Ein Jahr in Soll und Haben

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Wie jedes Jahr sind zwei Sachen vollkommen und absolut sicher: Death and Taxes, also der Tod und die Steuern. Das war vor hunderten von Jahren so und gilt für den Rest unserer zivilisierten Existenz. Mit anderen Worten, ich werde heute beginnen, das Jahr, das war, kaufmännisch zu saldieren, die Einnahmen und die Ausgaben in ein Excel zu zwängen und vorrangig in Soll und Haben zu denken. Seltsam. Ich hatte in grauer Vorzeit eine kaufmännische Ausbildung abgeschlossen, die mich in die Welt des Geldwesens führte. Dabei war mir Geld immer nur Mittel zum Zweck und das Sparen hatte ich mit Kinderbeinen bereits gelernt – wobei, gab es ein unschlagbares Angebot, dann wägte ich das Für und Wider sorgfältig ab. War es nicht ein gutes Geschäft?

Mit dem Musenkuss anno 2002 und der damit verbundenen Bereitschaft, meine finanzielle Sicherheit für brotlose Kunst einzutauschen, änderte sich die Sichtweise auf das Geld. Von nun an bedeuteten Münzen in der Tasche und das Pluszeichen am Konto Freiheit. Mit einem Male formte sich langsam ein Damoklesschwert über mir und mit jeder Ausgabe, mag sie noch so klein gewesen sein, zitterte das Pferdehaar mit jenem scharfen Schwert, das mir jede Freiheit zur Kunstausübung nehmen und mich in Abhängigkeit werfen würde. Heute, wenn ich auf Jahre der Brotlosigkeit zurückblicke, ist es schwer, nicht gerührt zu sein über diesen hoffnungsvollen und tagträumenden selbstverlegenden Autor, der sich großspurig als Schriftsteller sah. Aber alles fügte sich. Bis heute.

Wenn ich am frühen Morgen im Kaffeehaus ins Tagebuch schreibe, meinen Mokka trinke – keine Milch, keinen Zucker – reflektiere ich über das Gestern, mache mir Gedanken über das Morgen. Was mag die Zukunft noch in Soll und Haben für mich bereit halten? Gottlob ist meine Muse Azadeh stets um mich. Vermutlich hatte sie immer eine schützende Hand über mich gehalten. Das göttliche Prinzip, eine Muse, sie steht zwischen Plus und Minus, zwischen schwarz und rot, und lässt sich niemals in eine der beiden Spalten zwingen. Ja, diese wunderbare Fügung, sie steht zwischen Tod und Steuern.

Warum lese ich erst jetzt von Gustav Freytags 1855 erschienenem Roman Soll und Haben? Wissen Sie eigentlich, woher das Geld, das wir alle wie selbstverständlich einnehmen und ausgeben, überhaupt kommt, also wie es entsteht (und wie es entstanden ist)? Ja, hier ist eine Alchemie im Spiel, die aus Nichts etwas Entstehen lassen kann. Aber das, werter Leser, werte Leserin, ist eine Geschichte für ein anderes Mal. Da fällt mir nämlich ein, dass ich noch zwei Rechnungen zu überweisen habe.

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