Laura Heneis – Kunstfotografin, Aktionskünstlerin und Toiletten- fetischistin – lud gestern zum Künstlerfrühstück in ihre schmucke Wohnung, die ich immer wieder mit Erstaunen betrete. Der Blogbeitrag meines ersten Besuches hängt übrigens ausgedruckt auf ihrer Toilette. Ich fühle mich geehrt. Sie hat nämlich das kreativst-ästehtische WC, das ich bis dato kennen gelernt habe. Sollte ich mir jemals eine neue Wohnung einrichten können, ich würde sie vom Fleck weg als Inneneinrichtungs-Guter-Geist engagieren. Sternzeichen: Fisch. Ihr angerichteter Frühstückstisch spielte alle Gusto-Stückerln.
Die Protagonisten (vulgo Hauptdarsteller) des Künstlerfrühstücks:
Michaela Kirchknopf – studierte Malerin und Atelierbesitzerin am Spittelberg – auf der Suche nach einem dritten oder vierten Stand- bein („auf dem Platz will ich net sitzen, da ist ja ein Stangel bei meinen Füßen“) – das zweite ist Lachtherapeutin – so eine Lachwurzn, wie Mademoiselle Michi, ist mir ja noch selten über den Weg gelaufen; da soll mal einer sagen, wir Künstler wären melancholische Depressivisten; übrigens erzählte sie, dass Schriftsteller die höchste Selbstmordrate hätten und die Maler erst weiter hinten, in der Statistik auftauchen. Wer also die gute Michaela und ihre Kunst kennen lernen möchte, der soll mal in die Gutenberggasse 18 schauen und unangemeldet in ihre Musenwerkstatt reinschneien (im Winter bietet es sich ja förmlich an). Sie mokierte sich nämlich darüber, dass die Leutchen alle so eine große Hemmschwelle hätten und sich nicht in das Atelier trauten. Ich werde dort sicherlich mal eine Lesung im kleinen Rahmen machen. Sternzeichen: Krebs. In einer hypothetischen Rückführung sieht sie sich als Hexe oder Heilerin, die geköpft wurde – weil sie hin und wieder Halsschmerzen hat.
Markus Mooslechner – nichtlinearer Kunstwerker („mich fas- ziniert das Chaos“), dessen neuestes Bild etwa 9 Meter lang ist und in einem Wiener Luxushotel hängt (aber zur Eröffnung nicht eingeladen wurde – er ist wohl zu unauffällig, zu wenig schrill und promi- faktoresk, um bei ViPen Veranstaltungen berücksichtigt zu werden) und dessen WebSite den (von mir bis dato nur einmal vergebenen) goldenen WOW!-Faktor eingeheimst hat; er ist geerdet und im Sternzeichen eine Jungfrau (womit alles gesagt ist). Möchte im Hier leben, ist aber mit seinen Gedanken immer einen Schritt voraus. Sieht sich in einer hypothetischen Rückführung als Stallknecht – was die Phantasie der Damen sofort anheizte.
Maria M. – Kärnter Slowenin, Ex-Berlinerin, Ex-Laibacherin, studierte Kulturmanagement und Psychologie (!) – ist erst vor ein paar Monaten von Berlin nach Wien gezogen (Wohnung mit Garten in der Josefstadt!) – Koordinatorin des quartier21 im MQ; sieht sich in einer hypothetischen Rückführung als Königin (Sternzeichen: Löwe mit Aszendenten Löwe!), hielt sich aber während des Frühstücks dezent zurück – was wohl mit einer längeren Abendveranstaltung am Vortag in Verbindung steht. Lebt im Hier – weil sie (bewusst) nicht denken tut.
