Ein Rückblick. Ein Ausblick. Im Oktober des letzten Jahres trat ich mein „einjährig-freiwilliges“ Praktikum im Heeresgeschichtlichen Museum (HGM) an. Somit endet die nächsten Tage meine spektakuläre Reise ins Innere der ministeriell verordneten musealen Geschichtsschreibung „not with a bang but with a whimper„.
Kindheitserinnerungen wurden und werden wachgerufen, jetzt, wo ich an diesem Wahlsonntag, meine Stimme längst abgegeben, weiß ich doch meine Bürgerpflicht zu erfüllen, im Café des Museums sitze und mich gedanklich umschaue. Das Kind von einst beeindruckte vor allem die mächtige Haubitze, die vor ihm aufragte. Dann die zerrissene Panzerkuppe, die die Auswirkung eines formidablen Treffers anschaulich zeigte. Oder die von Schiffsgeschützen durchschossene Panzerplatte. Allerhand, dachte der kleine Junge erstaunt, der ein Faible für alles Kriegerische und Kämpferische hatte – obwohl seine Eltern so fern dieses Schlachtenlärms waren wie nur irgendwie möglich. Mutter erzählte hie und da, dass sie als 10-jähriges Mädel in der Gegend von Prinzersdorf bei St. Pölten einen Schusswechsel zwischen sowjetischen und deutschen Truppen erleben musste. Diesen Lärm, meinte sie, vergesse sie niemals. Vor Schreck habe sie damals die Kanne mit der lebenswichtigen Milch fallen lassen und die Beine in die Hand genommen. Kopfschüttelnd und mit bitterer Miene fügte sie an, dass man kurz vor Ende des Krieges die jungen Soldaten noch aufgehangen hatte, obwohl sie doch nur nach Hause wollten. Sie gab die Schuld den „Deutschen“ („Das hätten’s nicht machen sollen, die G’frasta! Der Krieg war ja eh schon aus!“).
Mein Vater wiederum hatte das große Glück, gerade noch zu jung für das letzte Aufgebot des Volkssturms zu sein. Er hatte noch mehr Glück, als eine Fliegerbombe ins angrenzende Nachbarhaus einschlug, sich bis zum Keller ihren Weg bahnte, aber blindgängerisch liegen blieb. Trotzdem war das Haus derart in Mitleidenschaft gezogen worden, dass das Schlafzimmer nicht mehr betreten werden durfte, da es förmlich in der Luft hing. Blicke ich so zurück, merke ich erst jetzt, wie viel Glück meine Familie hatte, was freilich nicht auf Geld und Vermögen zutrifft – da zerstörte die Hyperinflation und das Nachkriegschaos jegliche Vermögenswerte, weshalb der Schreiber dieser Zeilen sich immer nach der Decke, aber niemals seine Füße entspannt von sich strecken durfte. Natürlich wurde mir von klein auf das Arbeitsethos vergangener Generationen eingetrichtert: man hatte zu arbeiten, auch wenn es einem nicht gefiele. Punktum. Mein späteres Ansinnen, die gesicherte Existenz des Broterwerbs gegen die Brotlosigkeit der Schriftstellerei einzutauschen, machte meine Eltern betroffen, aber ich war mit knapp über 30 Jahren dann doch erwachsen genug, um mich davon nicht beirren zu lassen. Ja, wenn die Muse ruft, gibt es für den wahren Künstler kein Halten. Zum Guten wie zum Schlechten.
