3. Spieltag der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar: Gedanken zu allen Spielen #WM2022

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3. Spieltag der WM 2022 in Katar
29.11.2022 – 02.12.2022

Der letzte Spieltag hatte es in sich. Was war das nur für eine Dramatik. Dank der Vergabe der TV-Rechte an die Privaten, konnte man die entscheidenden Gruppenspiele, die zu selben Zeit über die Bühne gingen, auf den beiden Monitoren verfolgen. Erst da wurden einem die Ausmaße der Dramatik bewusst. So gab es für wenige Minuten die unfassbare Konstellation, dass Spanien und Deutschland ausscheiden, dafür Japan und Costa Rica ins Achtelfinale einziehen würden. Die Fußballwelt stand kopf. Spanien darf sich bei Deutschland bedanken, dass sie am Ende Costa Rica in die Schranken wiesen, ansonsten wäre es das Aus für Spanien gewesen. Unsere Nachbarn im Norden müssen freilich die Koffer packen. Zum zweiten Mal hintereinander in der Gruppenphase einer WM ausgeschieden, der Mythos der deutschen Nationalmannschaft, eine Turniermannschaft zu sein, die sich mit jedem Spiel steigert, ist gehörig ins Wanken geraten, ja, vielleicht sogar eingestürzt. Ein Neuanfang muss wohl oder übel gewagt werden.

Ähnlich verhält es sich mit Belgien, die gegen Kroatien beinahe das Wunder geschafft hätten, aber ein Lukaku genauso außer Form wie die ganze Mannschaft konnte den Ball nicht über die Torlinie drücken. Die goldene Generation Belgiens, noch ist sie Nummer 2 der FIFA-Weltrangliste, ist damit Geschichte.

Tunesien bezwang überraschend die B-Mannschaft von Frankreich – und es zeigt eindrücklich, dass die Summe hervorragender Einzelspieler noch lange keine gute Mannschaftsleistung verspricht – oder mit der banalen Floskel erklärt, dass Geld nun mal keine Tore schießt. Hätten die schwachen Dänen noch den Ausgleich gegen Australien gemacht, die Nordafrikaner wären im Achtelfinale gewesen. So blieb es beim knappen Überraschungssieg der Socceroos, die sich dadurch für das Achtelfinale qualifizierten und die heimlichen Mitfavoriten Dänemark, das niemals in Schwung kam, aus dem Bewerb warfen.

Der ultimative Höhepunkt der Gruppenphase waren sicherlich die beiden Partien in Gruppe C – als Mexiko auf Saudi-Arabien traf und Argentinien auf Polen. Alle vier Mannschaften hatten noch Chancen auf den Aufstieg. Mexiko mit den schlechtesten Karten, trotzdem gaben die Spieler alles und hätten fast das Wunder geschafft. Ein Tor fehlte ihnen am Schluss – dabei machte es keinen Unterschied, ob es Mexiko selbst oder Argentinien geschossen hätte. Die Dramatik war in beiden Spielen zum Greifen und man raufte sich ob der vergebenen Chancen sowohl hüben wie drüben die Haare. Saudi-Arabien hatte es in der Hand, konnte aber gegen den mexikanischen Sturmlauf nichts ausrichten.

Noch am letzten Spieltag der Gruppe H ging es drunter und drüber. Zehn Minuten vor dem Spielende war Uruguay im Achtelfinale. Dann schoss im Paralellspiel Südkorea den Siegestreffer. Was nun folgte, war die kurioseste Schlussphase der ganzen Weltmeisterschaft. Ghana freute sich am Ende, das 0:2 über die Runden gebracht zu haben. Damit brachten sie Suarez zum Weinen. Ja, Karma is a bitch.

