Die Bauchtänzerin und das Model oder: Gibt es Gerechtigkeit auf Erden?

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Tischlein deck dich mit Alkoholika

Jede halbwegs gute Geschichte beginnt damit, dass man eigentlich keine Lust hat. Keine Lust, noch um Mitternacht zum Geburtstagsumtrunk eines langjährigen, trink- und nikotinfesten Freundes zu gehen. Aber das schlechte Gewissen bedrängt einem so lange, bis man klein beigibt und sich zum Tisch des Geschehens gesellt. Ich bestelle ein Himbeer Soda und schlage, so lange es geht, alle aufdringlichen Alkohol-Exzesse aus. Freilich, früher oder später muss (?) man mit dem Geburtstagskind anstoßen. Also gut. Einmal ist keinmal.

Sonst? Einziger Lichtblick, neben den bestens alkoholisierten Leutchen, ein junges Mädel, das ich bis dato nicht kannte, nicht in dieser Runde jedenfalls. Sie heißt Virginia. Und soll für das Geburtstagskind tanzen. Ojemine, denke ich mir. Schon tauchen in mir Bilder auf, die mit einer Peinlichkeit beginnen und mit einer noch größeren enden. Aber hin und wieder werde ich ja eines Besseren belehrt.

Virginia zieht sich um (natürlich nicht vor den mit Testosteron vollgepumpten Männleins) und schlüpft in die Kleidung einer Bauchtänzerin. Zu passenden (mitgebrachten) orientalisch abgemixten Liedern beginnt sie ein Feuerwerk an geschmeidigen und lasziven Bewegungen im Rhythmus der Musik abzubrennen. Mir bleibt vermutlich minutenlang der Mund offen (weshalb ich auch vergesse, ein Bild zu knipsen). Sollte ich bei meinen genauen Beobachtungen gesabbert haben, nun, man möge es mir verzeihen, aber was soll ein Mann auch tun, wenn eine der besten Bauchtänzerinnen (das ist kein Witz, keine Übertreibung, sondern einfach nur wahr – jedenfalls sagte sie später, dass sie bei einer Meisterschaft in Miami den 1. Platz belegte) in Fahrt kommt? Eben!

Nach der Vorführung zieht sie sich wieder Jeans und T-Shirt an (natürlich nicht vor der Männerhorde) und kommt wieder zum Tisch. Sie setzt sich neben mich, weil sie sich für die Schriftsteller und sein Buch zu interessieren beginnt (ich schenkte dem Geburtstagskind ein signiertes Ro2069). Erzählt, dass sie in jungen Jahren ebenfalls ein Buch veröffentlichte. In Bulgarien. In Bulgarien? Ja, ihre Mutter sei Bulgarin, ihr Vater Jordanier. Aha! Den Stolz, den Intellekt habe sie von ihrer Mutter. Das Gefühl für Rhythmus und Tanz von ihrem Vater. Seit vier Jahren ist sie in Wien (und meint, dass es eine vertane Zeit war), hat Journalistik studiert und überlegt, nach London oder Amerika zu gehen. So nebenbei tanzt und schauspielert sie (um Geld für wichtigere, bedeutendere Sachen zu haben), schlägt Heiratsanträge von reichen Männern aus, und versucht, ihren Weg zu gehen. Ich gebe ihr eine Visitenkarte mit meiner Website, sage, dass sie mir eine E-Mail schreiben könne, wenn sie wolle. Sie lächelt und nickt. Ja, sie möchte mir noch heute eine Nachricht schreiben („Wirst du dann noch wissen, wer Virginia ist?“). In der Morgendämmerung verabschiede ich mich von ihr und dem Rest der Mannschaft und schlage den Nachhauseweg ein.

