Bevor ich mich mit dem Journalisten Madlener treffe, der von Tiret recht angetan ist und sich nun an Brouillé versuchen wird, schreibe ich noch mein gestriges Kinoerlebnis nieder. Nur für den Fall, dass ich es mal vergessen sollte.
Dieser Teaser zum Christopher Nolan Film INCEPTION ist hervorragend gemacht und bringt die verzwickte Geschichte auf den Punkt, ohne viel zu verraten. Es ist modernes Kino. So, wie man es sich vorstellt. Der Zuseher wird nicht für dumm verkauft, er wird ernst genommen und als mitdenkendes Wesen wahrgenommen. Generell hat das Hollywoodkino ja Probleme mit intelligenten Filmen. Weil sie die Kasse nicht klingeln lassen. Der Großteil des zahlenden Publikums erwartet sich Ablenkung, Zerstreuung und einen vergnüglichen Kinoabend. Mehrere übereinander liegende Erzählebenen können da schon als Hindernis gelten.
Bei Inception bekommt der mündige Kinogänger viel Geschichte für wenig Geld. Zumeist ist es ja umgekehrt. Der Film erinnert natürlich von seiner Idee sehr stark an The Matrix. Auch hier konnte einem schon schwindlig werden, wenn man der Handlung folgen wollte und sich die Frage stellte: „Äh, was ist jetzt real und was nicht?!“ – Mit dieser Frage kokettieren auch andere Filme, die Nolan bewusst zitiert: Vanilla Sky (das spanische Original habe ich noch nicht gesehen, der Audiokommentar von Regisseur Crowe sollte man sich unbedingt anhören, um die Zusammenhänge und Details zu verstehen), Total Recall (man merkt, dass da eine literarisch durchdachte Kurzgeschichte von Philip K. Dick die Basis für die Film-Story war) und 2001: A Space Odyssey von einem gewissen Stanley Kubrick.
Der Thematik nicht unähnlich – was ist Traum, was ist Wirklichkeit – kann ich noch Jacob’s Ladder aus dem Jahr 1990 anführen, der mir gut gefallen hat und mit einem wunderbaren Twist am Ende die Auflösung bringt.
Regisseur Nolan hat viele Jahre am Drehbuch getüftelt und gefeilt. Das merkt man. Und darin liegt vielleicht auch wieder der Schwachpunkt des Films: es ist ein trocken durchdachtes Erzählkino, das auf mehreren Ebenen und Rückblenden ineinander greift. Dabei wollte Nolan, dass der Zuschauer versteht, wie die Sache abläuft und welche Einschränkungen es gibt. Die Gefahr, dass der Zuschauer irgendwann den Kopf schüttelt und meinte „Ist ja alles doch nur Traum“, muss er mit einer verqueren Logik begegnen. Und die ist nicht jedermanns Sache. Gut, man muss sie nicht verstehen (ich habe sie auch noch nicht vollständig behirnt), um den Film zu verstehen. Einzig, wenn es dem Ende zusteuert, wünschte man sich, den Film noch einmal von vorne sehen zu können, um einen anderen Blickwinkel zu bekommen. Vielleicht, wer weiß, spielt Nolan ja Katz und Maus mit uns. Und vermutlich wird erst die DVD mit dem Audiokommentar Rückschlüsse geben, wie der Film zu lesen ist. Theoretisch könnte nämlich alles ganz anders sein. Und das gefällt mir wiederum. Mit anderen Worten: INCEPTION ist durchaus eine Empfehlung, wenn man sich auf diese Gedankenspielerein einlassen möchte. Die opulente „traumhafte“ Bilderflut ist jedenfalls sehenswert.
INTERPRETATIONEN sind hier aufgelistet und erklärt. Vorsicht SPOILER!
