Die Perfidie eines Imperiums

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Die Nachrichten über den beginnenden Iran-Konflikt hatten mich überrascht. Dabei hätte ich es längst wissen müssen, weil die Zeichen des globalen Umbruchs eindeutig zu lesen waren. Trotzdem weigert(e) sich mein Bewusstsein, diesen Umstand zu akzeptieren, weil dieser in eine dunkle Zukunft für Europa und die Welt führt. Aber Fakten verschwinden nicht, nur weil man sie ignoriert, sagte Aldous Huxley.

Das Imperium

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind ein Imperium. Das ist ein Faktum. Und doch gelingt es den Verantwortlichen in Washington, mit einer unschuldig aufgesetzten Miene diesen „Vorwurf“ zu entkräften. We are the good guys!, sagen sie lächelnd und zeigen dir all die glorifizierenden Hollywood-Filme, mit denen du aufgewachsen bist und die dich – und ganze Generationen – geprägt haben. Diese kulturelle Vereinnahmung veränderte ganze Gesellschaften. Während in den 1830er Jahren der kurz in den USA emigrierte Wiener Dichter Lenau über den dortigen amerikanischen „Way of Life“ schimpfte und die europäische Kultur schmerzlich vermisste, verstehen die nach 1960 Geborenen nur noch train station. Unsere Generation wurde bereits vollkommen vereinnahmt, mit Spielzeug-Gimmicks, Comic-Heften, Kinofilmen und TV-Serien. Was wussten wir Kinder von Massaker und Genozid, wenn wir Cowboy und Indianer spielten? Unrühmliche Vergangenheit. Aber während sie in Mitteleuropa das Kainsmal bedeutet, wird sie in den USA einfach umgedeutet und filmisch relativiert.

Natürlich kann ich die Unterscheidung machen zwischen oben und unten, zwischen den Mächtigen und den Ohnmächtigen, zwischen den Verantwortlichen und den Opfern. Langsam beginne ich zu begreifen, wie die unterworfenen Länder unter den Imperien litten und sich rebellische Herausforderer formten.

»Diese neue soziale und politische Organisation [der Römer] war eine Kriegsmaschine. Kriegerische Instinkte und Interessen waren ihre Motoren. Nur an Kriegen konnten sie sich betätigen, nur durch Kriege ihre innere Position halten. Ohne immer neue Waffenerfolge hätten sie zusammenbrechen müssen. Ihre Einstellung nach außen war Krieg schlechthin. Und so wurde denn Krieg der normale, den nunmehr vorhandenen Organen des sozialen Körpers allein zuträgliche Zustand. Daher war das Ins-Feld-Ziehen selbstverständlich, wofür man ins Feld zog, nebensächlich. Vom Krieg geschaffen, der sie brauchte, schuf die Maschine die Kriege, die sie brauchte. Eroberungswillen ins Weite, ohne angebbare Grenze, in Positionen hinein, deren Unhaltbarkeit klar war – typischer Imperialismus.« — Joseph Alois Schumpeter, Aufsätze zur Soziologie, Tübingen 1953

Zukünftige Szenarien!

Wenn wir also davon ausgehen, dass Washingtons Elite ihre imperiale Macht mit allen Mitteln aufrechterhalten will, dann gibt es für Europa zwei möglich Szenarien.

Szenario 1
Europas Abhängigkeit von Washington führt zum Krieg mit Russland. Durch die Energie- und die damit ausgelöste Wirtschaftskrise kann nur noch ein blutiger Konflikt mit Moskau das Auseinanderbrechen der Gesellschaft (wenigstens kurzfristig) verhindern. Der damit verbundene, ausgerufene Ausnahmezustand erlaubt es, unpopuläre (aber US-freundliche) Regierungen an der Macht zu halten sowie bürgerfeindliche Maßnahmen durchzusetzen. Dieser Konflikt würde erst dann enden, wenn Russland zerfällt oder sich großer Widerstand in der Bevölkerung regt.