Der kleine Junge also, der sich hie und da im Museum herumtrieb – weil es gar so mühsam zu erreichen war, blieben Ausflüge zum Arsenal leider eine Seltenheit – wurde einst in der großelterlichen Wohnung fündig, fand zwei Orden, die der Großvater während des 1. Weltkrieges an die Brust gesteckt bekam. Ein Foto zeigt ihn in Uniform und mit Säbel, schneidig lässig an ein Tischchen lehnend. Dieses Foto genauso wie diese metallenen Prunkstücke regten die Phantasie des Jungen gehörig an: Hatte er sich todesmutig dem Feind entgegengeworfen, eine gefürchtete Stellung im Handstreich genommen? Mitnichten. Alsbald erfuhr ich, dass er Schneider in Brünn war, weit hinter der Front. Nach dem Krieg wurde er Kammerdiener eines Grafen. Leider war der loyale Kammerdiener der Hausherrin ein Dorn im Auge, weshalb er seine Sachen packen und gen Wien ziehen musste, wo er – jeder musste arbeiten, ob es ihm gefiel oder nicht – als Postbeamter sein Brot verdiente. Sein Sohn machte es ihm gleich. Dessen Sohn wiederum, der zukünftige Schriftsteller, dachte gar nicht daran, in einen Staatsbetrieb einzutreten, in dem der Weg des Staatsdieners von Anfang bis Ende vorgegeben war. Oft sah ich Vater sein aufklappbares Kärtchen studieren, in dem die Gehälter nach Dienstjahren und Einstufungen penibelst auf den Groschen genau angegeben waren. Während dieser Umstand meinen Eltern jene Sicherheit gab, die sich eine Kriegsgeneration sehnlichst wünschte, war es für jene Generation, die die Annehmlichkeiten und den aufkommenden Luxus bereits als alltäglich empfand, ein Gräuel. Gab es nicht Karrieremöglichkeiten, die einem alle Türen öffneten? Meine Eltern waren zeit ihres Lebens geprägt von der Armut und dem Hunger, den sie erlebten und glaubten nicht an ewigen Frieden und immerwährende Prosperität. Als ich seinerzeit der (staatsähnlich geführten) Creditanstalt den Rücken kehrte und in die kleine Zweigstelle der Chase Manhattan Bank in Wien eintrat, dürfte Mutter einen Rosenkranz für mich gebetet haben. „Du wirst sehen“, sagte sie mit eindringlicher Stimme, „die werfen dich doch wieder raus!“ Darauf lachte ich und zuckte die Achseln. Jahrzehnte später sollte Mutter in gewisser Weise freilich recht behalten. Die Finanzkrise zeigte, dass auch „Banker“ an die Luft gesetzt werden können.
Die Großeltern mütterlicherseits hatten ebenfalls nichts mit dem Kriegshandwerk zu tun. Bettelarm waren sie. Großvater ein Knecht, später ein Streckengeher, der die Geleise auf Bruch abklopfte. Dann kamen „die Nazis“ und haben ihn „rausg’worfen“, weil er keine Schulbildung hatte. Ja, und nach dem Krieg, da wollte man ihn auch nicht mehr. Es ist kaum zu begreifen, wie es eine vielköpfige Familie geschafft hat, in einem Einzelzimmer von der Hand im Mund lebend und auf kein Sozialsystem zurückgreifen könnend, über die Runden zu kommen. Sie führten ein ärmliches Leben, aber sieht man sich das Foto der erwachsen gewordenen Geschwister an, so könnte man meinen, die Sonne strahlte aus ihren Gesichtern. Apropos Armut. Dann und wann erinnerte sich Mutter mit einem Seufzer, seinerzeit zu jung für den Bund Deutscher Mädel gewesen zu sein. Neidisch blickte sie auf ihre älteren Schwestern, die nicht nur eine hübsche Uniform bekamen, sondern auch feste Schuhe.
