
Wer hat mir diese Karte nur geschrieben?
Da lag also diese eine Ansichtskarte im Postkasten. Verblüffend. Weil diejenige (man darf vermuten, dass es eine Frauenhandschrift ist, wobei, gesichert und bewiesen ist es nicht), die diese Karte schrieb, mich zwar mit „Lieber Richard“ titulierte, aber nach der persönlichen Abschlussformel „Alles Liebe“ scheinbar „vergaß“, ihren Namen hinzukritzeln. Hm.
Ich rätselte in der Tat länger herum. Natürlich. Weil es tatsächlich eine mit Hand geschriebene Karte war, auf der auch noch eine Briefmarke klebte, die von einem Postamt abgestempelt war. Gut. Die Postleitzahl 1000 verrät, dass es sich um das Verteilerzentrum handelt, will heißen: es dürften viele dieser Postkarten aufgegeben worden sein. Auch das, natürlich, nur eine Vermutung.
Ich fragte die Twitter-Gemeinde. Gut, das klingt, als würde man diese tatsächlich fragen können. Besser: ich habe einfach zwei Tweets abgesetzt und die Frage gestellt, ob jemand eine ominöse Postkarte bekommen hätte. Tatsächlich meldete sich E. und nickte. Sie habe die Karte ins Büro geschickt bekommen und sich „gestalkt gefühlt“. Aha. Wir sehen, was so eine Karte auslösen kann. Huh. Habe ich jetzt ein Déjà vu? Und steht das nicht auf der Karte? Huh.
Nur ein PR-Gag? Wirklich?
Wir dürfen also davon ausgehen, dass es eine recht schlau eingefädelte Marketing-PR-Werbe-Kampagne ist. Das klingt enttäuschend. Weil man sich dann doch mehr erwartet hätte. Egal, was da am Ende als Lösung angeboten wird, es bleibt ein merkwürdig befremdliches Gefühl: nämlich benutzt worden zu sein. Jemand spielt bewusst auf der Klaviatur der Empfindungen. Das können viele Menschen nicht gutheißen. Ich bin versucht herauszufinden, was so eine Werbe-Aktion im Empfänger auslöst.
Zum einen erreicht diese Aktion natürlich ein Maximum an Aufmerksamkeit. Damit hat die Werbe-Agentur ins Schwarze getroffen. Der Empfänger beginnt sich verwundert den Kopf zu kratzen. Erinnert sich. Beginnt nachzudenken. Vielleicht, weil er es freiwillig will. Vielleicht, weil er unfreiwillig muss – da der Partner wissen möchte, was es mit der Karte auf sich hat – und sich nicht mit der Antwort zufrieden gibt, dass es sich „nur um eine lapidare Werbesendung“ handeln müsse. Handgeschrieben? Mit vertraulicher Anrede? Hm.

Werbung 2.0
die personalisierte Täuschung
Ich habe die Postkarte auf meinem facebook-Profil gepostet. Habe ein Fragezeichen hinzu vermerkt. Siehe da. Es hat große Wellen geschlagen (ist es Zufall, dass Meereswellen auf der Vorderseite zu sehen sind?), viele fühlten sich berufen, mitzurätseln (by the way: B. und S. tippten auf ein „Ultraschall-Foto“). Ja, in der Tat ist es aufregend, etwas Neues in Erfahrung zu bringen, ein Rätsel zu lösen oder geheimnisvolle Verschwörungen aufzudecken. Wenn es nicht „ein Marketing-Gag“ wäre. Also eine bewusst herbeigeführte Täuschung, die darauf abzielt, Aufmerksamkeit zu erregen, um damit Geld zu verdienen. Das ist ja die Krux. Dass jemand dafür Ansehen und Geld erhält, weil er mich und andere hinters Licht führt, um für ein Produkt, eine Dienstleistung Aufmerksamkeit zu erheischen. Hm.