Und weil es gerade hierher passt, will ich von Inception zu meinem Rotkäppchen 2069 springen. Gut, das riecht hier förmlich nach Beweihräucherung, deshalb sollten Leser mit empfindlichen Nasen an dieser Stelle aufhören, weiter zu lesen. Weil ich es kenne. Diese kleinen Künstler, die ihre bescheidenen Werke mit großen vergleichen, sie nebeneinander stellen und so hoffen, ein wenig Licht abzubekommen. Sei’s wie’s sei. Es ist ja mein Blog, und da darf ich auch hin und wieder meine Litertatür in den Vordergrund holen. Wenn nicht hier, wann dann? Eben!
Rotkäppchen 2069 spielt in der Zukunft. Zwei Männer, zwei Frauen werden an einen Quantenrechner angeschlossen und begeben sich auf eine virtuelle Traumreise, gesteuert von einem Softwareprogramm. Hier haben wir alle Ingredienzen, die es braucht, um zwischen einer Virtuality (Traumebene) und der Reality (Wirklichkeit) herumspringen zu können. In der Virtuality ist alles möglich, in der Reality gibt es natürlich die universalen Gesetze, so wie sie der Leser kennt. Als ich begonnen habe, das Buch 2003 zu schreiben, legte ich den Aspekt vorderhand auf die amüsante Story, auf die schrägen Charaktere. Erst mit der Zeit entwickelte ich die Vorgaben für die Virtuality. Deshalb kann ich Nolans verquere Logik-Einschübe so gut verstehen. Weil man dramaturgisch gewisse Regeln aufstellen muss, um es spannend zu machen. Zum Beispiel die Sache mit dem Aufwachen. Wenn es ein Traum ist, na gut, dann ist ja alles halb so schlimm, weil man einfach nur aufwachen muss und schon ist alles vorbei. Genau. Das darf nicht sein. Das wäre zu einfach (wer jemals ein Rollenspiel geleitet hat, der weiß, dass gewisse magische Zaubertricks außer Kraft gesetzt werden müssen, damit die Rollenspielgruppe die ihnen gestellte Aufgabe nicht so einfach löst). Die andere Sache ist: wenn alle nur träumen, okay, was ist daran gefährlich? Sterben kann man im Traum nicht. Tja. Auch hier braucht es dann eine verquere Logik, um es interessant zu machen.
Ich will über Inception nicht viele Worte verlieren, da ich sonst zu viel vorwegnehme, deshalb bleiben wir bei Ro2069. Wie habe ich diese Fragen „gelöst“? Wenn die Probanden an den Quantenrechner angeschlossen sind, können sie nicht so einfach „abgestöpselt“ werden, weil ihr Geist noch immer in der Virtuality ist. Es braucht einen Exit. Geht der virtuelle Charakter durch den Exit, wacht der reale Proband auf und alles ist gut. Sterben können die virtuellen Charakter in der Tat nicht. Die große Gefahr bei Ro2069 ist aber, dass die virtuellen Charakter nicht den Exit finden und somit ewig in der Virtuality bleiben müssen. Auch nicht schön.
Nun habe ich mir damals lang und breit Gedanken gemacht, wie man die Dramaturgie noch entscheidend verändern kann. Da ist mir dann eine, zugegeben, absonderliche Idee gekommen, die aber durchaus nicht abwegig ist. Das freut mich heute noch, dass ich nicht die 08/15-Auflösung („dann sind sie aufgewacht“) gewählt habe. Deshalb getraue ich mir noch immer, das Buch als meines auszugeben. Freilich, die Dialoge, die Zoten, die augenzwinkernden Anspielungen auf Sex und Perversionen, sowie auf Computerspiele (hey, ich bin mit einem ATARI 2600 VCS aufgewachsen), sind nicht jedermanns Sache. Und nicht einmal hörte ich von enttäuschten Lesern, dass die „Handlung nirgendwohin führe „. Das stimmt natürlich nicht. Man muss schon bis zum Schluss lesen. Wer aber in der Mitte aufhört, hat damit natürlich Recht.
Dass es von Ro2069 nur noch Restbestände gibt, lässt mich daran denken, es in einer überarbeiteten 3. Auflage zu veröffentlichen. Aber das ist jetzt Zukunftsmusik.

Hinterlasse eine Antwort zu Richard K. Breuer Antwort abbrechen