
Sie werden es wohl schon bemerkt haben, dass sich das Web immer mehr von einer Präsentations- zu einer Verkaufsplattform verwandelt hat. Als ich 2006 mein erstes Buch in einer Privatauflage veröffentlichte und eine Party schmiss, war Social Media kein Thema. Es reichte, E-Mails zu verschicken, um die Leute neugierig zu machen. Ja, damals klickten die Damen und Herren tatsächlich noch in eine Nachricht, überflogen den Inhalt und bildeten sich eine Meinung. Heute ist das nicht mehr möglich. Die digitale Quelle sprudelt reichlich und lässt einen beinahe in der Informations-, Newsletter-, Spam- und Werbeflut ertrinken. Wir dürfen bei alledem nicht vergessen, dass unser Gehirn jede Nachricht abarbeiten muss. Dummerweise verbraucht Gehirnleistung dermaßen viel Strom, dass unser „Betriebssystem“ bemüht ist, Tätigkeiten ins Unbewusste auszulagern oder gleich gänzlich abzustellen. Deshalb klicken wir viele E-Mails und Postings ungelesen weg. Der Betreff reicht aus, um zu verstehen, dass hier wieder jemand unsere Zeit oder unser Geld oder beides möchte. Die wirklich persönlichen Nachrichten, sie werden seltener und seltener.
In den zehn Jahren, in denen ich geschrieben und publiziert habe, merkte ich mit jedem Jahr, mit jedem der wenigen Newsletter, die ich in die weite Welt schickte, dass es immer schwieriger werden würde, die Leserschaft (und damit Käufer) zu erreichen. In den Anfängen von Social Media konnte man noch relativ einfach Aufmerksamkeit erzeugen. Heutzutage ist es unmöglich, als unbekannter Einzelkämpfer mit simplen Informationen beim Gegenüber zu punkten. Es braucht einen Mehrwert. Ein Foto. Ein Videoclip. Humorvoll. Lustig. Augenzwinkernd. Oder herzergreifend. Tollpatschige Katzen oder drollige Hunde stehen hoch im Kurs. Damit öffnet man die Herzen und Portemonnaies der Zuschauer. Vielleicht.
Während ich also anfänglich – wie all die anderen Einzelkämpfer – das Web 2.0 mit offenen Armen begrüßte, stehen wir nun ein Jahrzehnt später vor einem Trümmerhaufen. Weil jene, die sensibel genug sind, zum ersten Mal begreifen, dass es in der virtuellen Welt da draußen nur noch ums Verkaufen geht. Jeder will sich im besten Licht darstellen. Jeder will Aufmerksamkeit. Jeder will – wenigstens in der Virtuality – ein besseres Leben führen und es zeigen, es „beweisen“. Und so kommt es, dass Social Media zu einem virtuellen Marktplatz verkommt, wo jeder gegen jeden antritt. Unbewusst bewusst, versteht sich.
Ich würde diesen Artikel mit dem Hinweis auf die erweiterte Neuauflage von Rotkäppchen 2069B abschließen. Zehn Jahre nach der Privatauflage. Acht Jahre nach der offiziellen Auflage. Und doch sträubt sich alles in mir. Weil es wieder nur ums Verkaufen geht. Ums Anpreisen. Als Gegenmittel könnte ich da freilich meinen langjährigen Freund MG. zitieren, mit dem ich einst die Volksschulbank drückte. Als ich voller Stolz seine Meinung zu meinem ersten veröffentlichten Buch hören wollte, hatte er nur ein einziges Wort dafür übrig:
„Scheiße!“
Ja, ehrlich war er schon immer, der gute MG. Ich zuckte damals nur mit der Schulter und klatschte das Wort auf den Flyer. Glauben Sie nicht? Bitte sehr:

Bad publicity is good publicity, so lange man deinen Namen richtig schreibt. More to come!

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