Pluribus: das Ende der Erzählkunst in TV und Stream

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Eine Weile war die 10-teilige AppleTV-Serie Pluribus (imdb) in aller Munde. Gerade die anspruchsvolleren Kritiker jubelten über die Show von Breaking Bad Creator Vince Gilligan. Ja, Breaking Bad, das 2008 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde (hier meine Kritik), revolutionierte die TV-Serien-Erzählung. Ähnliche Höhenflüge erreichten drei Jahre später nur noch Game of Thrones (die ersten vier Staffeln – hier meine Kritik) und sieben Jahre später Better Call Saul (ein Ableger von Breaking Bad, ebenfalls unter der Federführung von Vince Gilligan). Von da an ging es mit der Erzählkunst ständig bergab. Ausnahmen bestätig(t)en die Regel: Utopia (eine Sensation!, 2013), dann fallen mir noch ein, da vor allem die ersten Staffeln: Stranger Things (2016), The Boys (2019), Severance (2022) und The Diplomat (2023). Überhaupt ist es ja so, dass die Scripts für gewöhnlich für eine Staffel ausgelegt sind. Deshalb funktionieren die Shows am Anfang am besten. Alle weiteren Staffel-Ergüsse sind dann nur noch Basteleien an der Grundgeschichte. Das funktioniert nur ganz selten.

Daneben konzentrierten und konzentrieren sich die Big Players der Unterhaltungsindustrie seltsamerweise um die Umsetzung gesellschaftlich-politischer Inhalte, die oftmals erzwungen und deshalb unnatürlich aufgesetzt wirkten und wirken: Gerade gut zu erkennen in der neuen Sky-Serie Amadeus, die 1781 in Wien spielt (fun fact: Schauspieler Rory Kinnear spielt Kaiser Josef II. genauso wie den britischen Permierminister in The Diplomat: arrogant, hochnäsig und zynisch).

Des Weiteren etablierte sich in den letzten Jahren die „Second Screen“-Vorgabe: jeder TV-Film, jede TV-Show soll auch dann verstanden werden können, wenn der Zuseher mit seinem Smartphone herumtut und abgelenkt ist. So wundert es nicht, dass die sogenannte Erzählkunst gegenwärtig nur noch die Form eines Bildes hat, das nach vorgegebenen Zahlen gemalt wird.

Pluribus hätte ein Meilenstein werden können. Apple gab Vince Gilligan Carte Blanche. Das heißt: Großes Budget und keine inhaltlichen Vorgaben. Natürlich kann ich nicht wissen, was hinter verschlossenen Türen tatsächlich vereinbart worden ist. Das ist nur meine Annahme. Jedenfalls habe ich mir die zehnteilige Serie angesehen. Es brauchte seine Zeit, weil ich nach jeder Folge überredet werden musste, weiterzugucken. Die erste Folge, natürlich, weckte Interesse. Ein Bodysnatcher-Szenario mit einem Lächeln wurde auf die TV-Bühne gestellt. Aber bereits in der zweiten Folge war klar, dass diese Prämisse nirgendwohin führen konnte. Die Protagonistin – im absoluten Zentrum der Geschichte – ist eine deprimierte Nervensäge. Das mag für ein oder zwei Folgen in Ordnung sein. Aber zehn lange Folgen? Nicht zum Aushalten.

Einen Plot sucht man vergeblich. Ich meine, ja, natürlich geht es darum, dass die Protagonistin versucht, das neue System zu stürzen. Aber als Zuseher versteht man nicht, warum sie die „Gemeinschaft des Lächelns“ mit Wut und Hass in Flammen aufgehen lassen will. So verfolgt man halt das Geschehen am Bildschirm, fühlt sich aber niemals hineingezogen. Alles ist träge. Langsam. Widersinnig. Emotionslos. Nur hie und da geniale Momente, die (kurzfristig) hoffen lassen. Die Idee, den Erzählmittelpunkt auf eine einzige Protagonistin zu legen, die kaum Möglichkeiten hat, dramaturgisch zu kommunizieren, sinnvoll zu interagieren, muss als gewagt angesehen und nach der ersten Staffel als gescheitert betrachtet werden.

Natürlich, wie es im Stream-Bizness üblich ist, gibt es einen Cliffhanger am Ende der ersten Staffel: Der Kampf „missmutiger David gegen überfreundlichen Goliath“ wird in der nächsten Staffel fortgesetzt – und das Ende, je nach Erfolg, immer weiter in die Ferne gerückt. Es erinnert somit an die einstmals so populären Groschenromane, die die breite Masse gut zu unterhalten wussten. Die Autoren schrieben für ihr Zielpublikum und gaben ihnen, was diese sich wünschten und wofür sie bezahlten: Ablenkung von den vielen Alltagssorgen – was in gewisser Weise an die Passage in George Orwells 1984 erinnert, aber das ist eine andere Geschichte. Das soll freilich nicht automatisch bedeuten, dass ich Unterhaltungskunst gering schätze. Mitnichten. Weil, wie sagte einst Billy Wilder: If you are going to tell the truth, be funny, or they will kill you.

Vielleicht ist es die Film- und TV-Erfahrung, die mit dem Alter zunimmt, warum mich das gegenwärtige Film- und TV-Angebot weder lockt noch reizt. Dabei gäbe es mit den unglaublichen Geld- und Produktionsmitteln der Streaming-Giganten die größten Chancen. Während Filmstudios mit ihren „Produkten“ Geld einspielen mussten, um zu überleben und die TV-Anstalten einzig und allein ihre Werbekunden im Auge hatten, können Streaming-Anbieter völlig frei agieren; gilt es in erster Linie, den Angebotskatalog zu erweitern und für jede Zielgruppe wenigstens einen Must-See-Event auf den Bildschirm zu zaubern.

So gesehen gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass ich doch noch die eine oder andere Erzählkunst-Perle im großen Misthaufen der gegenwärtigen Film- und Fernseh- bzw. Streaming-Landschaft finden werde.

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