Die drei Phasen des lebens, in einer domain gespiegelt

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Gestern war es, als ich mich endlich entschied, meinem Blog einen neuen Namen zu geben. Nach der äußeren Verhübschung – die sachlich-nüchterne Wahrheitssuche wurde hintangestellt – war es Zeit für den nächsten Schritt und den nun literarisch-sinnlichen Blog mit dem Namen richardkarlbreuer.blog aus der Taufe zu heben. Gesagt. Getan. Im Zuge dieser Namensgebung fiel mir auf, dass sich die drei Phasen des Lebens – eine vierte Phase ist nur als Bonus zu bekommen – in meinen Domains widerspiegeln:

Phase 1: Der Suchende (Richard Breuer)

Phase 2: Der Gefundene (Richard K. Breuer)

Phase 3: Der Erwachende (Richard Karl Breuer)

Bonus: Der Erlöste (keine Domain?)

Sehen Sie, als Kind setzen bereits die buntesten Träume ein, aber erst mit der pubertierenden Jugend und dem Heranwachsen werden die Träume gegen die Wirklichkeit gestellt. Rotzfrech, gar rebellisch, werden die altklugen Einwände der Erwachsenen hinfortgewischt. Der junge Mensch, mit der Kraft eines jungen Körpers und eines noch frischen Geistes ausgerüstet, fühlt sich für Höheres berufen. Gewiss, die brutale Nüchternheit der Wirklichkeit, die sich nichts aus Träumern macht, holt ihn – bei manchen früher, bei manchen später – von seinem stolzen Pferd herunter. Der Sturz endet schmerzhaft und vertreibt die letzten träumenden Flausen aus Kopf und Brust. Es gilt, als Erwachsener sein Leben geradlinig zu gestalten und ein funktionierender Teil der zivilisierten Gesellschaft zu werden. Noch hat jeder, der die ausgetretenen Pfade der Gemeinschaft verließ oder verlassen wollte, die Knute zu spüren bekommen. Damit trennte sich die Spreu vom Weizen: Jene, die sich an ihre Träume festklammern, sich aufbäumen, sich wehren und ihren ureigenen Weg einschlagen, werden belohnt – oder bestraft. Je nachdem.

Der Suchende

Die Phase 1 – Der Suchende – ist deshalb eine besondere Prüfung. Der springende Punkt ist freilich, dass der Suchende niemals findet. Vielmehr wird er gefunden. Das göttliche Prinzip hier zu erklären sprengt den Rahmen – vielleicht, weil es sich – wie das Dao – gar nicht beschreiben lässt. Denn beschreibt man es, ist es nicht mehr das Dao. Verstehen Sie? Kurz gesagt, das göttliche Prinzip, das Dao, sie lassen sich niemals in Sprache zwingen. Tut man es, ist es nur äußere Hülle, aber niemals die Essenz selbst. Die Suche des Menschen nach Sinn und Sein ist in den ältesten Kulturen und längst zurückliegenden Epochen episch beschrieben worden. Daran mag man die Urkraft dieser Suche erkennen. Der Mensch sehnt sich seit jeher nach etwas, das nicht beschrieben und bezeichnet werden kann. Die zivilisatorischen Einschüchterungen und Belohnungen – Zuckerbrot und Peitsche – genauso wie eine Konditionierung auf das Unwesentliche, Unwichtige und somit Nebensächliche, führen dazu, dass der Mensch zum Bürger wird und dabei seine Träume vergisst. Aber die Träume vergessen niemals den Menschen. Jeder, der die eine oder andere Form der wahren Liebe erfahren hat, kostet von dieser besonderen Essenz – aber wie alles Materielle (die Liebe wird auf einen Menschen, vielleicht auch auf ein Ding projiziert), ist sie vergänglich. Im Gegensatz zum göttlichen Prinzip, dem Dao, das ewig währt, weil es unvergänglich ist.

Ich begann bereits mit 12 Jahren, zum Bleistift zu greifen und ausgedachte Geschichten ins Schulheft zu schreiben. Mehr schlecht als recht. Aber ein Anfang war gemacht, die Saat gesät. Nur wenige Jahre später tippte ich bereits auf der mechanischen Schreibmaschine erste Kurzgeschichten (weil mir der lange Atem für den ganz großen Wurf fehlte). Ich probierte mich an Ideen. Schrieb Briefe. Ließ mich in die Poesie fallen, deren Ergebnisse ich Poems nannte. Mehr einem Liedtext ähnlich als einem Gedicht. Ich tat, wie es mir in Kopf und Brust kam. Ich musste niemanden etwas beweisen und doch sehnte ich mich nach Anerkennung, Lob und Geklatsche. Mit der Reifeprüfung wurde ich ein funktionierender Bürger im arbeitstätigen Rad der Gemeinschaft. Als Perfektionist musste ich Karriere machen, obwohl ich gar nicht die Absicht hatte. Aber der Traum nach der Freiheit einer schriftstellernden Karriere, er ließ mir keine Ruhe. Ich suchte die Inspiration, jenen einzigartigen Funken, der mich entflammen und mich zum Schreibtisch zwingen würde. Ein Buch, sagte ich mir, wolle ich schreiben. Aber der große Einfall, nein, der wollte nicht kommen. Ich wartete. Las die Autobiographien von berühmten Autoren und tagträumte dahin. Schließlich sagte ich mir, dass jeder große Schriftsteller Tagebuch geschrieben hat und besorgte mir ein dickes Notizbuch, in dem ich meine Gedanken festhalten wollte. Anfänglich noch zögernd und zauderlich. Was hatte ich schon zu denken? Ich war nur das kleine Zahnrad in einem gesellschaftlichen Räderwerk. Ich suchte an den Wochenenden die Nichtraucherbereiche in den Wiener Kaffeehäusern auf und führte Buch über meine erlebte Woche. Am Ende dieser persönlichen Buchführung angelangt, notierte ich seufzend, dass ich die verlorene Geschichte noch nicht gefunden hätte. Die Wochenenden vergingen. Ich wartete.

