Quo vadis Deutschland? Morgenthauplan meets Operation Paperclip, anno 2023 #USA #Russland #China #EU

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Als der Krieg im Mai 1945 in Europa zu Ende ging, lag Deutschland in Trümmer. Die Siegermächte begannen mit der sogenannten Denazifizierung, hielten Schaugerichte ab und verurteilten jene Persönlichkeiten, die ihnen in Zukunft nicht von Nutzen sein würden. Deutsche Industrieanlagen wurden abgebaut und nach Ost und West verfrachtet, während „nationalsozialistische“ Patente und Erfindungen für gemeinfrei erklärt wurden, nur um sie anderen Ländern vorzuenthalten. Schlussendlich suchte man die klügsten Köpfe und entführte sie nach Moskau und Washington, wo sie im Dienste der ehemaligen Feinde ihrer Arbeit nachgehen mussten. Die Amerikaner nannten diese „Abwerbung“ Operation Paperclip. Wer kennt nicht das bekannteste „Entführungsopfer“ Wernher von Braun, Mitbegründer der NASA und Wegbereiter der amerikanischen Weltraumaspirationen? Der österreichische Regisseur Fritz Lang machte sich freilich lustig über die hochtrabenden Ambitionen Wernher von Brauns; sieht man sich Fritz Langs im Jahr 1927 gezeigten Stummfilm Die Frau im Mond an, dann wird man überrascht feststellen, dass es verblüffende Ähnlichkeiten zu den in Szene gesetzten Raketenstarts der NASA in den 1960ern gab. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich in diesem Beitrag erzählt habe.

„Der Mangel an nationalem Stolz, Gesinnung und Verpflichtung haften unserem Volk verhängnisvoll an.“ Admiral Alfred von Tirpitz, 1920

Kommen wir zur Gegenwart Deutschlands, in der die von oben verordnete De-Industrialisierung mit jedem Tag Gestalt annimmt. Natürlich sprechen Politiker und Medienleute von der „grünen Revolution“ und propagieren die „Unabhängigkeit“ gegenüber russischer Ressourcen. Das hat zur Folge, dass die beiden Pfeiler einer konkurrenzfähigen Industrie – günstige Energie und Rohstoffe – nicht mehr gegeben sind. Bereits jetzt melden sich Industriekapitäne zu Wort und stellen den Politikern die Rute ins Fenster: tritt keine Verbesserung der Situation ein, müsse über eine Verlegung des Produktionsstandortes nachgedacht werden. Doch Politiker und Medienleute zucken nur mit den Achseln und folgen der von Washington verordneten Agenda. Diese Agenda ist eine Mischung aus dem 1945 in Washington diskutierten Morgenthauplan (Deutschland soll nur noch Agrarstaat sein dürfen, ohne Industrie) und der Operation Paperclip.

Verloren ist das deutsche Volk erst, wenn es die Sauberkeit der alten Staatsverwaltung einbüßt. Der korrupte Deutsche ist noch schlimmer als der korrupte Italiener oder Franzose, der wenigstens nie sein Vaterland verrät.“ Tirpitz, 1920

Beginnt der Prozess der De-Industrialisierung, werden die größten Industrieanlagen und damit das Ingenieurswesen praktisch obsolet. Somit werden gut ausgebildete Arbeitskräfte ins Ausland abwandern. Bereits Admiral Tirpitz wusste um 1900, dass Deutschland entweder Güter oder Menschen exportieren müsse, um fortzubestehen. Die USA haben deshalb den Grundstein gelegt, um Übersiedlungen von Mensch und Material aus Deutschland finanziell zu fördern (unter dem Schlagwort: „going green„). Mit dieser Re-Industrialisierung Amerikas, die Präsident Trump werbewirksam forcierte, wird es Washington möglich sein, in einer zukünftigen multipolaren Wirtschaftswelt zu bestehen. Gleichzeitig verhindert man dadurch eine mögliche Annäherung Moskaus und Pekings mit Berlin in wirtschaftlichen Angelegenheiten. Hat Deutschland keinerlei Industriekapazitäten, gibt es auch keinen Grund für Russland oder für China, in Kooperation mit Berlin zu treten – damit hat Washington die größte geopolitische Gefahr – ein Zusammengehen Deutschlands mit dem Osten – für viele Jahrzehnte gebannt.

