Gestern gab es also den Tag der Stammtisch-Autoren in der Genuss-Buchhandlung TIEMPO, organisiert von Autorenkollegin Claudia Toman. Neben kurzen Lesungen verschiedener Autoren wurde auch Wein vom Gut Haimer aus Poysdorf verkostet (der Traminer war wirklich süffig – Kopfweh habe ich keines, was nur als gutes Qualitätszeichen gewertet werden kann). Ich habe mich ja dezent zurück gehalten und im Anschluss einem älteren Herren, der unbedingt sein Buch in einer kleinen Auflage für seine Familie herausbringen wollte, die gute Sandra Vogel und ihren piepmatz-Verlag sehr empfohlen. Mal schauen, ob die beiden ins Geschäft kommen. Der ältere Herr weiß um seine Chancen am Buchmarkt (Null komma Null) und hat auch gar nicht vor, seine Bücher großartig in die Welt zu posaunen. Ihm geht es darum, zu guter Letzt, noch einmal etwas zwischen zwei hübsch gestalteten Buchdeckeln zu bringen. Das ist legitim und sollte ihm nicht verwehrt werden. Und was sagte mir die gute Bianca Gutberlet vor wenigen Tagen: laut Beuys ist jeder Künstler. Bianca hat mich auf der Frankfurter Buchmesse abgelichtet und ist eine tolle Fotografin, die in Frankreich lebt. Nebenbei hat sie eine Web-Plattform für Kunstbücher, die man empfehlen kann: www.karamboo.org – dort hat jedermann und jedefrau die Möglichkeit ihr Kunstbuch zu präsentieren und feil zu bieten. Coolio, ha?
Jürgen Schütz, Verleger des kleinen, aber qualitativ hochwertigen Septime-Verlags, gab sich auch die Ehre, ins Tiempo zu kommen. Wir hatten wieder viel Spaß. Schon auf der BUCH WIEN lästerten wir über die einen oder anderen verstaubten Praktiken des Buchmarktes ab. Köstlich. Bei ihm fühle ich mich gut aufgehoben. Wer kann schon sagen, einen Literatur-Nobelpreisträger in seinem Verlags-Programm zu haben? Eben! Dass Jürgen sich für Tiret (Band I) begeistert, will ich nicht verschweigen, mehr noch, das ehrt mich. Immerhin hat er leuchtende Augen bekommen, als wir Max Frisch in einem Bücherregal entdeckten und Jürgen meinte, „Mein Name sei Gantenbein“ wäre eines der besten Bücher überhaupt. Aha. Ich habe es im Regal stehen, billigst auf einem Flohmarkt abgestaubt, aber immer nur hineingelesen, nicht fertig gelesen. Vielleicht braucht es ja seine Zeit, bis man für Frisch gereift ist. Jedenfalls darf ich mich (fürs Erste) bestätigt fühlen, wenn ich nun die Tiret-Bände als anspruchsvolle Unterhaltungsliteratur einordnen möchte. Jürgen ließ mir gerade ausrichten, dass er beim Club der 99 für MADELEINE mitmacht. Erfreulich.
Als ich in der Genuss-Buchhandlung herumstand, die Vorbereitungen der anderen still beobachtete, sprach mit ein Kunde an (den mir Albert Knorr schickte), der nach einem bestimmten Buch suchte. Die Buchhändlerin konnte ihm nicht weiterhelfen, weil er weder Titel, noch Autor, noch sonst etwas wisse. Nur dass es eine Besprechung in der NZZ gab, die äußerst positiv war und dass es die Aufzeichnungen eines (Halb)Österreichers war, der um 1870 herum, einen Briefverkehr mit wichtigen Persönlichkeiten führte. Und sein Name klinge Französisch. Aha. Ich befragte also mit diesen Stichworten das allmächtige Google und siehe da, der erste Treffer war ein Treffer. Der Kunde machte also artig eine Bestellung. Und weil mir der Kunde sympathisch war, empfahl ich ihm natürlich meine Tiret-Saga. Interessiert hörte er zu. Er ist wohl einer der ersten potenziellen Käufer/Leser gewesen, der auf dem Sub-Titel den Namen Mirabeau erspähte und dazu nickte, ohne dass ich lang und breit darauf hinwies. Erst später wurde mir klar, was es mit seiner Frankreich-Affinität auf sich hatte. Er entschied sich für Brouillé (weil ich meinte, als Einstieg eignet sich dieser verspielte Krimi besser als das Sittengemälde Tiret) und ich signierte das Buch für seine Frau Yolande. Huh. Eine Französin. Und was für ein wunderbarer Namen. Y-o-l-a-n-d-e. Als wäre er vom Himmel gefallen, so schön klingt er in meinen Ohren. Ich hoffe, Yolande findet Gefallen an Brouillé und Mickiewicz und Marquis d’Angélique und Duport und wie sie alle heißen. Ei, das würde mir viel bedeuten. Auch wenn ich die gute Frau wohl nicht persönlich kennen lernen werde. Wobei, hat es nicht geheißen, dass der Kunde eine Weinhandlung in unmittelbarer Nähe hätte?