Somit ist die Frage zu stellen, warum sich der Junge zeit seines Lebens mit (virtuellem) Kriegs- und Kampfeslärm beschäftigte. So sehr, dass er seinerzeit in der Hauptschule ein Referat über die Bombardierung von Dresden 1945 hielt und seine Mitschüler in größtes Erstaunen (oder Entsetzen) versetzte. Es waren schmale Bücher, mit allerlei Grafiken und Fotos von Kriegsmaterial versehen, die das Interesse weckten. Auch gab es ein Fotobuch über „Operation Barbarossa“, das große Wirkung zeigte. Später erzählte mir Vater, dass er 1938 mit seinen Eltern zur Ringstraße ging, weil ihn jeder sehen wollte. Aber weil das Gedränge so enorm war, hätten sie zu einer Zufahrtsstraße ausweichen müssen. Natürlich versuchte ich herauszufinden, wie er damals die Zeit empfand, aber er sprach nicht viel darüber, da er damals von der Welt der Erwachsenen ausgeschlossen war. Für ein halbes Jahr wurde er nach Brünn verbracht, um dem Bombenhagel nicht zum Opfer zu fallen. Dort war es, sagte er mir, wo er mit dem Fußballspiel zum ersten Mal in Berührung kam und fügte betreten hinzu, dass er so ungeschickt war, dass man ihn nicht gerne mitspielen ließ. Habe ich erzählt, dass mein Großvater, der schneidige Schneider, während seiner Stationierung in Brünn ein außereheliches Verhältnis hatte, aus dem ein Sohn hervorging? Dieser Sohn wiederum, Wilhelm genannt, hatte das Pech, alt genug für das Soldatentum zu sein und wurde demnach zur Wehrmacht eingezogen. Als er 1945 in französische Kriegsgefangenschaft ging, musste er feststellen, dass seine deutsche Heimat nunmehr tschechisches Ausland war. Die Behörden in Prag wollten von ihm nichts wissen, weil er „Deutscher“ war (auch wenn er Tschechisch sprach) und für die Behörden in Bonn war er ein „Tscheche“ (auch wenn er Deutsch sprach). So saß er im französischen Gefangenenlager und hatte keine Heimat mehr – auch wenn Frau und Kind in Brünn lebten. Schließlich blieb er im Elsass, siedelte sich bei Straßburg an und holte – über viele Umwege – Frau und Kind zu sich. Leider verabsäumte ich, Onkel Willi über seine Jahre in der Armee auszufragen. Womöglich hätte er viel zu erzählen gehabt – aber die Kränkung, nicht mehr in seinem geliebten Brünn leben zu dürfen (man vergesse nicht den Eisernen Vorhang!), begleitete ihn sein ganzes Dasein.
Von den zahlreichen Geschwistern meiner Mutter mussten die älteren Brüder allesamt einrücken. Einer kam nicht mehr zurück. Der Franz-Onkel wiederum wollte nach seiner Gefangenschaft auswandern, aber die Frau seines Herzens kam dazwischen (Mutter klagte hie und da über die schlechte Wahl, die ihr fescher Bruder getroffen hatte, hätte er jedes Mädel im Dorf haben können). Ein hartes Leben führten sie in jungen Jahre alle, weshalb sie den wirtschaftlichen Aufschwung in vollen Zügen genossen – aber egal wie feuchtfröhlich der Sonntag auch war, am Montag erschien jeder pünktlich zur Arbeit. Das war so. Übrigens half der Franz-Onkel dem alten Leiner beim Aufbau seines immer größer werdenden Möbelgeschäfts.