Ja, und dann schlägt Kamerun auch noch Brasiliens B-Elf mit 1:0 und jubelt über den historischen Sieg. Ins Achtelfinale sind freilich die Schweizer aufgestiegen. Ja, diese Weltmeisterschaft hat große Überraschungen und unglaubliche Spannungsmomente gebracht. So darf es weitergehen. So muss es weitergehen.

29.11.2022 Gruppe A
Ecuador : Senegal 1:2
Niederlande : Katar 2:0

Die erste Überraschung am 3. Spieltag ist eine durchaus erfreuliche. Senegal qualifizierte sich für das Achtelfinale, während die stärker eingeschätzten Südamerikaner die Koffer packen müssen. Dabei hatte Ecuador alle Trümpfe in der Hand, reichte ihnen ein Unentschieden. Man konnte bereits nach wenigen Minuten erkennen, dass die Senegalesen wissen, was zu tun ist, nämlich den Ball in die gegnerische Hälfte bringen und Torchancen kreieren, während die Spieler von Ecuador unschlüssig danebenstanden – offensiv oder defensiv dagegenhalten – und deshalb einfach nicht in ihr Spiel fanden. Die Afrikaner waren an diesem Tag einfach die bessere Mannschaft, überzeugten mit gutem Offensivgeist und spielten immer wieder die sonst so starke Verteidigung der Südamerikaner schwindlig. Das Ergebnis war ein Foul im Strafraum und Elfmeter, den Isamaila Sarr staubtrocken in die rechte Ecke schoss. Diese Abgeklärtheit ist gerade bei afrikanischen Spielern nicht selbstverständlich – wenn man bedenkt, was hier am Spiel stand, umso erstaunlicher. Die Südamerikaner kamen entschlossener aus den Kabinen, aber die Afrikaner hielten dagegen, ließen sich nicht auf eine Abwehrschlacht ein, nach der Führung zogen sie sich freilich am Rasen und im Kopf zurück. Die Folge war der Ausgleich, dank eines Eckballs. Aber nicht einmal zwei Minuten später ist es Alt-Star Koulibaly, der bei einer Freistoßhereingabe goldrichtig steht und im Stile eines Mittelstürmers den Ball im Tor versenkt. Ecuador brauchte ein Tor, musste alles nach vorne werfen – aber Senegal blieb weiterhin konzentriert, stellte Passwege zu und machte es den Südamerikanern schwer. Ein verdienter Sieg. Ausgerechnet der von Fans so verehrte und in den beiden Gruppenspielen stark spielende Stürmer Valencia war es, der mit Schauspielkunst glänzte und den sterbenden Schwan mimte. Unnötig und peinlich. Umso mehr freut es mich, dass die Truppe von Lichtgestalt Cissé weiterhin im Turnier bleiben. Im Achtelfinale geht es gegen England. Sollte Senegal beherzt und kompromisslos auftreten, dürfen wir ein interessantes Match sehen. Chancen rechne ich ihnen freilich keine aus, auch wenn ich ihnen eine Überraschung wünschen würde.
Die Niederlande erledigte ihre Aufgabe und stehen im Achtelfinale. Man fragt sich, wo sie wären, gäb’s da nicht Ausnahmetalent Gakpo, der immer für ein Tor gut ist, wenn man eines dringend benötigt. Im Achtelfinale geht es gegen die USA, die gezeigt haben, dass sie gewillt sind, Spiele zu gewinnen. Die Niederlande werden sich steigern müssen. Ein Offensivspektakel erwarte ich mir mal nicht.