„Nachdem Russland und Deutschland sich gegenseitig zerschlugen, ist freilich der mögliche deutsch-russisch-japanische Dreibund, der die Freiheit der Welt gesichert hätte, mindestens zunächst dahin, und Japan muss zusehen, wie es die ungeheuren Aufgaben, die es sich aufgepackt hat, allein zu Ende trägt. Die Zukunft aller nichtangelsächsischen Großmächte ist problematisch.“ Tirpitz, 1920

Blickt man in die Historie zurück, dann muss dieser untragbare Zustand früher oder später zu einem Bruch zwischen deutschem Bürgertum und einer international gefärbten Politikerkaste geben. Es ist davon auszugehen, dass Moskau und Peking großes Interesse daran haben werden, Deutschland wieder auf die Beine zu helfen, während Washington alles daran setzen wird, den de-industrialisierten Status Quo aufrechtzuerhalten – vermutlich mithilfe eines revanchelüsternen Warschaus, das liebend gerne ein Stück vom preußischen Kuchen abhaben möchte. Mit anderen Worten, Deutschland wird zum Spielball der Großmächte, und wenn wir eines wissen, dann ist es, dass dies viel Leid und Zerstörung mit sich bringen wird.

Während Finnland neue AKW-Reaktoren in Betrieb nimmt, hat die deutsche Regierung ausgerechnet in diesen tumultuarischen Zeiten die letzten AKWs einfach abgeschaltet. Dieser politische Vorgang genauso wie die Sprengung der Nordstream-Pipelines durch NATO-Verbündete (siehe Seymour Hersh) ist als klares Zeichen zu verstehen, dass die De-Industrialisierung Deutschlands endgültig begonnen hat. Politiker und Medienleute werden natürlich die nächsten Jahre alle Überredungs- und Überzeugungskünste aufbieten, um die deutsche Bevölkerung so lange zum Narren zu halten, bis es zu einem fait accompli kommt und nichts mehr dagegen getan werden kann.

Der Konflikt in der Ukraine und einer vom Westen ausgelösten Wirtschaftskrise (Sanktionen) bieten die ausgezeichnete Gelegenheit, Tatsachen zu verdrehen, Kritiker mundtot zu machen und die Agenda zu verschleiern. Sollte der Ukraine-Konflikt früher als geplant zu Ende gehen, werden die Sanktionen natürlich aufrecht bleiben, während der geopolitische Fokus auf China gelegt wird. Vor wenigen Tagen verlautbarte man bereits in Brüssel, dass man überlege, europäische Kriegsschiffe nach Taiwan zu versenden. Sanktionen gegenüber China würden genauso folgen, wie geschürte Konflikte im Nahen Osten. Die Annäherung Saudi-Arabiens, bis dahin ein verlässlicher US-Verbündeter gegenüber US-Erzfeind Iran, kann Washington nur schwerlich dulden. Gegenwärtig versuchen Moskau und Peking eine friedliche Stabilität im Nahen Osten zu erreichen, ohne dabei Palästina unter den Verhandlungstisch kehren zu wollen. Washington könnte somit die Karte Israel ausspielen.

Um es kurz zu machen, die Elite in Washington ist bereit, die Welt und damit auch ihre ehemaligen Verbündeten in Brand zu setzen, um den Niedergang ihres Imperiums zu verhindern oder zumindest aufzuhalten. „Kollateralschäden“ sind somit unausweichlich.

Die angelsächsische Scheinheiligkeit und die deutsche Urteilslosigkeit kennen keine Grenzen. Tirpitz, 1920

Für den deutschen Bürger stellt sich bei alledem nur eine Frage: Wollen wir ein Ende mit Schrecken oder ein Schrecken ohne Ende? Faites vos jeux.

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„Ich weiß nicht, ob die Weltgeschichte ein Beispiel größerer Verblendung kennt, als die gegenseitige Vernichtung der Deutschen und der Russen in majorem gloriam der Angelsachsen.“
Admiral Alfred von Tirpitz
Gedanken über den 1. Weltkrieg, 1920

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„In Russland sind die Deutschen als solche nicht allgemein unbeliebt. Anders als zum Beispiel die Polen oder die Briten. Wir können nicht sagen, wie lange die derzeitige Verschlechterung der Beziehungen andauern wird. Aber ich habe keinen besonderen Zweifel daran, dass sich Russland und Deutschland an einem neuen Wendepunkt in der Geschichte wieder treffen und wieder Freunde werden.“

In Russia, Germans as such are not universally disliked. Unlike the Poles or the British, for example. So, we cannot say how long the current deterioration in relations will last. But I have no particular doubt that at a new turn in history Russia and Germany will meet again and become friends again.“

Timofey Bordachev
Valdai Club Programme Director 

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