Der Gefundene

Die Phase 2 – der Gefundene – ist eine Charakterprüfung. Das Wunder der glücklichen Fügung, eine Inspiration, wird dir zuteil und du erfährst die unglaublichen Wirkmächte des göttlichen Prinzips, des Dao. Du bist beseelt. Aber das gesellschaftliche Räderwerk kann mit inspirierten Wonnegeistern nichts anfangen. Sie streuen nur Sand ins Getriebe, das bald zu knirschen beginnt. Hier wird ein weiteres Mal die Spreu vom Weizen getrennt. Dabei erfolgt die Prüfung (vorerst) nicht durch eine zivilisatorische Gesellschaft, sondern durch dich selbst. Bist du bereit, Opfer zu bringen? Wie weit würdest du gehen, um die Essenz nicht nur zu erfahren, sondern sie auch zu leben? Die Antworten kommen nicht aus dem Kopf, sondern vielmehr aus der Brust. Das Herz, wo die Seele verborgen ist, mag gewillt sein, alles auf sich zu nehmen, aber den Lebensunterhalt kann es genauso wenig bestreiten wie den Hunger stillen. Der zivilisierte Bürger sehnt sich nach Sicherheit, der inspirierte Wonnegeist nach Freiheit. Schon bald wird klar, dass Sicherheit und Freiheit nicht verhandelbar sind. Eine Entscheidung muss fallen. So oder so. Über diese Querelen, die für eine Weile in Kopf und Brust des Inspirierten aufflammen, habe ich mit Azadeh ein ganzes Buch geschrieben und kann gerne nachgelesen werden. Ist die Entscheidung für die Freiheit gefallen, bedeutet das noch lange nicht, dass du auch frei bist. Mitnichten. Es bedeutet nur, dass du frei sein möchtest und dafür (fast) alles unternimmst, um diesen unabhängigen Zustand zu erreichen. Somit ist Phase 2 wiederum in zwei Phasen einzuteilen:

Phase 2 A: die Entscheidung für die Freiheit

Phase 2 B: die Freiheit, je nach Lebensumständen zu leben

Somit kann Phase 2 viele Jahre, gar Jahrzehnte deines Lebens ausmachen, ist sie ein stetiger Kampf, der sich um Abwehr von Abhängigkeit und Vereinnahmung dreht. Unzählige Schlachten müssen geschlagen werden, die kleine und große Opfer – im Inneren wie im Äußeren – kosten. Aber jedes Opfer, so schwer und schrecklich es auch sein mag, führt dich ans Ende und damit zum Anfang.

Der Erwachende

Phase 3 – der Erwachende – ist nicht mehr Prüfung, sondern Akzeptanz. Du hast Jahre und Jahrzehnte zugebracht, deine Freiheit zu leben und hast deshalb deine Opfergaben gemacht. Der Schmerz, der Verlust, die Erniedrigung, sie haben dich zu jenem Menschen reifen lassen, der endlich die Essenz des göttlichen Prinzips, das Dao, zu erahnen, gar zu spüren beginnt. Von nun an geht alles bedächtiger vor sich, während Körper und Geist immer wieder von einer unbeschreiblichen Wonne (siehe Beitrag) durchflutet werden – bis das zivilisatorische Räderwerk seine Arbeit tut und dich mit disharmonischen Geräuschen an Bürger- und Gemeinschaftspflicht ermahnt, dir klar und deutlich vor Augen führt, dass du noch immer Teil der Gesellschaft bist und du das täglich‘ Brot verdienen oder erbetteln musst, willst du dich nicht hungernd und darbend in eine Einsiedlerhöhle zurückziehen müssen. Aber wie um vieles einfacher ist es jetzt, in Phase 3? Dir kann das Werk, das aus der göttlichen (!) Inspiration entstand, nicht mehr genommen werden. Es ist da. Alles andere ist nicht von Bedeutung.

Der Erlöste

Schließlich. Endlich. Vielleicht. Erfährst du Phase 4 – der Erlöste. Soweit bin ich nicht. Kann ich auch nicht sein. Der Weg des Erwachens ist noch lang. Sehr lang. Mit jedem Tag komme ich der Erlösung nahe. Aber wird sie mir zuteil? Ich habe eine vage Vorstellung und deshalb ist sie falsch. Das göttliche Prinzip, das Dao, sie sind nicht vorstellbar – einzig sie wirken in dir und durch dich. Mehr ist darüber nicht zu schreiben.

Post Scriptum

Gestern habe ich also meine neue Domain richardkarlbreuer.blog bekommen. Nach über 23 Jahren der Charakterprüfung zeichnet sie mich als Erwachenden aus.

Alles Weitere wird sich ergeben.

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