Ein paar Tage bin ich bereits hier, im Musentempel, zu dem auch ein kleiner, aber feiner Garten gehört als auch ein offenes Zimmer, in der Sprache der Banalität Balkon genannt. Dort hat sich der Dichter und Denker zurückgezogen, während die Sonne ihre letzten Abendgrüße schickt und die Hitze des Tages einer herbstlichen Kühle weicht. Noch ist es angenehm, halb im Außen, halb im Inneren zu sitzen und diese Zeilen zu tippen. Wohin mag die gedankliche Reise gehen?
Gerne hätte ich über die politische Situation im Nachbarland befunden, aber die Gesellschaft kennt nur noch Extreme und wertet jede Objektivität als Frevelei. Erinnert es nicht an jene längst vergangene Epoche, als der Klerus sich anschickte, die gottlose Spreu vom gläubigen Weizen zu trennen und keinerlei Hemmung hatte, die Ungewissheit mit Feuer und Schwert in Gewissheit zu verwandeln? Die Menschen des Westens geben sich aufgeklärt, gefallen sich aber, dogmenhaft zu denken und an vorgesetzte Märchen zu glauben. Sie lachen über die Alten, die Geister für wahr hielten und entsetzen sich über Schamanen, die Kranke mit Hokuspokus zu heilen trachteten. Gäb’s nur einen goldenen Spiegel, in dem diese Leutchen ihre eigene Lächerlichkeit beobachten könnten. Was weiß der Einzelne von dieser Welt, von ihrer Beschaffenheit, ihrem Gewirke, ihrer Abfolge? Nichts. Was weiß der Einzelne über das Leben selbst? Nichts. Immer nur Beobachtung, immer nur Interpretation. Die Zelle, klein und unscheinbar, gleicht einem Universum und doch will der moderne Mensch sie erklärt wissen. Mitnichten. Und wie, in Gottes Namen, entstand das Universum, so es dieses überhaupt geben kann? Eine Obrigkeit gibt nicht nur die Fragen, sondern auch die Antworten vor, an denen nicht gerüttelt werden darf. Die Vergangenheit wird zu einer Geschichte und der lebende Organismus zu einer sagenumwobenen Maschine verklärt, auf die sich eine Obrigkeit geeinigt hat. Was machen da schon Widersprüche, Ungereimtheiten, Lügengebilde und Fälschungen? Archäologische Ausgrabungen werden aus Geldmangel nicht mehr weitergeführt, während man mit Kredit einen Bomben- und Granatenhagel auf alte Bauwerke regnen lässt. Wir können Menschen durch das Weltall schicken und auf den Mond befördern, aber niemals hinab, auf den tiefen Meeresgrund. Geht es um das Unerklärliche, hat der hochgeistige Mensch das Computer-Modell erfunden. Gefüttert mit allerlei unnützen Daten, soll es nützliche Aufschlüsse ausspucken. Da werden Modelle ersonnen, deren Ergebnisse so schwarzmalerisch von skrupellosen Handlangern an die Wand geworfen werden, um Ängste zu schüren und damit Machtansprüche für die Obrigkeit zu erheben. Schließlich will der Einzelne wie die Gesellschaft von diesen geschürten Ängsten erlöst werden.
Würden wir uns nur eingestehen, nichts zu wissen und könnten wir endlich all den Aberglauben beiseite fegen, ein neues Zeitalter bräche an, in dem wir ernsthaft nach wahrem Wissen, nicht nach feiger Lüge strebten.

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