EM 2024: Viertelfinale #Fußball

By

Spanien : Deutschland 2:1 n.V.
Portugal : Frankreich 0:0 3:5 n.E.
Schweiz : England 1:1 3:5 n.E.
Niederlande : Türkei 2:1

Spanien steht im Halbfinale. In der 119. Minute der Verlängerung entscheidet ein perfekter Kopfball von Einwechselspieler Merino die Partie. Deutschland muss sich geschlagen geben, aber es hätte nicht viel gefehlt, und die Nagelsmann-Truppe wäre als verdiente Sieger vom Platz gegangen – doch Havertz war an diesem Tag zu unentschlossen und Füllkrug zu unglücklich. Wie zu erwarten, ein Match auf Augenhöhe. Beide Teams schenkten einander nichts, führten intensive Zweikämpfe und scheuten auch Fouls nicht. Toni Kroos hätte bereits in den ersten Minuten eine gelbe Karte verdient – seine Attacke an Pedri führte zu dessen Verletzung, weshalb Olmo frühzeitig in die Partie kam. Ausgerechnet Olmo, bei RB Leipzig sein Geld verdienend, sollte die Entscheidung bringen: Führungstreffer nach der Pause gemacht, Flanke zum Siegestreffer geschlagen. Das nenn ich Ironie. Das Match war ein würdiges Viertelfinale – und hätte sicherlich auch einem Finale gerecht werden können. Die deutsche Mannschaft hat gezeigt, dass sie auf dem richtigen Weg ist. Aber es fehlte einerseits das Quäntchen Glück, andererseits die spielerische Klasse auf der einen oder anderen Position – analog der österreichischen Elf unter Rangnick, die den Ausfall von Alaba und Schlager und der mäßigen Form- und Fitnesskurve von Arnautovic auf Dauer nicht kompensieren konnte. Hätten Füllkrug und Wirtz gleich zu Beginn des Spieles mehr impact gehabt? Havertz und Sané wirkten zu unentschlossen, zu zögerlich und Emre Can neben Toni Kroos wie ein Fremdkörper. Nagelsmann wollte spielerisch den Spaniern Paroli bieten, was nur teilweise gelang. In jenen Phasen, in denen es im Mittelfeld zu einem Gerangel kam, die Spanier ihre Ordnung und damit den Spielfluss verloren, hatten die Deutschen die Oberhand. Wir können uns ausmalen, wie schwer sich die Spanier gegen die französischen Defensiv-Rabauken tun werden, die gar nicht erst die Absicht haben, die Iberer ins Spiel kommen zu lassen. Es ist Nagelsmann hoch anzurechnen, dass er versuchte, eine spielerische Lösung zu finden – vielleicht hat er auch nur aus der Not eine Tugend gemacht – Musiala, Wirtz und Sané gehören zu den besten Offensivspielern, so sie einen guten Tag haben – und mit Kroos, Gündogan und Kimmich Spieler, die den entscheidenden Pass spielen können. Die Spanier sind in der Bestbesetzung an jeder Position um einen Tick besser aufgestellt und die Qualität der Ersatzbank ist nicht von schlechten Eltern. Die deutsche Elf ist scheint mir zu unausgewogen, noch hat sich keine Kernmannschaft geformt – mit dem Abgang von Toni Kroos klafft nun eine große Lücke, die zu schließen die nächste große Aufgabe sein wird. Bei den Spaniern wiederum deutet alles auf eine neue goldene Generation hin.

Portugal : Frankreich 0:0 3:5 n.E.

Natürlich ging die Partie mit 0:0 nach Verlängerung ins Elfmeterschießen. Natürlich zogen die Portugiesen den Kürzeren, weil ausgerechnet João Félix den Ball vom Elferpunkt an die Stange schießt, die Franzosen sich keine Blöße geben. Das Match war ein müder Kick, weil beide Mannschaften, wie zu erwarten, kein Risiko nehmen wollten. Hie und da blitzten herrliche Offensivaktionen auf, die einen staunen ließen – dann verpuffte jeder dieser Aktionen und das verhaltene Ballgeschiebe ging weiter und weiter. Die Portugiesen hätten es spielerisch in der Hand gehabt, hätten sich mehr zutrauen sollen, aber die Angst vor der eigenen Courage und den Franzosen war zu groß. Dabei war es mit der französischen Schlagkraft nicht weit her: Mbappé völlig abgemeldet, nur ein Schatten seiner gefährlichen Tage, Griezmann ideen- und lustlos und Thuram in der Luft hängend. Einzig der eingewechselte Dembélé brachte neuen Schwung ins Angriffsspiel – auch wenn es zumeist vorhersehbare Einzelaktionen waren. Das Prunkstück der Équipe Tricolore ist und bleibt das Defensivspiel. Noch hat die französische Hintermannschaft kein Tor aus dem Spiel zugelassen, noch musste Frankreich keinen Rückstand nachlaufen – ja, und mental sind die Franzosen nicht zu knacken. Ein Phänomen. Die Portugiesen können einem Leid tun, sieht man sich den Kader an, der vor Qualität nur so strotzt. Trainer Martinez hatte im Offensivbereich die Qual der Wahl – und auch wieder nicht. Ronaldo, wohl sein letzter Auftritt bei einem Turnier, durfte er nicht auswechseln – ob Ramos, Jota oder João Félix statt eines Ronaldo mehr ausrichten hätten können, ist eine berechtigte Frage, die aber in Portugal niemand stellte. Bei der nächsten Weltmeisterschaft ohne Ronaldo und Pepe werden die Würfel neu gerollt. Großes darf man sich von Portugal in Zukunft erwarten – so der Trainer die Stärken und Schwächen der Spieler auszugleichen versteht und eine Mannschaft formt – ausgezeichnete Einzelspieler haben sie längst. Deschamps hat es geschafft, seine divenhaften Einzelspieler zu zügeln – einzig Mbappé und – je nach Situation – Griezmann genießen alle Freiheiten, müssen nicht zurück arbeiten und können sich nach Gusto in die Offensive einschalten. Dembélé wurmt es dermaßen, dass er oftmals blindlings den Ball aufs, besser: übers Tor drischt und sich keinen Deut um besser postierte Mitspieler schert. So lange Deschamps mit seiner Defensivtaktik Erfolg hat, ist er unangreifbar. Man wünschte sich einen Trainer für die Franzosen, der die Spieler von der Leine lässt. Wo ist ein Zinédine Zidane, wenn man ihn braucht?

