört zum Besten, wenn es um die schonungslose Darstellung des Innenlebens eines leidenschaftslos liebenden Mannes geht. Muss frau gelesen haben, um zu verstehen. Aber wollen wir nicht vom Thema abkommen. Der junge Schnitzler liebt das Weibliche. Sehr. Kostet es aus. Oft. Verstrickt sich in Lügengeschichten und Illusionen. Sie nährt ihn. Fordert ihn. Sein Körper ist noch intakt. Doch mit den Jahren setzen (mehr) hypochondrische Zipperlein und körperliche Beschwerden ein. Im Besonderen macht ihm seine Hörschwäche (mit einem Tinnitus) immer mehr zu schaffen. Um 1900 und 40 Jahre alt entschließt er sich zur Heirat. In dieser Zeit entsteht die Idee zum Stoff ›Das weite Land‹.
Schnitzler sieht in Hofreiter jenen Typus Mann, der bereits mit tiefer Melancholie zurückblickt – auf jene Zeit, die wir Jugend nennen. Aber! Noch ist er vital. Noch gehört er beim Tennisspiel genauso wie beim Alpinismus der Spitze an. Er gibt sich nicht geschlagen. Fordert das Leben heraus. Und weiß doch, dass es bereits verloren ist. Man stelle sich vor! Erna, dieses junge Ding, ist abgöttisch in ihn verliebt. Sie bietet ihm alles. Und Hofreiter? Er schlägt ihre Liebe aus. In einem anderen Stück wären die beiden ein Liebespaar geworden. Aber Schnitzler weiß, dass es unmöglich ist. Gut, möglich ist es. Aber sie würde dem alternden Mann niemals Erfüllung geben können, sähe er jeden Tag die blühende Zukunft vor sich, die Pläne macht, für viele Jahre, gar Jahrzehnte im Voraus. Unmöglich wäre es, für den alternden Mann stoisch das Schicksal zu erwarten. Nein. Er würde tief unglücklich. Der einzige Ausweg:
ERNA »Glaub mir, Friedrich, ich liebe dich, ich gehöre dir.«
HOFREITER »Ich niemandem auf der Welt. Niemandem. Will auch nicht «
Somit ist das Stück „Das weite Land“ (auch) als Allegorie auf das Älterwerden eines Mannes zu lesen, der am liebsten all die jungen, glänzenden Männer, die mit einem frechen, kalten Aug‘ lachen, totschießen möchte – »Und man kann doch nicht jeden … «
Würde man demnach das Stück in die Moderne überführen wollen, bitte sehr. Dann macht ein Duell, ein legales Totschießen, plötzlich (allegorisch) Sinn. Die Tragik wird ins Innere gewandelt. Dort, wo sie hingehört.
P.S. OpenAIs GPT (KI) weigerte sich, eine Zusammenfassung für diesen Beitrag zu erstellen. Scheinbar ist Schnitzlers Leben und Stück too much für eine KI im Jahre 2026.

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