Toxische Pommes am Abend und die wundersame Synchronizität des Lebens

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Die Jungen Verlagsmenschen luden gemeinsam mit dem Verlag Zsolnay zur Vorstellung des neuen Buches der jungen Autorin Irina, die sich den Künstlernamen Toxische Pommes zugelegt hatte. Später sagte sie mir, dass der Name einfach daher rühre, dass er einstmals als User-Name angelegt wurde und somit natürlich nicht mehr zu tilgen sei – auch wenn Leser und Journalisten gerne eine tiefere Bedeutung darin sehen wollen. Ja, manchmal ist eine Pfeife einfach nur eine Pfeife, würde der gute Freud nickend konstatieren.

Über das neue Buch Ein schönes Ausländerkind wusste ich freilich nicht, worum es ging und war dann doch erstaunt, als ich hörte, dass es um die Schwierigkeiten des Exillebens eines Vaters ging, geschildert aus der Sicht seiner Tochter, die sich mit den neuen Umständen in der »neuen Welt“ besser arrangieren konnte. Sapperlot, kratzte ich mich nachdenklich ums Kinn, hatte ich doch gerade die autobiographischen Erinnerungen der Wiener Autorin Hilde SpielDie hellen und die finsteren Zeiten«) gelesen, in der sie ebenfalls von den Schwierigkeiten ihres Vaters Hugo Spiel im britischen Exil erzählte, wenngleich nicht ausführlich. Seine Anpassung gelang ihm dort genauso wenig wie die Suche nach einem Brotberuf, obwohl er als Chemiker seinerzeit den künstlichen Gummi aus der Taufe hob. Schlussendlich starb der Vater Hilde Spiels erschöpft und ausgelaugt in London:

»Mein armer Vater war wieder einmal, wie so oft in diesem Krieg, brotlos geworden und stand vor dem Ruin. Alles schien sich gegen ihn verschworen zu haben. Nachdem die Weiterreise in die Staaten an seiner Internierung gescheitert war, hatte er nur Enttäuschungen und Demütigungen erlebt. Ein Mann in den besten Jahren, der mit seinem angeborenen oder anerzogenen Mut ins Exil gegangen war, hatte er lange keine angemessene Arbeit gefunden und in quälender Abhängigkeit von seinem Schwiegersohn gelebt […] In diesem heißen Juni lief er verzweifelt durch London, um irgendwelches Geld zu verdienen, verdingte sich auch wieder als Trümmermann […] Daß er am Ende war, daß ihn das Exil nur langsamer und weniger brutal, aber ebenso sicher um’s Leben gebracht hatte wie ein deutsches KZ, habe ich, sonst wäre ich behutsamer mit ihm umgegangen, damals nicht begriffen.« [S. 204f., Rowohlt Ausgabe 1989]

Die Synchronizität ist hier freilich nicht zu Ende, saß ich doch in jenen Räumlichkeiten, in denen bereits Paul Zsolnay seinen Verlag leitete und dort muss es wohl gewesen sein, als er am Beginn des Jahres 1935 das Manuskript mit dem Titel »Sonderzug« der jungen Hilde Spiel ablehnte:

»Es war, so trug ich in mein Büchlein ein, die größte Enttäuschung meines Lebens, und die ist es bis heute geblieben, im schriftstellerischen Bereich. Eine verlorene Illusion, nicht anders als das Ende jener Jugendliebe, und ebenso unauslöschlich ins Bewußtsein eingeprägt.« [S. 118]

Wir sehen, wie komplex das Leben in all seinen Facetten sein kann. Schlussendlich wollen wir als Mensch von anderen wahrgenommen, akzeptiert und aufgenommen werden – egal, ob es sich dabei um eine bürgerliche oder künstlerische Existenz handelt. Das kurze Geplauder, das ich mit Irina nach der Lesung hatte, führte mir eine reflektierte Frau vor Augen, die ihre ersten Schritte als Buchautorin macht und dabei über ihre innere Befindlichkeit sympathisch offenherzig befand, ohne dabei auf das selbstironische Augenzwinkern zu vergessen.

Ihr Buch werde ich lesen, eine Widmung mir natürlich abholen. Dann schauen wir mal, wohin mich diese erlebte Synchronizität noch führen wird.

***

P.S: Da schau her! Auf der Suche nach »französischen Anführungszeichen« stieß ich in meinen alten Blog-Beiträgen zufälligerweise (aha!) auf den großartigen Exil-Wiener Frederic Morton, der im Alter – genauso wie Hilde Spiel – nach Österreich, besser: Wien, zurückkehren sollte. »Mit der Kultur von Amerika habe ich mich nie anfreunden können«. Hier nachzulesen.

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