Szenario 2
Widerstand in der europäischen Bevölkerung gegenüber der Abhängigkeit von Washington (und einem Konflikt mit Russland) führt zu gesellschaftlichen Verwerfungen. Europäische Staaten, deren Regierungen sich für eine Annäherung an Russland und China aussprechen, werden durch medialen Druck und geheimdienstliche Operationen ins Chaos gestürzt, was einen „Regime Change“ zur Folge haben wird und somit Szenario 1 auslöst.

Andere Szenarien kann ich vorerst nicht erkennen. Ein Imperium, das sich angegriffen fühlt, wird mit größter Brutalität und Skrupellosigkeit die Ordnung wiederherstellen wollen. Der gewöhnliche Bürger hat keine Idee, wie bereits in der Vergangenheit Imperien Not und Elend über die Welt gebracht haben. Daran hat sich nichts geändert. Daran wird sich nichts verändern. Washington, das sollten wir immer im Hinterkopf behalten, wird jedes gegebene Versprechen brechen und jeden unterzeichneten Vertrag zerreißen, wenn es in ihrem Sinne ist. Im Gegensatz dazu kann man Moskau und Peking vertrauen. Warum? Weil nur ein Imperium keinerlei Konsequenzen fürchten muss, wenn es gegen internationales Recht verstößt oder Staaten mit ihren Regierungen mit Füßen tritt. Ein Imperium sitzt immer am längeren Ast.

Ausverkauf Europas!

Am Ende befindet sich Europa wieder in den 1920er und 1930er Jahren, als die Gesellschaft gespalten und die Wirtschaft am Boden darniederlag. Ausländische Investoren nutzten die Depression, um für einen Bettel auf Einkaufstour zu gehen. Man beachte, dass Washington gegenwärtig jederzeit US-Dollar drucken oder lebenswichtige Lieferungen in die Wege leiten kann, um das eigene „Kaufkraftpotenzial“ zu erhöhen. Gleichzeitig wird der Einfluss Washingtons auf die Staaten so groß, dass sogar der gewöhnliche Bürger ein erniedrigendes Ausgeliefertsein spürt. Die Wut dieses Unrechts wird zähneknirschend geschluckt.

Kampf dem Imperium?

Ein Imperium kann immer nur durch innere destruktive Vorgänge gestürzt werden. Deshalb werden die gutgläubig naiven Amerikaner mit Zuckerbrot bei Laune gehalten und mit Spielen abgelenkt, die linksliberale Intelligentsia weitestgehend indoktriniert (Frauen mit College-Abschlüssen!), die rechtsliberale Klasse in Grabenkämpfe verwickelt und die wenigen Skeptiker gegeneinander ausgespielt. Panem et circenses. Divide et imperia. Äußere destruktive Vorgänge beschleunigen natürlich den inneren Zerfall. Das britische Imperium wurde wiederum in den beiden Weltkriegen von den USA „friedlich“ abgelöst – die Elite war sich dahingehend einig, das „Staffelholz“ von London nach Washington zu tragen, und sorgte somit für zwei Weltkriege, die eine neue Weltordnung entstehen lassen sollten. Ein deutsches, russisches und österreichisches Kaiserreich hätten sich niemals einem amerikanischen Imperium gebeugt – somit mussten diese Monarchien im ersten kriegerischen Anlauf mit Gewalt zerstört werden. Der Friedensvertrag von Versailles stellte sicher, dass es zu einem weiteren europäischen Krieg kommen würde. Will man die globale Ordnung beeinflussen, dann sind Kriege und Revolutionen die effizientesten Werkzeuge dafür.

Moskau hat mit Zustimmung von Peking das amerikanische Imperium herausgefordert. Die Frage ist, wie weit sind die Herausforderer bereit zu gehen? Würden sie einen langwierigen Konflikt in Kauf nehmen, um sich von den Fesseln zu befreien? Würde Washington die Welt in Flammen setzen?

Oder gibt es längst geheimgehaltene Absprachen der Eliten hüben wie drüben, die den Globus in drei Zonen aufteilen? Orwell hat solch ein geopolitisches Theater in seinem Buch 1984 skizziert. Ist das möglich? Das ist die Crux eines jeden Skeptikers:

Am Ende wissen wir nur,
dass wir nichts wissen.

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