„Mein Beschützer tröstet sich über den großen Fehlschlag hinweg. Sein geringer Erfolg bereitet ihm sicher noch so viel Kummer wie mir. Wenn die Sache, wie er es hoffte, gelungen wäre, wäre ich alles geworden, statt dessen bin ich nichts …“ [Brief des Abbé Sieyes an seinen Vater; entnommen Kritisches Wörterbuch der französischen Revolution – Band I – S. 528]
Der Dompfarrer von Chartres, Abbé Sieyes hatte ehrgeizige Pläne. Er wollte Karriere machen. Und scheiterte. Verschämt, geknickt musste er dieses Versagen seinem Vater schreiben. Beinah wäre er „alles“ geworden, so ist er nun ein „nichts“. Heute würden wir sagen: dumm gelaufen, Junge, du hättest dich wohl mehr anstrengen müssen. Aber damals, wir schreiben das Jahr 1788, konnte er gute Gründe benennen, warum er nicht „alles“ werden konnte: die Aristokratie versperrte ihm jede Möglichkeit, die Karriereleiter nach oben zu steigen. Wen wundert es also, dass er Anfang des Jahres 1789 ein Broschüre veröffentlichte, in der dieser unbekannte Dompfarrer klare Worte gegen den Adel fand, die nur ein Zwanzigstel (5 %) der Bürger Frankreichs ausmachten, aber alle Macht in Händen hielten. Er forderte für den Dritten Stand, die restlichen neunzehn Zwanzigstel, endlich etwas sein zu dürfen. Abbé Sieyes löste mit seiner Broschüre, mit seinen Worten, große Begeisterung aus. Sie sollte die Lunte sein, die ein halbes Jahr später gezündet werden sollte. Warum ich das erzähle?

Gestern schrieb ich endlich die Bewerbung für das Autorenstipendium der Stadt Wien, die durch eine Fachjury vier Stipendien an Autoren und Autorinnen vergibt, „die sich über einen längeren Zeitraum hinweg der Fertigstellung eines größeren schriftstellerischen Projektes widmen wollen.“ Heute schickte ich die Unterlagen ab. Mit Arbeitsproben zu „Azadeh oder Die 13 Tage des Leutnant Johann Gottfried von Märwald“ – jenem Werk, mit dem alles begann und an dem natürlich mein Herzblut hängt. In „Azadeh“ spielt das Wien von 1899 eine gewichtige Rolle. Also entschied ich mich für die Bewerbung. Sollte sie von der Fachjury abgelehnt werden, welche Gründe werde ich dann (er)finden, um diese Ablehnung von mir zu weisen? Ich gehöre keiner religiösen Minderheit an. Bin kein Ausländer. Habe keine andere Hautfarbe. Bin kein Fräulein. Diskriminierung kann ich demnach nicht ins Feld führen. Scheinbar wird es mir äußerst schwer gemacht, meine eigene Unzulänglichkeit auf andere zu projizieren. Aber wo ein (geknickter) Wille ist, da ist auch ein (revolutionärer) Weg. Oder möchte jemand behaupten, meine literarischen Qualitäten seien nicht förderungswürdig? Hörte ich da ein Gemurmel?
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