Richard K. Breuer (vulgo: ich) – pünktlichst und als erster erschienen – brachte auch die ihm aufgetragenen zwei Flaschen Orangensaft („mit Fruchtfleisch!“) mit; Laura erkannte trotz seines dichten Barts sofort, dass er noch ein leicht geschwollenes Pausbäckchen hat (die Wurzelspitzenresektion), während ihm auffiel, dass Laura ihre Zahnspange nicht mehr hat („vier Jahre musste ich sie ertragen!“). Ja, Künstler sehen anderen Menschen ins Gesicht. Nicht immer, aber immer öfter. Michaela attestiert ihm gentlemanesken Stil („Du hast etwas von einem Engländer“), was ihm natürlich schmeichelt; in einer hypothetischen Rückführung sieht er sich als Graf („Ja, du wirkst blaublütig auf mich.“). Vermutlich wird er in ein paar Jahren nur noch edlen Zwirn tragen und auf hochnäsigen Landlord machen („James! Lasse er die Kutsche vorfahren“). Sternzeichen: Zwilling („Dann bist du sprachbegabt!“), dessen Französischkenntnisse noch immer rudimentär sind – obwohl er die Sprache in der Schule sechs Jahre lang gelernt hat. Der Zufall will es, dass Michaela sein Buch „Rotkäppchen 2069“ vor einem Jahr von einer gemeinsamen Bekannten geschenkt bekam („Das ist von dir? Ich hab’s aber noch nicht gelesen … äh, ich werd’s mir jetzt natürlich zur Brust nehmen, nach dem ich weiß, dass es von dir ist“). Er erzählte von seinem neuesten Buchprojekt („Es geht um die französische Revolution!“), was zu nachdenklichen Gesichtern führte: „Die französische Revolution gibt’s ja schon, weißt du das?“
SMutje – der Name ist der Redaktion nicht bekannt – erschien etwa drei Stunden nach dem Frühstück und erbot sich, aufzuräumen und die Wünsche der Gäste untertänigst zu erfüllen, ohne dafür in irgendeiner Weise entgeltet zu werden. Das Dienen ist ihm plaisir. Was wiederum für manch einen zu einer horizonterweiterten Erkenntnis führte („Warum tut er das?“; „Nein, das will mir nicht in den Kopf!“; „Er wird ausgenutzt?“), während Laura Aufklärungsarbeit leistete („Er möchte es!“). Ja, Subordination und Submission („Befehlen und Gehorchen“) können faszinierende Formen annehmen – eine (weiße) Wachskerze ist da nur ein kleines Mittel zum lusterfüllendem Zweck.
Wie kann sich ein Außenstehender ein Künstlerfrühstück vorstellen? Was wird gegessen, getrunken, geraucht, gesagt?
1. Keiner hat geraucht!
2. Keiner hat Halluzinogene oder andere bewusstseinsverändernde Substanzen zu sich genommen! [wozu auch?]
3. Es gab keinen Alkohol! [wozu auch?]
4. Das Essen war vom Feinsten – Eier, Käse, Wurst, Cocktail-Tomaten, Paprika, Papayas, Ananas, Erdbeeren, Brot, Semmeln, selbstge- machte Marmelade, weißer (!) Tee, Kaffee, Orangensaft – im Hintergrund eine unauffällige und stimmige Musikuntermalung.
5. Die Themen: über Sternzeichen und ihre Aus- bzw. Einwirkungen („Wo steht der Saturn?“; „Du bist Jungfrau? Ojemine!“); über die Schubladisierung und Klischeetierung der Künstler („Wir sind zu bieder! Vor dreißig Jahren hätten wir ein Sit-In gemacht, uns mit Drogen vollgepumpt und herumgevögelt“); über Kunst und Künstlichkeiten; über SMutje und die Folgen; über die Wiederholung des Frühstücks;
Sechs Stunden später die Verabschiedung. Auch Künstler müssen an einem Samstag noch ihre Einkäufe erledigen. Angeblich …
Übrigens habe ich es Lauras und Monikas „Muschis auf Tour 01“ zu verdanken, dass die Klicks auf meinem Blog in ungeahnte Höhen geschnellt sind. Man möchte nicht meinen, wie oft das Wort „Muschi“ gesucht wird. Die Kunstwerke der beiden könnte man sich wenigstens an die Wand hängen …
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