Judith Holofernes und die Droge Erfolg

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Ich habe gerade die Autobiographie Die Träume anderer Leute von Judith Holofernes, ehemalige Frontfrau der deutschen Band Wir sind Helden zu Ende gelesen. Ihre Offenheit hat mich überrascht. Und auch wieder nicht. Sensible Künstlerseelen können in schweren Zeiten einfach nicht anders, als schonungslos mit sich ins Gericht zu gehen und die Veröffentlichung dieses schmerzhaften Prozesses als Therapie zu betrachten.

Ähnlich grausam offenherzig fand ich das Tagebuch der Erika Pluhar, das sie in den 1980er Jahren veröffentlichen musste. Oder der US-Amerikanische Comic-Zeichner Craig Thompson, der seine Lese-Reise nach Europa und Nordafrika in einer dunklen Einsamkeit skizzierte.

Allerhand, sagte ich mir. Aber gerade dieser voyeuristische Blick, den der Autor, die Autorin dem Publikum gewährt, gehört zum Leben eines Künstlers, der immer in der Öffentlichkeit steht, vielleicht auch, weil er aus dem Erlebten schöpft. Wäre sein Leben nicht der hehren Kunst gewidmet, würde es nur einem biederen Job unterworfen sein.

Das Buch Die Träume der anderen von Judith Holofernes ist für all die angehenden jungen und alten Kunstschaffenden – dazu zähle ich auch die Kreativen, die in den sozialen Medien Content erstellen – eine Empfehlung. Weil Holofernes zeigt, wie (früher) Erfolg süchtig macht und gleichzeitig Körper und Seele langsam, aber zielstrebig zerstört. Ihre (damalige) Lösung, um dem ausbeuterischen Musikgeschäft den Rücken kehren zu können, lautete, einen Account auf Patreon zu eröffnen und darauf zu setzen, dass Fans ihr monatlich kleinere oder größere Beträge zukommen lassen. Auf diese Weise, so dachte Holofernes laut, kann sich der Künstler, die Künstlerin auf ihre Kunst konzentrieren. Am Ende, so würde ich jedenfalls dieses Patreon-Sponsoring sehen, tauscht man eine Abhängigkeit gegen eine andere – in beiden Fällen muss man seinen Fans etwas bieten. Und damit hört sich das „frei sein“ recht schnell auf. Der Druck, der auf den Schultern lastet, mag sich anders nennen, aber es bleibt ein belastender Stein im musischen Herzen, das unabhängig sein will.

Ich habe jetzt auf ihre Webseite geklickt. Bemerkt, dass noch die Tour-Termine für 2018 aufgelistet sind. Auf ihrem YouTube-Kanal ist das letzte hochgeladene Video vier Jahre her. Schwer festzustellen, wohin ihre Reise nun geht. Wahrlich, wie viele junge Leute hätten sich den immensen Erfolg der Wir sind Helden-Tage sehnlichst gewünscht? Instinktiv wissen wir, dass Erfolg allein nicht glücklich und zuweilen zerstörerisch wirken kann. Und doch verspricht uns eine Industrie das Blaue vom Himmel – und die vielen zerschlissenen Künstler und Künstlerinnen, sie ziehen sich zumeist zurück und sprechen weder vom Misserfolg, der Ausbeutung noch vom Älter werden.

Dabei macht die Industrie nur das, was notwendig ist, um Aufmerksamkeit für das Produkt (Künstler) zu generieren. Mit Aufmerksamkeit kommt nämlich mehr Aufmerksamkeit und mit mehr Aufmerksamkeit kommt noch mehr Aufmerksamkeit und so weiter. Mit Aufmerksamkeit folgt im Windschatten der Erfolg. So ist das. Deshalb ist das Werk immer nur zweitrangig, das heißt, so gut kann es gar nicht sein, dass sich der Erfolg von alleine einstellt. Es braucht Multiplikatoren, viele davon und am besten gleichzeitig. So funktionieren Medienkampagnen! Flächendeckend wird in den verschiedenen Kanälen die Aufmerksamkeit auf ein Produkt gelenkt. Im besten Fall treibt dann diese bezahlte Aufmerksamkeit unbezahlte an – durch Leute, die auf den Zug aufspringen und dabei sein wollen. Und so setzt sich ein Räderwerk in Gang, das – solange es weiterhin geschmiert und geölt wird – ein Weile läuft. Bis die Industrie für andere Produkte die ganze Aufmerksamkeit einfordert.

Aha. Ich lese gerade, dass ihre Mutter einem fränkischen Adelsgeschlecht entstammt. Was sagt man dazu? Am Ende bewahrheitet sich der Seufzer des Grafen Mirabeau (1741-1791), der große schriftstellerische Pläne hatte, die sich während der Französischen Revolution in Luft auflösen sollten:

Das Publikum ist eine undankbare Geliebte.

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