Mirabeau, Epstein und der Hort der allerrührigsten Tyrannei

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Hand aufs Herz, ich wollte mich die längste Zeit einzig dem Literarischen zuwenden, jetzt, wo ich endlich meinen Wiener Jahrhundertwende-Roman Azadeh veröffentlicht habe. Aber wie so oft, im Leben wie in der Schriftstellerei, kommt es anders, als man es sich lang und breit ausgemalt hat. Die Wirklichkeit in Form des US-Justizministeriums, das Millionen von Dokumenten in Bezug auf Jeffrey Epstein veröffentlichte, weckte mich recht unsanft aus meinem musischen Schlummer.

Der gewöhnliche Bürger hat keine Vorstellung, was es mit Machtverhältnissen wirklich auf sich hat. Jeffrey Epstein wird gegenwärtig in den Medien auf eine Art und Weise betrachtet, als würde er in einem gesellschaftlichen Vakuum existiert haben. Dabei gilt es, niemals zu vergessen, dass die Macht selbst so alt wie die Zivilisation ist und eng mit Gewalt in Verbindung steht. Je mehr Gewalt dir zur Verfügung steht, umso mehr Macht hast du. Dabei ist Gewalt als eine Kraft zu verstehen, die einen fremden Menschen dazu bringt, sein Knie vor dir zu beugen, mit anderen Worten Zuckerbrot und Peitsche. Aber wie leicht kann man dir Zuckerbrot entwenden und dir die Peitsche entreißen! Somit gilt es, ein System zu entwickeln, das die Mächtigen verbirgt, während ausgewählte Handlanger ins Rampenlicht gestellt werden, deren Aufgabe es ist, zu tun, was getan werden muss.

Walter Rathenau – der spätere Außenminister der Weimarer Republik – entstammte einer Industriellenfamilie, sein Vater gründete die AEG. Im Jahre 1909 schickt er einen Leserbrief an die Tageszeitung Freie Neue Presse, in dem er den Sachverhalt unverblümt erklärt: „[…] im Laufe eines Menschenalters [hat] sich eine Oligarchie gebildet, so geschlossen wie die des alten Venedig. Dreihun­dert Männer, von denen jeder jeden kennt, leiten die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents und suchen sich Nachfolger aus ihrer Umgebung aus.“ Drei Jahre später erklärte er dem befreundeten Schriftsteller Frank Wedekind, dass er die Namen dieser dreihundert Männer nicht nennen könne, da die Macht in der Anonymität läge.

Somit steht fest, dass Jeffrey Epstein nur ein Handlanger der Mächtigen gewesen sein kann, die anonym im Hintergrund (weiterhin) die Fäden ziehen. Hat Epstein für Geheimdienste gearbeitet? Natürlich. Aber Geheimdienste sind in erster Linie die Prätorianergarde des Establishments.

Im Sommer 1788 schreibt Graf Mirabeau, der Vordenker der Französischen Revolution von 1789, in einem Brief: „Die Privilegien sind nützlich gegen die Könige; aber sie sind verabscheuenswert gegen die Nationen, und niemals wird unsre Nation öffentlichen Geist haben, solange sie nicht von ihnen befreit ist; da haben Sie den Grund, warum wir bleiben müssen, was ich persönlich in hohem Grade bin: monarchisch. Ah, gestehen wir’s doch ehrlich, was wäre eine Republik, die aus all den [Geld-]Aristokratien zusammengesetzt wäre, die an uns nagen? Der Hort der allerrührigsten Tyrannei.“

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