29.11.2022 Gruppe B
Iran : USA 0:1
Wales : England 0:3

Das war er also, der „geopolitische“ Kracher des 3. Spieltags zwischen dem Iran un der USA. Aber wirklich in Schwung kam das Spiel nie. Es ist schwer zu sagen, ob die Iraner an diesem Tag ihre guten Leistungen vom Spiel gegen Wales nicht abrufen konnten oder ob Gegner USA ihnen einfach die Schneid abkaufte. Es reichte eine geniale US-Aktion zwischen Flügelverteidiger Dest und Superstar Pulisic, der sich ohne zu zögern in die Vorlage warf, den Ball ins Tor drückte und dabei mit dem iranischen Torhüter unangenehm schmerzhaft kollidierte. In der Pause wurde Pulisic ausgewechselt, am Spiel selbst änderte sich kaum etwas. Die US-Amerikaner aggressiver und konzentrierter, die Iraner zuweilen ideen- und planlos, wussten sie einerseits nicht, wie sie den Abwehrverbund ausspielen sollen, andererseits achteten sie darauf, keine Räume zu öffnen und in Konter zu laufen. So war es weder das eine noch das andere. Ein durchaus intensives Spiel, aber aufregende Szenen gab es wenige. Obwohl im Vorfeld eine aufgeheizte Stimmung herrschte, blieben die Akteure am Rasen besonnen und konzentrierten sich aufs Fußballspielen. Den Iranern fehlte es einfach an Selbstbewusstsein. Davon haben die US-Boys mehr als genug. So ist es ein verdienter Sieg der USA.
Keine Sensation gab es im letzten Gruppenspiel zwischen einem erstarkten England und eines schwachen Wales. Es dauerte freilich 49 Minuten, bis die Southgate-Truppe anschreiben konnte. Beim Freistoß von Rashford sah die Nummer 2 im walisische Tor nicht gut aus. Die Pflicht war erledigt, die Kür konnte beginnen. Für das Achelfinalspiel gegen Außenseiter Senegal wird erneut die Diskussion angehen, ob man das Flügelstürmer-Duo Rashford und Phil Foden von Beginn an spielen oder es bei Sterling und Saka bleiben lassen soll. Wie auch immer sich Trainer Southgate entscheidet, geht das Spiel verloren, hat er die falsche Entscheidung getroffen. Aber das richtige Händchen zu haben, ist nun mal eine Anforderung des Trainerjobs, gerade wenn man im Team die Qual der Wahl hat. Der Viertelfinaleinzug winkt, so die Engländer nicht überheblich werden und den Kopf verlieren. Senegal mag am Papier keine Gefahr darstellen, aber es ist klar und deutlich zu sehen, dass die Afrikaner mit jedem Spiel stärker werden. Afrikanischer Wermutstropfen: Spielmacher und Taktgeber Idrissa Gueye ist wegen einer Gelbsperre nicht dabei. Die Waliser wurden auch noch mit dem dritten Tor der Engländer zur Lachnummer: Der Schuss von Rashford ging durch die Beine eines Verteidigers und des Tormanns. Also zwei Gurkerln zum Preis von einem.