Am Sonntag mit SP., meiner Managerin, nach Floridsdorf, zu einem Filmstudio, wo Andreas Ferner – bestens bekannt von meinen Lesungen bzw. von seinem Tor gegen die schweizer Auswahl bei der Dokusoap „Das Match“ – seine Late Nite Show fürs TV produzierte. Die erste Hürde: SP. den Weg zur Floridsdorfer Brücke zu erklären, wo ich auf sie wartete. Es bedurfte eines mehrminütigen Telefonates („Ich glaube, ich muss umdrehen!“ – „Wo bist du?“ – „Da ist ein Schild, da steht „Donauinsel“!“ – „Gibt’s da kein Straßenschild?“ – „Nein!“ – „Hast du keinen Stadtplan?“ – „Ich kann Pläne nicht lesen!“) um sie zum Treffpunkt zu lotsten. Während wir also über die Donau fuhren, merkte sie an, dass sie noch nie in ihrem Leben in der Gegend gewesen sei (was meine These bestätigt, dass die Wiener in ihrer Umgebung, in ihrem Grätzel bleiben und für sie das andere Ende von Wien genauso fremd ist wie Aserbaidschan). Als wir zum Studiogelände kommen, meinte sie, es sehe hier wie in L.A. aus. Aha.

Im Studio hatte das Publikum schon ihre Plätze eingenommen. Eine gemütliche dreisitzige weiße Couch in der ersten Reihe, aber leicht seitlich von der „Bühne“, war noch frei. Also nahmen wir dort Platz. SP. holte etwas zu Trinken. Ich wartete. Eine Dame im mittleren Alter kam zur Couch und machte einen suchenden Eindruck. Ich nickte und meinte, sie könne sich ruhig zu mir setzen. Sie fragte höflich, ob es mir nichts ausmache. Nein, nein, sagte ich und sie setze sich neben mich. Wenig später kam SP. mit den Getränken, was die Dame dazu bewog sich ebenfalls ein Getränk zu holen. Sie murmelte etwas von „Hole mir auch etwas!“ und ging davon. Während wir beide so dasaßen, uns nett unterhielten, kam ein gutausehendes Mädel zur Couch. Kurzes Kleid, laaange Beine, attraktiv zum Niederknien. Sie lächelte mich an und fragte, ob der Platz neben mir noch frei wäre. Tja. Das ist der Moment, wo ich mir wünschte, ich wäre ein skrupelloser Arsch. Was ich aber nun mal nicht bin (was ist da schief gelaufen, in meiner Erziehung?). Also lehnte ich schweren Herzens ab und meinte, das der Platz schon besetzt sei. Sie dankte und verschwand aus meinem Blickfeld. Wenig später setzte sich die Dame, mit einem Getränk in der Hand, zu uns auf die Couch. Wie sich herausstellte, ist sie Professorin an einer berufsbildenden höheren Schule. Ja, in einer guten Geschichte, würde meine loyale, beinah ritterliche Handlung belohnt werden: sie würde mir ihren Ehemann, der Chefredakteur oder Herausgeber einer Qualitätszeitung ist, vorstellen und … aber nichts dergleichen. Ich befürchte, es war der obligate Schuss ins Knie *aua*. Die TV-Aufzeichnung war wenigstens gelungen.

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4 Antworten zu „Die Bauchtänzerin und das Model oder: Gibt es Gerechtigkeit auf Erden?”.

  1. Avatar von pebowski

    Dichter sind Pop-Stars! Werden von allen Frauen angehimmelt! 🙂 Wie konnte mir dann das am Samstag passieren: bei einer Geburtstagsparty hat die Interesanteste von allen gesagt – nachdem mich die Gastgeberin als Autor und Filmemacher vorgestellt hat – „Ah, so was Abgehobenes!!“ (sie ist Sozialarbeiterin und ein bisserl charmant provokativ unterwegs …)

  2. Avatar von Richard K. Breuer

    Ja freilich sind wir abgehoben. Würden wir bodenständig sein, wären wir Sozialarbeiter oder Börsenhändler.

    Am Pop-Star-Image arbeite ich noch – am angehimmelt werden auch 😉

  3. Avatar von nebenschauplatz

    stop: börsenhändler sind im grundsatz eher abgehoben und selten bodenständig. abgehoben aber in einem anderen sinn als die sozialarbeiterin bei pebowski meint…
    … und das trotz börsencrash…

  4. Avatar von Richard K. Breuer

    Maureen, mit „bodenständig“ meinte ich „Kohle scheffeln, Familie gründen, auf die Pension warten“ … die Reihenfolge kann freilich nach belieben geändert werden …

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