
Wenn Sie sich den Bildschirm-Schnappschuss ansehen, werden Sie vermutlich feststellen, dass der Inhalt ziemlich verschwommen ist. Sie müssen sich aber keine Sorgen machen, ihr Augenlicht ist noch immer so gut wie eh und je. Ich möchte nur zeigen, dass eine »sozial-mediale« Überforderung zu Schwindel, Unschärfe und anderen unangenehmen Befindlichkeiten führt. Seit Herbst des letzten Jahres habe ich meine Social Media Aktivitäten so gut wie eingestellt. Ich wollte ein Buch schreiben. Ich habe ein Buch geschrieben. Ja, jede kreative Tätigkeit braucht ein gewisses Maß an Abgeschiedenheit, geistiger Ruhe und sozialer Ordnung – wir können davon ausgehen, dass diese in facebook und anderen sozialen Netzwerken nicht gegeben ist. Warum? Weil die Plattformen so konzipiert sind, damit der größtmögliche kommunikative Verkehr zwischen den Teilnehmern stattfindet, was zur Folge hat, dass der Mensch negativ gestresst wird, weil er dem kommunikativem Verkehr natürlich folgen und daran teilnehmen/teilhaben will, aber es physiologisch nicht möglich ist. Kurz: man möchte auf vielen Hochzeiten tanzen – und die virtuelle Gleichzeitigkeit im Web scheint es möglich zu machen (nur um später festzustellen, dass es keine Gleichzeitigkeit geben kann – wir verringern nur die Zeitspanne zwischen dem einen und dem nächsten Ereignis). Social Media, es steht zu befürchten, macht die Teilnehmer nicht gesünder, nicht glücklicher – eher ist das Gegenteil der Fall.
update: Museum für Kommunikation in Bern mit der Ausstellung Warnung: Kommunizieren gefährdet. Risiken und Nebenwirkungen: Allzu viel ist ungesund … vom 4. November 2011 bis 15. Juli 2012.Vorweg: Wir müssen uns klar werden, dass jede kommerzielle Einrichtung nur einen Zweck heiligt: PROFIT. Bevor Sie mit der Achsel zucken, lehnen Sie sich zurück und lassen Sie diese Erkenntnis wirken. Es gibt im gegenwärtigen Wirtschaftssystem kein kommerzielles Unternehmen, das der Menschheit und dem Einzelnen helfen würde wollen, gesünder, freier und unabhängiger zu werden. Es widerspricht dem Profit-Gedanken, der am besten bedient wird, wenn der Konsument unglücklich, unbefriedigt, abhängig/süchtig und kränklich ist. Sie können natürlich der Meinung sein, dass durch dieses Wirtschaftssystem die größten wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften erbracht wurden, die der Menschheit so ungemein dienlich sind. Ach? Beginnend mit der Französischen Revolution von 1789 setzte der »industrielle Kapitalismus« ein, der es schaffte innerhalb kürzester Zeit die Gesellschaft auf den Kopf zu stellen, den Einzelnen aus seiner gewohnten Umgebung und Tradition zu reißen, zu entwurzeln und auszubeuten. Daran hat sich bis heute nichts geändert – nur die psychologischen Propaganda-Tricks und Werbe-Kniffe sind ausgereifter, subtiler und erfolgreicher, weshalb wir der (konditionierten) Meinung sind, dass wir in den besten aller Welten leben.
Social Media verhält sich analog eines Kopfschmerzmittels: es löst ein unangenehmes Symptom, behandelt aber nicht die Ursache. Der Mensch braucht die Interaktion mit anderen Menschen. Ohne emotionale und physische Interaktion würde er nicht leben, sondern vegetieren und bald sterben. Diese gesellschaftlich-persönliche Verbindung drückt sich auch laut Dr. Gabor Maté in den chemisch-physiologischen Prozessen des Körpers ab, in dem zum Beispiel die Ausschüttung von Dopamin bzw. Endorphine erhöht oder reduziert wird. [siehe hierzu den Vortrag von Dr. Maté: link]
Zurück zu Social Media. Der Mensch hat also ein Ur-Bedürfnis nach einer gesunden Interaktion mit anderen Menschen. Das soziale Web bietet die Befriedigung dieses Bedürfnisses an. Dabei wird aber vergessen, dass wir es hier mit einer virtuellen Interaktion zu tun haben, die nur für die Ratio, nicht für den Körper existiert. Damit können wir gut leben, weil unsere Gesellschaft generell den Geist vor den Körper stellt und so tut, als wäre es möglich, die beiden zu trennen. Dem ist freilich nicht so. Dahingehend muss man sich nur anschauen, welche Auswirkungen emotionaler Stress auf die körperliche Gesundheit des Individuums hat.