30.11.2022 Gruppe D
Tunesien : Frankreich 1:0
Australien : Dänemark 1:0

Man stelle sich das mal vor. Da schlägst du den amtierenden Weltmeister Frankreich und kommst trotzdem nicht ins Achtelfinale. Da können einem die Spieler aus Tunesien schon leid tun. Andererseits, sie hätten sich gegen Australien einfach mehr zutrauen müssen. An Spannung war der letzte Spieltag der Gruppe D nicht zu überbieten. Bis zur 58. Minute war Australien dank eines Unentschiedens im Achtelfinale. Dann geht überraschend Tunesien im Spiel gegen die französische B-Mannschaft in Führung und würde damit die Australier dank der besseren Tordifferenz vom Aufstiegsplatz verdrängen. Aber nur zwei Minuten später geht wiederum Australien gegen Dänemark in Führung – somit sind wieder die Australier am zweiten Platz der Gruppe D. Hätten die Dänen doch noch den Ausgleich geschossen, wären wiederum die Tunesier ins Achtelfinale eingezogen – aber die Truppe rund um Kapitän Eriksen war bei dieser Weltmeisterschaft völlig von der Rolle. Was mag da nur los gewesen sein? Hatte man sie nicht als heimlichen Mitfavoriten für den Titel gehandelt? Die abgelieferte Vorstellung in den drei Gruppenspielen war ernüchternd. Kurios das Ende der Partie Tunesien : Frankreich. In der letzten Minute der Nachspielzeit gleichen die Franzosen aus. Doch der Schiedsrichter wird vom VAR-Team zum Monitor gerufen. Aha. Griesman steht bei der Flanke im Abseits, obwohl er anfänglich nicht eingreift und mehr durch einen Zufall zum Ball kommt, wird das Tor trotzdem aberkannt. Man stelle sich vor, die Dänen hätten noch den Ausgleich geschossen – somit hätte der Schiedsrichter eine Entscheidung mit weitreichender Konsequenz getroffen. Man kann sich vorstellen, dass da die Wogen auf der tunesischen wie auf der australischen Seite hochgegangen wären. Seien wir demnach froh, dass es zu dieser Entscheidung „am grünen Tisch“ nicht kam, weil sich die Dänen einfach aufgaben und bereits an die Heimreise dachten. Ein Aufbäumen konnte man bei den Spielern nicht wahrnehmen. Im Gegensatz zu den Spielern von Ghana oder Südkorea, die bereit sind, bis zum letzten Atemzug um jeden Ball zu kämpfen, blieben die Dänen mental behäbig und spielerisch zähflüssig. Die Australier, die den geringsten Marktwert der WM-Teilnehmer aufweist, zeigt wieder einmal, dass Geld keine Tore schießt. Die Socceroos haben mit ihrem Pressingspiel die Dänen vor große Probleme gestellt. Der Siegestreffer des Australiers Duke – er spielt in der 2. japanischen Liga! – ähnelt ironischerweise jenem Siegestreffer des Tunesiers Khazri, in beiden Fälle kullerte der Ball am Tormann vorbei in die rechte Ecke. Die dänische als auch die französische Defensivabteilung sah dabei gar nicht gut aus.
Wie viel ist den Australiern im Achtelfinale zuzutrauen? Und wird die unnötige Niederlage der Équipe Tricolore den französischen Esprit bremsen?


Gruppe C
Polen : Argentinien 2:0
Saudi-Arabien : Mexiko 1:2

Also, das war eine Entscheidungsschlacht zwischen Mexiko und Saudi-Arabien, ich bin noch immer gebeutelt – guckte ich beide Spiele simultan – das Internet macht’s möglich, Die Polen dürfen sich bei den Spielern aus Argentinien bedanken, dass diese beim Stand von 2:0 etwa 15 Minuten vor dem Ende den Fuß vom Gas genommen haben. Ein weiteres Tor hätte nämlich Mexiko ins Achtelfinale gebracht. Die Polen selbst waren harmlos, geradezu lächerlich, in ihren Bestrebungen, die Argentinier am Tore schießen zu hindern. Selber taten sie so gut wie nichts, um gefährlich zu werden. Der polnische Torhüter Szczesny hielt übrigens einen von Messi getretenen Elfmeter. Respekt. Gegen Frankreich vergönne ich der Betonanrührertruppe eine gehörige Abreibung. Während die Mexikaner auf Biegen und Brechen und mit letztem Einsatz alles gegeben haben, um das 3:0 zu machen, dürften die Polen nicht mal ihre Leiberln angeschwitzt haben. Die Saudis blieben leider hinter ihren Erwartungen zurück – waren mental nicht auf der Höhe, um dem mexikanischen Angriffswirbel standzuhalten. Sie hätten mit einem knappen Sieg den Aufstieg schaffen können. Sehr zum Leidwesen der Fans aus Mexiko, ließen sich die Saudis nicht hängen, verteidigten weiterhin, was sich verteidigen ließ. Die mexikanischen Träume platzten schlussendlich in der Nachspielzeit, als die Saudis den Anschlusstreffer machten, der das Aus für die Amerikaner besiegelte. Wäre es beim Stand von 2:0 für Mexiko geblieben, hätte die Fair Play Wertung zwischen Mexiko und Polen über den Aufstieg entschieden und da lag Polen mit weniger erhaltenen Gelben Karten „vorne“.
Ein schaler Nachgeschmack bleibt, dass sich wieder einmal nicht-europäische Mannschaften so lange beharken, bis eine europäische als Sieger vom Platz geht. Messi & Co treffen also im Achtelfinale auf Australien – somit das (scheinbar) leichteste Los in den Achtelfinalspielen.

