Die große Schönheit oder La Grande Bellezza

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Ein letzter herrlicher Sommertag im Garten, ein Sonntag noch dazu, der einlädt, seine Gedanken zum blauen, wolkenlosen Himmel zu senden. Oftmals, vielleicht sogar immer, sind besondere Momente nur eine Aneinanderreihung glücklicher und unglücklicher Fügungen, auf die der Mensch keinen Einfluss hat. Das Schicksal setzt den Hobel an. Wer sich dieser schicksalshaften Hobelei aussetzt, wird viele Wunder erleben, die im Gesamtrückblick freilich keine Rolle spielen. Der wahre Künstler ist deshalb bestrebt, all diese kleinen und unscheinbaren Wunder in seinen Werken festzuhalten, in der Hoffnung, dass sie zu etwas Größerem werden. Während das Papier oder die Leinwand die hingeworfenen Striche aufnimmt und sie für alle Zeiten festhält, löst sich der Künstler früher oder später auf. Erde zu Erde. Staub zu Staub. Das ist das unabänderliche Schicksalsrad. In jungen Jahren bekümmert es einen nicht – aber mit Fortdauer der angesammelten Jahresringe wird der Mensch misstrauisch gegenüber dem Kommenden. Deshalb sträubt er sich, die schönen, gar glücklichen Momente vorüberziehen zu lassen. So sehr sträubt er sich, dass er damit diese wunderbaren Augenblicke in Melancholie tränkt. Für den wahren Künstler ist dieser Abgesang auf das heutige Heute bester Trieb- und Treibstoff. Möge der Alltag Urlaub machen. Wenigstens für einen Tag. Wenigstens für einen letzten herrlichen Sommertag im Garten, ein Sonntag noch dazu, der einlädt, seine Gedanken zum blauen, wolkenlosen Himmel zu senden.


Am Abend war es, als ich im Dämmerlicht der einsetzenden Nacht „La Grande Bellezza“ schaute. Der Film handelt von einem Schriftsteller in Rom, der seinen 65. Geburtstag groß feiert. Nachdenklich ist er nun geworden, der sentimentale Zyniker. Nach seinem Erstlingsroman konnte er keinen weiteren Roman mehr schreiben. Zu sehr genoss er das römische Dolce Vita, zu sehr verlor er sich in einer lebensverneinenden Dekadenz. Und jetzt, mit dem Alter kommt der unvermeidliche Rückblick und damit die Einsicht, ein sinnloses Leben geführt zu haben. Warum er kein weiteres Buch schreiben woll(t)e, wird er gefragt und gibt ausweichend Antwort. Schlussendlich gesteht er sich ein, dass er zeit seines Lebens auf der Suche war. Damals, er war gerade 18 Jahre jung, gab sich ihm das 20-jährige Mädchen hin. „Ich möchte dir etwas zeigen“, flüstert sie und knöpft ihre Bluse auf. Das war der Augenblick, der ihm „die große Schönheit“ vor Augen führte. In all den Jahren suchte er nach diesem Moment. Gefunden hat er ihn nicht. Diese Einsicht über längst Vergangenes und einem trostlosen Heute lässt einen Gedanken reifen, der zu einem Entschluss erblüht: „Möge dieser Roman beginnen …“

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