Wenig später. Ich stehe mit besagtem Jürgen bei meinen Büchern. Eine attraktive Frau sucht auf einem Büchertisch unschlüssig nach Lesbarem. Ich spreche sie an. Höflich. Freundlich. Sie folgt meiner Einladung und macht einen Schritt auf mich zu. Interessiert. Auf der BUCH WIEN habe ich es gemerkt, was es heißt, aktiv auf Menschen zuzugehen und Ihnen etwas „zu verkaufen“. Wobei, in erster Linie geht es mir darum, dass man ein gutes Gesprächsklima schafft. Ich hasse es, „gekeilt“ zu werden und möchte nicht den Eindruck erwecken, dass es mir nur darum geht, mein Buch um klingende Münzen zu verhökern. Immerhin geht es auch darum, dass der potenzielle Käufer es auch liest und mir gewogen bleibt. Was nutzt mir ein Käufer, der sich nach wenigen Seiten enttäuscht und betrogen fühlt? Nichts. Rein gar nichts. Deshalb lote ich aus. Prüfe. Bleibe achtsam. Zurück zu jener Frau, die sich gerne beraten lassen wollte. Also beriet ich sie. Besser gesagt: Jürgen übernahm das Gespräch und lobte mich und das Buch über den Klee (er gab aber auch zu, bis jetzt nur das erste Drittel gelesen zu haben – und für einen Außenstehenden musste es natürlich überzogen klingen). Ich stand daneben, hörte zu, lächelte.
Später. Ich hielt für die Frau einen kleinen Vortrag über das Frühjahr 1789. Über die Wahl zu den Generalständen (die in Brouillé akribisch, aber vor allem lebensecht abgehandelt werden), einem Demokratisierungsprozess den Europa bis dahin so noch nicht gekannt hatte. Dann, ich war verblüfft, zitierte sie aus dem Kopf das bekannte Zitat Graf Mirabeaus, als sich der 3.Stand weigerte, den Versammlungssaal zu verlassen. Sie sagte es auf Französisch. Huh. Respekt. Ein wenig ärgerlich, dass sie dann kein Buch – weder Band I, noch Band II – mitgenommen hat. Schade, schade. Gut, sie nahm sich ein Prospekt mit. Möglich, dass sie später einmal zu einem der Tiret-Bände greift. Aber es ist schon ein gewisser verletzter Stolz dabei. Weil die Bände genau für sie geschrieben wurden. Und jetzt stellt sich natürlich die Frage, was wäre wenn. Wenn die Buchhändlerin daneben gestanden wäre und den Kopf genickt hätte – somit als objektive Instanz (die weder ich, noch Jürgen war) wahrgenommen worden wäre. Niemand möchte über den (Bücher)Tisch gezogen werden. Niemand möchte Geld für Nichtigkeiten ausgeben (auch wenn es um ein paar Münzen mehr oder weniger nicht ankommt). Es geht um ein Prinzip! Und darin liegt die Krux des Eigenverlegers oder unbekannten Kleinverlegers auch schon begraben: er braucht eine objektive Instanz. Der potenzielle Käufer geht davon aus, dass ein namhafter Publikums-Verlag die Spreu vom Weizen trennt. Er geht weiters aus, dass der Buchhändler den schlechten vom guten Weizen trennt.
Ist es nicht merkwürdig, dass wir (ich nehme mich nicht davon aus) davon ausgehen, dass ein Verlag, der mit seinen Büchern Geld verdienen will und sie (vorwiegend) nach kaufmännischem Kalkül ins Programm nimmt, dass so ein Publikums-Verlag als objektive Instanz angesehen wird? Genauso wie der Buchhändler, der wiederum vorwiegend nur solche Bücher in sein Programm aufnimmt, die er auch verkaufen kann – nicht unbedingt, die er verkaufen möchte. Was nutzt ihm die anspruchsvollste Literatür, wenn die Bücher in den Regalen verstauben? Eben!