Gruppe E
Costa Rica : Deutschland 2:4
Japan : Spanien 2:1

Für rund 3 Minuten waren die Mitfavoriten auf den Titel – Spanien und Deutschland – aus dem Rennen. Japan und Costa Rica wären ins Achtelfinale eingezogen. Man traute seinen Augen nicht. Niemand konnte es glauben. Es war so unwirklich, ja, es fühlte sich an, wie das Massaker im Finale Deutschland : Brasilien im Jahr 2014, als es rechts und links beinahe im Minutentakt im brasilianischen Tor einschlug. Man musste sich zwicken. Mehrmals. Natürlich ließen sich die Deutschen nicht lange bitten, glichen aus, bauten die Führung aus. Costa Rica wie verwandelt, sie waren gerade nach der Pause selbstbewusster, spielten plötzlich ausgezeichnete Angriffe, die die deutsche Hintermannschaft am falschen Fuß erwischte. Sogar Torhüterlegende Neuer ließ sich von der Nervosität anstecken und patzte bei einem Tor. Dafür konnte er sich beim ersten Torschuss der Mittelamerikaner auszeichnen – da hätte nicht viel gefehlt, und der zweite Torschuss hätte ein weiteres Mal den Weg ins Tor gefunden. Eine Effizienz, die seinesgleichen gesucht hätte. Die Deutschen mit vielen Chancen – Musiala, das junge Supertalent, war leider ein Chancentod – wie oft traf er bei dieser WM die Stange? In der ersten Hälfte war die Flick-Truppe den Costa Ricanern in allen Bereichen überlegen, spielten sich bis in den Strafraum, aber bis auf den Führungstreffer kam nichts Zählbares dabei heraus. Chancen gab es gewiss einige. Wie bereits gegen Japan, wurden die Deutschen in der zweiten Hälfte überrumpelt, gingen sie davon aus, dass der Gegner am Platz keine Torgefahr darstellen würde. Wie man sich täuschen kann. Zwei Tore in schneller Folge waren die Folge. Betretene Gesichter. Müller & Co rissen das Steuer noch einmal herum – zwar hatte man immer das Gefühl, dass die Mittelamerikaner erneut gefährlich vor das Tor kommen könnten, sah die deutsche Hintermannschaft nicht sattelfest aus, aber man zweifelte keine Sekunde, dass die Deutschen als Verlierer vom Platz gehen würden, zu klar war der Klassenunterschied, zu drückend die Überlegenheit. Schlussendlich verlor Deutschland ein weiteres Mal gegen Japan, die überraschend Spanien schlug und somit als Gruppenerster ins Achtelfinale einzieht, wo es gegen Kroatien geht. Dank der besseren Tordifferenz nimmt Spanien den zweiten Platz ein und spielt gegen Marokko. Ich würde es mal nicht von der Hand weisen, dass sich die Spanier dachten, hm, eine knappe Niederlage ist uns nicht unrecht, kann man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die gefährlichen Deutschen sind raus und der nächste Gegner ist nicht Vize-Weltmeister Kroatien, sondern die Überraschungsmannschaft Marokko.

