In Österreich wird eine Vorsorgeuntersuchung von der Sozialversicherung zur Gänze bezahlt. Dazu wird eine Harn- und eine Blutprobe benötigt. Diese müssen, so heißt es, nüchtern abgegeben werden. Als ich mit 18 Jahren zur Stellungskommission des österreichischen Bundesheeres „einrückte“, war die Vorgabe die gleiche: nüchtern erscheinen. Was mich dazu veranlasste, ausgiebigst zu frühstücken. Auf die Frage des Arztes, was ich mir dabei dachte, als ich ihm davon erzählte, zuckte ich mit den Schultern, und meinte, nichts alkoholisches getrunken zu haben und demnach auch völlig nüchtern zu sein. Vermutlich dachte er sich, dass die jungen Leut entweder völlig verblödet oder total gewieft sind, wenn es darum geht, sich vor dem Militär zu drücken.
Jedenfalls ist ein Anamnesebogen (hört sich für mich immer nach Amnesie an) auszufüllen, auf der die Vorgeschichte etwaiger eigener oder verwandtschaftlicher Erkrankungen festgehalten werden. Ein zweiter Fragebogen beschäftigt sich mit dem Alkohol. Die erste Frage lautet dementsprechend: „Wie oft trinken Sie Alkohol?“.

Eine Frage müsste vermutlich ein wenig umformuliert werden. Da heißt es „Wie oft konnten Sie während der letzten 12 Monate Ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen, weil Sie zuviel getrunken hatten?“. Was aber, wenn der Betreffende gar keinen Verpflichtungen nachzu- kommen hat. Man sehe sich das Klischeebild des Schriftstellers an, der sich mit einem höllischen Kater vom Sofa erhebt, sich zur Schreibmaschine setzt, und erst mal eine Zigarette ansteckt. Dann gafft er mit seinen schwammigen Augen auf das eingespannte weiße Blatt Papier. Wenig später, von Müdigkeit und Übelkeit gezeichnet, knallt er mit dem Kopf auf die Schreibtischplatte und fällt in ein 3.2 Koma. Würde dieser Klischee-Schriftsteller diese „Schreibblockade“ als „nicht nachgekommene Verpflichtung“ ansehen? Ganz zu schweigen von Leutchen, die keiner Verpflichtungen mehr nachgehen, weil die Gesellschaft keine mehr für sie hat. Ja, Alkohol dürfte in der westlichen, östlichen, südlichen und nördlichen Welt eine bestimmende, befreiende, bewusstseinserweiternde und vor allem problematische Rolle spielen. Wie soll das kapitalistische „einer kriegt alles“-System funktionieren, wenn der niedere und mittlere Pöbel pünktlich im Delirium, statt am Arbeitsplatz erscheint? Auf diese Erkenntnis hin gehe ich gleich mal einen Trinken. *hicks*
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