Social Media verhält sich analog einer echten Hühnersuppe und einer Fertigsuppe. Beide schmecken und riechen nach Hühnersuppe, aber nur die eine enthält die wichtigen Nährstoffe, die der Körper benötigt. [siehe dazu Dr. Grimm: link] Die Unternehmen wissen es, trotzdem wird den Konsumenten vorgegaukelt, sie könnten auf eine echte Hühnersuppe verzichten. Facebook ist kein Ersatz für persönliche Interaktion, wir wissen es alle und nicken. Aber genauso wissen wir, dass Fertiggerichte und Junkfood ungesund sind, trotzdem werden diese gekauft und verzehrt. Warum? Weil das System uns keine andere Wahl lässt, so lange wir uns im System befinden. Die Schuld dem Einzelnen zu geben ist nur der gelungene Versuch eines profitorientierten Establishments, den Status Quo aufrecht zu erhalten. Vereinfacht dargestellt, würde es sich so verhalten, dass man Kindern, die gerade lesen gelernt haben, einerseits eine Schüssel mit Pilzen, giftigen wie ungiftigen, und andererseits ein dickes wissenschaftliches Buch über Pilze gibt. Zu behaupten, die Kinder können sehr wohl nachlesen, welcher Pilz nicht gegessen werden darf, weil giftig, ist grob fahrlässig, trotzdem ist es die Argumentation des Establishments, wenn es heißt: Der Konsument hat die Wahl. [laut Dr. Grimm fällt bei der Herstellung von Zitronensäure, welches in vielen Fertigprodukten zu finden ist, die gleiche Menge an Gips als Abfallprodukt an. Wie das?]
Facebook hat einen geschätzten Marktwert von etwa $ 100 Milliarden Dollar. Der Marktwert ist freilich gründlich überzogen, aber für den Börsengang (IPO) in diesem Jahr braucht es einen Hype (Börsensprech: Blase), um die gewöhnlichen Leute über den Tisch zu ziehen. Damit einhergehend muss die Führungselite von Facebook natürlich den Investoren einen Bizness-Plan vorweisen können, der es in sich hat. Die letzten Veränderungen der Benutzer-Oberfläche zeigen, dass facebook die kommerzielle Hausaufgabe gelernt hat. Deren Ziel ist es, die weltweit 800 Millionen Teilnehmer auf eine Weise zu vereinnahmen, dass diesen gar nichts anderes übrig bleibt, als ihre Zeit in Facebook zu verbringen. Damit einhergehend natürlich auch deren Motivation, Freunde oder Bekannte zur Social Media Plattform zu bringen. Facebook wird alles unternehmen, um den Einzelnen das Gefühl zu geben, er würde ein für ihn wichtiges Ereignis versäumen, ist er nicht eingeloggt oder widmet er nicht dem Kommunikationsstrom all seine Aufmerksamkeit. Da es aber nicht möglich ist, ständig den Ereignissen in Facebook zu folgen, treten Stress und Schuldgefühle auf. Der springende Punkt ist, dass es nicht in erster Linie die Social Media Plattformen sind, die Stress und Schuldgefühle auslösen, sondern all deine Kontakte, die dir wichtig sind, die dir das Gefühl geben, geschätzt und akzeptiert zu sein. Man könnte sagen, dass die Social Media Plattformen ein Abbild des gegenwärtigen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem sind, die nur die schlechtesten Eigenschaften im Menschen befeuern. Jene, die nicht mitmachen wollen oder können, verhungern vor (vermeintlich) vollen Schüsseln. Dass die Unternehmen der USA jährlich 400 Milliarden Dollar für Werbung und Marketing ausgeben – die Hälfte davon allein für den Online-Bereich – sollte hoffentlich mehr als genug sagen, oder? Fortsetzung folgt …
Hinterlasse eine Antwort zu Richard K. Breuer Antwort abbrechen