Gruppe F
Kroatien : Belgien 0:0
Kanada : Marokko 1:2

Das war es also mit Belgien. Gegen Modric & Co aus Kroatien konnten sie kein Tor machen und fahren zu Recht nach Hause. Dabei hätte ausgerechnet Stürmerstar Lukaku zum Held werden können. Drei gute Tor-Chancen, von denen er eine vor seiner Verletzung sicherlich gemacht hätte. Aber so ist das im Fußball. Die Kroaten gingen in das Spiel wie die Feuerwehr, überraschten die Belgier mit offensivem Spiel nach vorne. Bald war es eine ausgeglichene Partie, mit Strafraumszenen hüben wie drüben. Beide Mannschaften ließen gute Chancen liegen, die Kroaten spielten ihre Konter oftmals kläglich zu Ende, nämlich gar nicht. Wo sind die Zeiten, als man noch einen jungen Peresic oder Mandzukic hatte? Die Offensivabteilung der Kroaten nur durchschnittlich und das Überdrüber-Mittelfeld längst in die Jahre gekommen, gegen die Anlaufenden Belgier konnten sie nicht viel ausrichten. Vor allem dem jungen RB Leipzig Verteidiger Gvardiol, der eins ums andere Mal in höchster Not rettete, ist es zu verdanken, dass Kroaten im Achtelfinale steht. Es würde mich nicht verwundern, wenn der kroatische Innenverteidiger in der nächsten Saison bei einem der europäischen Top-Klubs anheuert. Wirklich verwunderlich, dass der belgische Trainer erst in der 87. Minute Eden Hazard gegen einen Verteidiger einwechselte und damit den Sturmlauf einläuten wollte. Viel zu spät. Man erinnere sich an die Mexikaner, die von der ersten Minute zeigten, dass sie es ernst meinten. Ich denke, die Belgier hatten zu viel Respekt vor den Kroaten – heute wäre sicherlich mehr drinnen gewesen. Jetzt wird es wohl Zeit für den Umbruch. DeBruyne & Co werden genauso wie Modric & Co einer jüngeren Generation Platz machen müssen, wollen sie wieder an die guten alten Zeiten anknüpfen.
Marokko hatte die aufmüpfigen Kanadier im Griff, führten 2:0 und waren sich ihrer Sache sicher. Der Anschlusstreffer kam dann aus dem Nichts – das erste Tor, dass die Marokkaner im Turnier hinnehmen mussten, ist eine abgefälschte Hereingabe. Unglücklich. Mit diesem Tor erwachte der kanadische Esprit, dem die Marokkaner in der zweiten Hälfte nicht viel entgegenzusetzen hatten. Wie soll man sich auch gegen diese jungen Kerle motivieren, will man einfach nur das Spiel abhaken und sich auf das Achtelfinale freuen? Die Kanadier, wie zu erwarten, spielten frech offensiv, drückten und probierten, wollten den Ausgleich erzwingen. Den Marokkanern fehlte der letzte Biss. Im Konterspiel blieben sie überraschend harmlos. Aber für die Nordafrikaner war die Sache längst gegessen, und dürften sicherlich nicht verstanden haben, warum die Kanadier noch in den letzten Minuten um jeden Ball raufen wollten. Was waren sie alle nicht glücklich, Mannschaft und Fans aus Nordafrika, als sie den Schlusspfiff hörten. Sympathisch.