Was ich gestern bemerkt habe, bei diesen zwei zufällig initiierten Beratungsgesprächen (nennen wir es mal so), ist, dass man meine Bücher durchaus verkaufen kann, wenn man es möchte. Zu guter Letzt nahm sich noch meine Autorenkollegin Victoria Schlederer („Des Teufels Maskerade“) zwei Brouillés mit. Sie ist ja ein bekennender Fan der Tiret-Saga, was mich besonders freut und ich immer wieder eigennützig betone. Weil sich ihr Buch von der üblichen Fantastik-Massenware durch sprachliche Qualität abhebt. Ich selber tue mir mit diesem Genre schwer, aber wenn sich jemand dafür interessiert, dann kann ich nur raten, einmal bei ihr hineinzulesen: link. Oui, oui.
Dass ich in der Buchhandlung nicht (mehr) aufliege, obwohl ich die beiden Inhaberinnen kenne, ist eigentlich ein verlegerisches Waterloo der Sonderklasse. Gestern hätten sie mich zur Seite nehmen, sich die Bücher noch mal anschauen müssen. Keine Hexerei. Sie hätten bemerkt, dass sie professionell gemacht sind (das sage nicht nur ich, bitteschön), mit viel Liebe zum Detail, ein „Schmuckstück“ (wie es mir von einem Rezensenten mitgeteilt wurde). Und doch gab es nicht den kleinsten Anflug eines Interesses. So sieht also die Bücherwelt im Jahr 2010 aus. Während der Thriller eines großen deutschen Publikumsverlages in einer obszön hohen Auflage erschienen ist und sich in den Buchhandlungen stapeln und man sich nach der Kostprobe des ersten Kapitels fragen muss, ob hier noch alles mit rechten Dingen zugeht. Grottig geschrieben. Kein Sprachgefühl. Sätze wie ein Volksschüler. Als vor ein paar Tagen daraus gelesen wurde, musste ich unwillkürlich weghören. Zu schmerzhaft klang diese Aneinanderreihung von simplen Wörtern, ohne viel Sinn, ohne großem Verstand. Und dass der Autor/die Autorin auch noch prahlerisch, mit gerecktem Kopf nur von sich und seinen/ihren Büchern erzählt, diese überall und jederzeit promotet und so tut, als würde er/sie Beachtliches geleistet haben. Wer hier nicht zum Zyniker wird, der hat es schon längst überstanden oder hat sich von der Buchwelt zurückgezogen. Period!
Als ich am Montag in der ÖBV-Buchhandlung die vom Verlag Ueberreuter organisierte Bildungs-Diskussion mit Frau Minister Schmidt, dem Autor Glattauer und noch ein paar anderen, verfolgte, da wurde es mir wieder schlagartig bewusst, dass wir recht bald gegen die Wand knallen werden. Die Schul-Situation ist dem Buch-, Zeitungs- und TV-Markt nicht unähnlich. Man senkt so lange das Niveau, bis es kein Niveau mehr gibt. Punktuell wird vielleicht auf Qualität geachtet, aber großflächig wird breit der Anspruch reduziert. Wie lange wollen wir dem zusehen? Wie lange wollen wir Leuten auf die Schulter klopfen, die geistigen Sondermüll produzieren? Die noch vor fünzig oder hundert Jahren aus jeder Buchhandlung getreten oder schlimm verprügelt worden wären. Als es noch einen Karl Kraus gab, der schon zu seiner Zeit die Verrohung der Sprache auf das Heftigste anprangerte. Was würde er heute sagen? Und die ewige Leier: bereits in der Antike haben die Älteren die Verdummung der Jungen beklagt; gut, das mag stimmen, aber wir haben es heutzutage mit hochwertigen Massenverdummungswaffen zu tun, die in der Lage sind, in relativ kurzer Zeit ganze kulturelle Landstriche vom Erdboden zu löschen. Man sehe sich nur die Gratiszeitungen an, die von Menschen gemacht werden, die intelligent und kritisch sein können, aber für ein paar Münzen verkaufen sie sich und schreiben in großen Lettern vom „Sex-Überfall eines Haft-Urlaubers“. Huh.
Eine niveaulose Masse, der Pöbel, wenn man so will, lässt sich nicht steuern. Es ist ein Irrglaube der Politiker, die meinen, dumme Menschen könnte man leichter manipulieren. Den Einzelnen ja. Die Masse nein. Die Französische Revolution hat genau diesen Sachverhalt durchgespielt. Mit bekannten Folgen.
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