Schweiz : England 1:1 3:5 n.E.

Die Schweizer Nationalmannschaft spielte brav mit, ging in Führung und musste wenige Minuten später den Ausgleich hinnehmen. Im Großen und Ganzen war das Match eine öde Angelegenheit. Auch die Verlängerung brachte nur wenige Aufreger. Verblüffend, dass die Engländer alle ihre Elfmeter verwandelten. The Times they are a changin‚, könnte man singen. Die Schweizer hatten natürlich Angst vor ihrer eigenen Courage und getrauten sich nicht, aufs Gaspedal zu steigen. Nur deshalb ist es möglich, dass die Southgate-Truppe mit grottigem Minimalfußball jedes Mal als „Gewinner“ vom Platz gehen kann. Southgate und Deschamps sind die Antithese des Offensivspiels und man wünschte sich, dass Teams mit solch einer „Taktik“ bereits in der Gruppenphase Gras fressen. Aber was England und Frankreich auszeichnet, sind ihre Star-Spieler und Ausnahme-Talente. Die Idee ist simpel: man lässt hinten nichts anbrennen und hofft, dass einer dieser Zauberkünstler – auf welche Art und Weise auch immer – ein Tor macht. Und da die Gegner zu viel Respekt vor dem Star-Ensemble haben, geht die Rechnung tatsächlich auf. Im Spiel gab es erst in der 75. Minute die erste Torchance und den Führungstreffer der Eidgenossen. Fünf Minuten später stellte Saka mit seinem Weitschuss auf 1:1. Die Dramatik in 120 Spielminuten reduzierte sich somit auf fünf Minuten. Man könnte aus der Haut fahren. Sehnlichst wünschte man sich die Österreicher, Türken oder Georgier zurück, die wenigstens ein Feuerwerk abbrennen – auch wenn sie untergehen.

Niederlande : Türkei 2:1

Es war ein wildes, verrücktes Spiel. Wie bereits gegen die Österreicher, gehen die Türken in Führung und spielen mit viel Emotion und Selbstbewusstsein die Niederländer an die Wand. Aber in der zweiten Hälfte beginnt sich das Kräfteverhältnis zu verschieben. Die Niederländer nehmen das Heft in die Hand – auch dank der Einwechselung von Weghorst, der lange Kerl, der die türkische Hintermannschaft vor gröbere Probleme stellt. Schließlich gelingt den Niederländern der Ausgleich in der 70. Minute und der Führungstreffer in der 76. Minute. Von da an werfen die Türken alles nach vorne, laufen, rackern, beißen, schimpfen. Die Niederländer sind dermaßen beeindruckt von dieser Torwut, dass sie nur noch die Führung über die Runden bringen wollen. Aber im Gegensatz zum Österreich-Spiel ist der Fußball-Gott diesmal nicht aufseiten des Halbmondes. Zwei Riesenchancen werden von den Türken in den letzten Spielminuten vergeben – einmal, weil Weghorst einen Fuß in den Weg stellt und so den Abschluss und das sichere Tor verhindert, das andere Mal, weil Goalie Verbruggen eine unglaubliche Reaktion zeigt – es erinnerte ans Österreich-Spiel, als Baumgartners Kopfball-Aufsitzer vom türkischen Tormann mit einer unfassbaren Parade verhindert wurde! Schlussendlich haben die Österreicher genauso wie die Türken ihr Lehrgeld bezahlen müssen. Zu naiv und selbstsicher sind beide Mannschaften aufgetreten – aber vielleicht ist das Glück einfach nur ein Vogerl.

Posted In ,

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..