Cyrilische Begegnung

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Da soll mal einer sagen, Arbeiten am Laptop macht einsam und stellt keine realen Kontakte her (also mit Menschen wie du und ich). Da sitze ich also gestern unter Deck, lass das Schifflein schwanken wie es will und arbeite unangestrengt am Laptop, als ein junger Bursche fragend zu mir sieht. Ich seh fragend zurück, worauf er mich höflich bittet, seine mit Fotos volle Speicherkarte auf eine portable Harddisk zu kopieren. Na gut, sage ich, neues Notebook, neues Glück. Wir stöpseln also die Sachen an, lassen den Computer tun wie er will, während wir quatschen. Siril aus Aargau, Architekturstudent, im Moment auf Interrail, deshalb in Berlin. Ich höre, dass er sich den Luxus eines Einzelzimmers geleistet hat („aber da sind drei Betten drin“) und werde hellhörig. Minuten später packe ich meine sieben Sachen aus der beengenden Kajüte und schlepp sie unter Deck in das komfortable Zimmer Sirils. Purer Luxus, fürwahr! Sogar Dusche und WC sind inkludiert. Freilich, umsonst soll er seine Freiheit nicht aufgeben, also berappe ich ein schönes Sümmchen und lade ihn auf ein Bier ein. Das gehört sich so. Schließlich ist er es, der mich aus einer beengenden Lage gerettet hat. Die Plauderei nach dem Umzug gestaltet sich angenehm. Gegen 23 Uhr werden die Schoten dicht gemacht und die Kojen aufgesucht. Am nächsten Morgen, nach dem Frühstück, die Verabschiedung, mit Glückwünschen für die weitere Reise, die ihn nach Kopenhagen führen wird, mich keinen Kilometer die Spree entlang, zum Festivalgelände. Der Weg, er führt an einer Mauer vorbei. Moment. Es ist nicht irgendeine, nein, es ist DIE Mauer, die anno dazumal Ost und West trennte. So sieht also gelebte Historie aus. Zum Anfassen. Zum Vorbeigehen.

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7 Antworten zu „Cyrilische Begegnung“

  1. Avatar von LillY
    LillY

    Ich staune nur …. dass noch jemand Interrail fährt? Was kostet denn das Ticket jetzt?

  2. Avatar von maureen

    mein lieber dichter, einer meiner landesgenossen hat dich aus einer misslichen lage gerettet! das freut mich natürlich ungemein. dem jungen sei dank! (vermutlich schreibt er sich cyril) herzlichst, eine immer noch etwas kränkliche maureen

  3. Avatar von Laura

    Unserer lieber Richard hat immer Glück mit seinen Begegnungen… Woran leidet die liebe Maureen denn?

  4. Avatar von Richard K. Breuer

    @ Lilly: äh, ist dir schon aufgefallen, dass ich seit bald 15 Jahren nicht mehr Interrail fahren darf? Außerdem war ich ja nie der „ich-brauche-nur-ein-T-Shirt-Urlauber“, obwohl ich es fast gewagt hätte. Gottlob hat es mir meine Mutter ausgeredet („nimm doch lieber das Flugzeug, wir bezahlen’s dir.“). Wer weiß, wohin mich die Bahn gebracht hätte?

  5. Avatar von Richard K. Breuer

    @ Maureen: ja, Cyril klingt besser, wiewohl Siril mir eher schwyzerisch vorkommt. Aber du bist ja die Schweizerin, nicht. In Berlin ist es heiß, in der Sonne ist es nicht zum Aushalten. Ich hoffe, du bist bald wieder am Damm. Andererseits, ein bisserl ausspannen tut ja auch mal gut, oderrr?

  6. Avatar von Richard K. Breuer

    @ Laura: Glück? Sagen wir, ich klopfe an viele Pforten. Hin und wieder wird geöffnet. Hin und wieder bittet man mich hinein. Eigentlich ziemlich unspektakulär, in der Wirklichkeit des Lebens. Aber wenn es niedergeschrieben wird, dann hat es einen Hauch von Magie für den Leser, weil dieser das Geschehnis mit seiner Phantasie wiedergibt.

  7. Avatar von maureen

    @ richard: ausspannen, ja das täte bei einer grippe wirklich gut. doch wenn da ein kleines kind um einen herumturnt, wird das sehr sehr schwierig. da heisst es ebenfalls aufstehen, wenn die kleine ihr mittagsschläfchen gemacht hat und sich um die kleine kümmern. so zieht sich nun die grippe hin und hin. ja, ja ich geh‘ auch gleich jetzt wieder ins bett …

    die magie bringst du im text für laura wunderbar zum tragen. wünsche dir weiterhin viele schöne momente in berlin. als ich letztes jahr mit meinem bruder dort war, habe ich mich verliebt. in die stadt. ich muss wieder hin. irgendwann werd‘ ich’s schaffen.

    herzlichst, maureen

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