Gruppe G
Ghana : Uruguay 0:2
Südkorea : Portugal 2:1
Und wieder schlägt das Schicksal und der Fußballgott knüppelhart zu. Bis knapp vor dem Ende waren die beiden Partien eigentlich entschieden. Portugal hatte das Spiel gegen Südkorea im Griff und machte keine Anstalten, Schützenhilfe zu leisten. In der anderen Partie hatten sich die Uruguayer gegen die leider ideen- und damit harmlosen Afrikaner einen Zweitore-Vorsprung erspielt. Somit standen die Südamerikaner rund um Suarez & Co im Achtelfinale. Wäre da nicht in der Nachspielzeit das Tor für Südkorea gefallen. Aus heiterem Himmel. Zwei Südkoreanern gelingt gegen eine Handvoll Portugiesen das Unvorstellbare – Superstar Son spielt in den Lauf von Ex-Salzburger Wang, der mustergültig abschließt. Die Sensation ist perfekt. Dank der mehr geschossenen Tore führte Südkorea die Tabelle an. Als es im Stadion der anderen Partie verlautbart wurde, ging ein Raunen durch die Menge. Uruguay musste noch ein Tor schießen, wollten sie noch Südkorea überholen. Hier rächt sich wieder die Defensiv-Mentalität des Trainers, der in der zweiten Hälfte den defensiven Retourgang einlegte und die Führung absichern wollte. Hätten die Südamerikaner weiterhin druckvoll das Tor gesucht, die Afrikaner hätten dem nicht viel entgegenzusetzen gehabt, so schwach sie heute waren. Die letzten 15 Minuten des Spiels ein Schlagabtausch, wie wir es im heutigen Fußball kaum noch sehen – und hätte sich nicht ein Spieler von Uruguay in den Schuss geworfen, vier Minuten vor dem Ende des Spiels hätten die Afrikaner den Anschlusstreffer gemacht. Das bedeutete, mit einem weiteren Tor wäre Ghana aufgestiegen. Was sich dann am Rasen abgespielt hätte, mag man sich kaum ausmalen, vermutlich hätte er lichterloh gebrannt. Dabei begann für sie alles nach Plan, wurde ihnen die Chance auf die Führung auf dem Silbertablett präsentiert, aber der gegebene Elfmeter nach VAR-Kontrolle wurde von Routinier Ayew schwach und unplatziert geschossen, sodass der junge Uruguay-Keeper Rochet keine Mühe hatte, ihn zu halten! Ein Knacks ging durch die Afrikaner – sie verloren mit einem Mal ihr Selbstbewusstsein, während die Argentinier in den zweiten Gang schalteten. Welch Ironie, dass es wie schon bei der Weltmeisterschaft 2010 erneut ein vergebener Elfmeter war, der die Ghanaer aus allen Wolken holen sollte. Doch diesmal waren nicht Suarez & Co die lachenden Gewinne, sondern die Südkoreaner. Als der Schlusspfiff ertönte, gab es am Platz zwei Verlierer und in der anderen Partie zwei Gewinner. Neben Südkorea darf sich Brasilien freuen, hätten sie es im Achtelfinale gegen Uruguay zu tun bekommen, die sicherlich unangenehmer und gefährlicher gewesen wären als die Asiaten. Uruguay, das ist die südamerikanische Schweiz – hinten dicht machen und mal schauen, wie das Spiel so läuft. Die Südkoreaner werden mit Sicherheit ein intensives Pressing aufziehen und laufen, laufen, laufen. Da wird einem beim Zuschauen wenigstens nicht so fad. Portugal? Wie Frankreich und Spanien ließen sie im dritten Gruppenspiel die Zügel schleifen, liefen mit der B-Mannschaft auf und schonten die Stars. Es wird sich zeigen, ob dadurch der Rhythmus in den Spielern gebrochen wurde.

