Eindrücke vom Festival International des Jeux in Cannes, 2026

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Letzte Woche reiste ich zusammen mit TB. im Auftrag des Spielemagazins frisch-gespielt nach Cannes. Es war mein dritter Besuch des Spielefestivals, das in seiner glamourösen Grandiosität einen Höhepunkt für Brett- und Kartenspielbegeisterte darstellt.

Die Verleihung des As d’Or, dem jährlich vergebenen französischen Spielepreis, ist ein Spektakel der Sonderklasse. Das Auditorium des Palais des Festivals et des Congrès – bekannt vom Filmfestival – hat eine Dimension, die einen förmlich erschlägt. Geschätzte 4000 Besucher fasst der Saal, der mit seiner steil aufragenden Tribüne an ein Indoor-Fußballstadion erinnert. Da meine Französischkenntnisse, nun ja, c’est pas le Pérou!, das heißt: dürftig sind, tat ich mir zuweilen schwer, die humoristischen Einlagen zu verstehen. Und mit den Englischkenntnissen der Franzosen ist es – wie zu erwarten – nicht gut bestellt. Aber mit Glück findet man dann doch immer wieder jene Franzosen und Französinnen, die sich Mühe geben, Spiele zu erklären und Auskünfte zu geben. Oui, oui.

Das Städtchen Cannes ist jede Reise wert – vorausgesetzt, man weiß seine Zeit gut zu verbringen. Einzig die Pâtisserien leerzukaufen und auf der Meerespromenade zu flanieren schlägt sich sehr schnell auf die Linie. Der Besuch eines Festivals (oder Konzerts) ist somit eine wunderbare Gelegenheit, die mondäne (aber in der Vorsaison erschwingliche) Welt an der Côte d’Azur kennenzulernen. Das kleine, aber stilvoll eingerichtete Appartement in einem der vielen schmalen Häuschen in der Innenstadt von Cannes, in der wir untergebracht wurden, war ein veritabler Glücksfall. Selten noch habe ich ein Appartement gesehen, in dem auf jede Kleinigkeit geachtet wurde. Sogar die bereitgelegten Comics konnten überzeugen (freilich in französischer Sprache). Und erwähnte ich ein Päckchen Pflaster im Badezimmerschrank? Überhaupt würde ich liebend gerne die Dusche in meine Wohnung „verpflanzen“.

Da das Kongresszentrum vom Appartement in Fußweite erreichbar war, konnten wir in aller Ruhe unser Mittagessen zu Hause einnehmen und danach in einen der vielen Cafés unseren Espresso schlürfen – natürlich im Gastgarten, bei mild-warmen Temperaturen und dabei in bester französischer Tradition die Vorbeigehenden beobachten. Wahrlich, der brotlose Dichter aus Wien fühlte sich in solchen Momenten wie Gott in Frankreich. Bon.

Von den neuen Brett- und Kartenspielen, die wir probierten, stach der spätere As d’Or Preisträger Toy Battle (REPOS) heraus. Das Spiel für zwei Personen verspricht taktisches Geplänkel mit humorigen Spielzeugsoldaten-Figuren. Meine Quietschente ist stärker als sein Godzilla? Ja und nein bzw. je nachdem. Und die beiden Plastik-GIs sind zwar nicht sonderlich kampfkräftig, fordern aber einen weiteren Zug ein – was mein Gegenüber ziemlich schnell in die Bredouille brachte. Leider gingen mir einen Zug vor seinem Hauptquartier (das gilt es mit seinen Soldaten zu erreichen) die Luft respektive die Karten aus. Dumm gelaufen. Und verloren. Also noch einmal.

Das Kartenlegespiel Un Curieux Jardin (Ein seltsamer Garten) ist eine entspannte Wohltat: Es geht darum, mit Karten eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen. Dabei gilt es, sich mit den Mitspielern abzusprechen, welche Karte, das heißt Story-Element, in welcher Reihenfolge platziert werden soll. Die Illustrationen – sie stammen von der Französin Anna Heidsieck – sind herrlich schön und verzaubern einen in die Geschichte selbst.

Wer auch zu Hause nicht genug von Frankreich bekommen kann, dem ist das Spiel Postcards (Synapses Games) ans Herz zu legen. Die Postkarten, die mittels einer Fahrradreise durch französische Regionen erworben und verschickt werden sollen, spielerisch versteht sich, sind eine Augenweide und bereits alles Geld wert. Die Spielmechanik bleibt bodenständig und passt sich der entspannten Radtour an. Gaspar, der uns das Spiel in einem sehr guten Englisch erklärte, war auch noch so freundlich, uns Tipps für Nizza, seine Heimatstadt, zu geben, die wir am vorletzten Tag unseres Aufenthalts besuchen wollten. Aber erstens kommt es anders und zweitens eine Fischsuppe, die mich zu Boden streckte und mich ans Badezimmer ketten sollte. So ist das.

Möchtest du Näheres über die Brettspielwelt lesen, dann kannst du mit dem Magazin frisch-gespielt nichts falsch machen. Wir bewerten und empfehlen seit bald 20 Jahren die aktuellsten Brett- und Kartenspiele. Die letzten Ausgaben kannst du ohne Kosten im Browser durchblättern. Somit bist du bestens für den nächsten Spieleabend vorbereitet. Also, auf, auf.

Oui, das Festival International des Jeux und das Städtchen Cannes werden mich hoffentlich auch nächstes Jahr wieder sehen. Habe ich übrigens erwähnt, dass eine weiße Taube ins Zimmer geflattert ist? Sogar die Tauben in Cannes wollten sich mit mir unterhalten.

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