Ist das vielleicht ein Vorgeschmack auf Werbung 2.0? Höchstgradig personalisiert! Kann es sein, dass du in einem Lokal von einem sympathischen Menschen in ein nettes Gespräch verwickelt wirst, nur um wenig später zu bemerken, dass das Interesse nicht an dir besteht, sondern nur an deiner Geldbörse (ach ja, die „netten Keiler“ der NGOs, die dir ein Lächeln schenken und nur ein paar Minuten deiner Aufmerksamkeit wollen – tatsächlich wollen sie deine Unterschrift, nur deine Unterschrift, du bist ihnen herzlichst egal!). Die Werbeflut lässt die Werbe-Agenturen verzweifeln. Der Werbemüll, der sich tagtäglich in meinem Postkasten anhäuft, zeigt, wie billigst heutzutage gedruckt und verteilt werden kann (analog der literarischen Texte) und wie teuer uns die beworbenen Produkte eigentlich zu stehen kommen. Würden die Unternehmen die Werbekosten in die Forschung und Qualitätsverbesserung ihrer Produkte stecken, wäre das nicht viel sinnvoller, als weiterhin die Müllberge zu versorgen?
keine Vollbeschäftigung,
viele Lobbyisten und (m)eine Suppe
Die Wirtschaftslage wird nicht mehr für Vollbeschäftigung sorgen können. Aber die Gesellschaft tut so, als wäre das ein notwendiges Ziel und jeder müsse sein Scherflein dazu beitragen. Damit wird es immer junge und ältere Arbeitssuchende geben, die unter enormen Druck stehen und die deshalb bereit sind, für ein paar Münzen (fast) jeden Job zu machen. Man stelle sich vor, wenn du Menschen triffst, hier im Web, dort auf der Straße, die bezahlt werden, wenn sie dir ein Produkt wärmstens empfehlen. Wir wissen, aus Studien, dass Empfehlungen von Menschen, die du kennst (oder glaubst zu kennen), den größten Einfluss auf eine Kaufentscheidung hat, nicht Werbung, mag sie noch so gut gemacht sein. Und jetzt stellen wir uns ein Multinationales Unternehmen vor, das ein irrwitziges Werbebudget hat und nicht weiß, wohin mit dem Geld (weil ja die bisherigen Werbekanäle kaum mehr Wirkung zeigen). Wäre es nicht leichtens, ein Hundertschaft an sozialen Playern für ein paar Scheine daran zu erinnern, dass sie ein neues Produkt empfehlen möchten?
Gut. Das gibt es ja bereits. Man nennt es freundlicherweise Lobbying und ist doch nichts anderes als jemanden dafür fürstlich zu bezahlen, dass er andere überzeugt, beeinflusst und manipuliert. Nur im besten und positivsten Sinne. Natürlich. Jeder Lobbyist ist ja davon überzeugt, dass sein Job ein guter ist. Und notwendig noch obendrein. Ja. Da gibt es Herren und Damen, die von Atomstrom sprechen, ohne den es nicht ginge. Oder von Unternehmenssteuern, die zu hoch wären. Oder von Umweltauflagen, die zu streng seien. Oder von der Finanzmarktaufsicht, die sich nicht einzumischen hätte. Oder von Markt-Regulierungen, die den freien Wettbewerb behinderten. Oder von Tabak-Gesetzen, die Raucher diskriminierten. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Jeder dieser Damen und Herren würde auf seinen Standpunkten beharren. Komme, was wolle. Immerhin bringen diese die Butter aufs Brot.
Ich werde jetzt die Suppe, die ich mir aufwärme, selber auslöffeln. Denn eines darf auch ich nicht übersehen: Dass ich einen Standpunkt vertrete und auf diesen beharre, komme, was wolle: Dass ich lesenswerte Bücher mache. Den Fehler begehen viele Autoren und Verleger. Gewiss, jedes Buch, jeder Text findet seine Leser. Aber ob das reicht, um wenigstens Brot in die Suppe zu bekommen, steht auf einem anderen Blatt Papier. Und vielleicht wird dann dieser Autor, dieser Verlag Ansichtskarten bekritzeln, mit einer blassblauen Männerhandschrift, und versuchen, ein Rätsel aus etwas zu machen, was jeder längst weiß.
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