Gruppe H
Serbien : Schweiz 2:3
Kamerun : Brasilien 1:0

Einfach nur verrückt, was sich da wieder am Rasen abgespielt hat. Im Kracher Schweiz : Serbien kommen die Eidgenossen nach wenigen Sekunden zu einer Riesenchance, im Gegenzug gibt es einen Stangenschuss der Serben. Dann gehen die Schweizer nach 20 Minuten in Führung. Die Serben gleichen 6 Minuten später aus und erhöhen in der 35. Minute auf 2:1 – es sieht bereits nach dem Halbzeitstand aus, da ist es wiederum der Schweizer Embolo, der Minuten vor dem Halbzeitpfiff den Ausgleich macht. Die Schweizer obenauf, die Serben geknickt. Pause. Die zweite Hälfte erwischen die Schweizer besser, Minuten nach dem Wiederbeginn gehen sie nach einer sehenswerten Kombination, an der Shaqiri beteiligt war, erneut in Führung. Wenn man jetzt einen serbischen Sturmlauf erwartet hätte, so wurde man leider enttäuscht. Die Serben wirkten müde, kamen kaum noch in die Zweikämpfe und konnten sich so gut wie keine Chancen erarbeiten. Die Schweizer lassen den Rollladen vor dem Strafraum herunter, das können sie ja ausgezeichnet, und lauern auf Konter, sind immer gefährlich. Die Minuten verstreichen. Den Serben läuft die Zeit davon. Es wird gehässiger. Xhaka und ein Serbe geraten aneinander. Rudelbildung. Langsam beruhigen sich wieder die Gemüter. Hätten die Serben noch Kraft und Glaube gefunden, es hätte eine spannende Endphase geben können – ging Kamerun in der anderen Partie überraschend in Führung. Kurios: Hätten die Schweizer nicht das 3. Tor geschossen, wären sie bei einem Unentschieden hinter Kamerun zurückgefallen. Hätten die Schweizer wiederum ein Tor mehr geschossen, wären sie auf den ersten Platz vorgerückt. Dann wäre in Brasilien Feuer am Dach gewesen, hätten sie gegen Portugal und Ronaldo im Achtelfinale antreten müssen. Wir sehen, wie knapp es in der Gruppenphase zuging. Erneut verlor der haushohe Favorit gegen einen Underdog – im Gegensatz zu Belgien und Deutschland, spielte das bereits fix qualifizierte Brasilien genauso wie Portgual, Frankreich und Spanien mit einer B-Auswahl. Die Afrikaner jubelten ob ihres Sieges – Torschütze Aboubakar riss sich sein Leibchen vom Körper und erhielt dafür Gelb-Rot. Wahrlich, jeder Spieler von Kamerun hat am Platz seine Seele verkauft, um diesen Sieg möglich zu machen. Die B-Auswahl der Brasilianer freilich glücklos, kamen sie auf 21 Torschüssen, während die Afrikaner gerade mal 7 hatten. Die Flugeinlage von Brasiliens Torhüter Ederson in der 44. Minute, der einen Kopfball entschärfen musste, war sehenswert. Kameruns Epassy flog auch hübsch von einer Ecke in die andere. Alles in allem eine beeindruckende Leistung von Kameruns Spieler, von der man noch lange sprechen wird. Kudos.

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Eine Antwort zu „3. Spieltag der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar: Gedanken zu allen Spielen #WM2022”.

  1. Avatar von Richard K. Breuer

    Meine Vorhersage bezüglich der Achtelfinalspiele:

    Niederlande : USA = gleichwertig, leichter Vorteil Niederlande, Momentum bei USA.

    Argentinien : Australien = klarer spielerischer Vorteil Argentinien. Momentum ausgeglichen.

    Frankreich : Polen = klarer spielerischer Vorteil Frankreich.

    England : Senegal = klarer Vorteil England, sollten die englischen Nerven flattern, knappes Spiel. Momentum bei Senegal.

    Japan : Kroatien = gleichwertig, leichter Vorteil für Japan, dank Laufbereitschaft und Kondition. Momentum bei Japan.

    Brasilien : Südkorea = klarer Vorteil Brasilien; sollte die Kondition bei Südkorea mitmachen, knappes Spiel. Momentum bei Südkorea.

    Marokko : Spanien = gleichwertig, spielerischer Vorteil Spanien, aber defensive Leistung Marokkos sehr gut; Momentum bei Marokko.

    Portugal : Schweiz = gleichwertig, leichter Vorteil Portugal

    Dann schauen wir mal, wo ich richtig liege und welche Überraschungen die Achtelfinalspiele bieten. On y va.

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