Dieser lange familiäre Abriss soll dem geneigten Leser (die Leserin darf sich natürlich genauso angesprochen fühlen) einen kleinen Einblick in die Innenwelt des Schreibers geben, der im fortgeschrittenen Alter über die Schwelle des Museums trat (nein, es war natürlich Objekt 1, jenes Gebäude, in dem die Direktion untergebracht ist) und all diese Erinnerungen vor Augen hatte. Zur Mittagszeit besuchte ich am ersten Tag eine der beiden Artilleriehallen. Wonne, rief ich aus, solch eine angenehme Ruhe verströmten diese alten Mordwerkzeuge. Lange wandelte ich darin umher und hing meinen Gedanken nach. Dann wurde mir mein Arbeitsplatz in der Hauptkanzlei zugeteilt. Mir blieb förmlich der Mund offen. Dieses alte Bureau, unter der Aufsicht eines Gemäldes, das August den Starken zeigte (später erfuhr ich, dass er es nicht gewesen sein dürfte, aber niemand, der mir mit Sicherheit sagen konnte, um wen es sich handelte) und die hohen Fenster, die bis an die hölzernen Deckenbalken reichten (man versuche da mal eine Rollo zu montieren!) und das Panorama des Museums feilboten, war mit Sicherheit der beeindruckendste und geschichtsträchtigste Arbeitsplatz, den man sich nur vorstellen kann. In diesem Bureau, so geht die Mär, soll dem genialen Erfinder Franz Freiherr von Uchatius die Enttäuschungen derart zugesetzt haben, dass er 1881 seinem Leben ein Ende bereitete. Ja, in diesem Zimmer, wo ich meinen Arbeitsplatz bezog, soll er sich erschossen haben. Also, wenn solch eine G’schicht einem Schriftsteller nicht neue Inspiration gibt, dann …
Mehrere Monate durfte ich in der „blutgetränkten“ Kanzlei meiner Tätigkeit nachgehen. Immer wieder der Blick zum Museum, jene Institution, die mir so am Herzen liegt. Hie und da, wenn ich in den geheiligten (Ruhmes- und Feldherren-) Hallen etwas zu tun hatte, den Vorplatz mit der Ulanen-Statue überquerte und mit einem Kopfnicken das Museum selbst betrat, ging mir das Herz über. Als Mitarbeiter gehörte ich nun einmal dazu, durfte mich frei bewegen und all die Verbote, die auf der (von mir grafisch gestalteten) Hausordnung angebracht waren, negieren. Setzte ich einen Fuß in den ältesten noch bestehenden Ausstellungssaal Numero 1 (30-jähriger Krieg), hörte ich das Knarren des alten Holzbodens. Der kleine Junge von damals erwachte in mir. Da sind sie wieder, diese türkischen (politisch korrekter wohl: osmanischen) Waffen, die so fürchterlich auf den Betrachter wirken, dann dieses Schlachtengemälde von einem unbekannten Maler, das grausame Szenen rund um die Wiener Türkenbelagerung von 1683 zeigt und schließlich das türkische Zelt mit dem kriegsentscheidenden Mörser. Der kleine Junge von damals phantasierte sich in viele Kriegsgeschichten, während der große Junge von heute nur Augen für die Beschilderung hatte. Gerne hätte ich mir ein Auszeichnungs- und Wegesystem überlegt, aber dafür reichte die Zeit nicht aus. Ja, immer hängt es an der Knappheit der Ressourcen, sei es Budgetmittel, Mitarbeiter oder eben Zeit, warum das Museum lange Zeit ein „verstaubtes“ Dasein führte, führen musste. Mit letztem Jahr hat sich das geändert. Unter der neuen Leitung von Direktor Hoffmann wurde diesem „Staub“ der Kampf angesagt. Frischer Wind bläst nun aus allen Richtungen und längst notwendige Ausbesserungen – im Inneren wie im Äußeren – wurden und werden gemacht. Aber jeder Neuanfang ist auch eine „Rebellion“ gegenüber dem Alten. Das Pendel schwingt schnell in die eine, dann in die andere Richtung und niemand, der sich in Zeiten des Umbruchs auf seinen Neben- und Vordermann völlig verlassen kann. Die immerwährende ministerielle Einflussnahme, die für einen Außenstehenden niemals durchschaut werden kann, zuweilen kafkaeske Züge annimmt, erinnert an Zahnräder eines mächtigen Getriebes, die ineinander greifen. Der brave Grillparzer versuchte sich seinerzeit am Spagat zwischen Staatsdiener und Dramatiker – ob ihm das gelang, kann man in seinen Tagebüchern nachlesen. Die Möbel seines Büros sind im Literaturmuseum ausgestellt.
Es mag viel Wasser die Donau hinabfließen, bevor der Neuanfang des Museums als erfolgreich abgeschlossen angesehen werden kann. Bis dahin heißt es, die loyalen Truppen um sich zu scharen und sich im Angriffs- als auch Defensivkampf auszuzeichnen. Die notwendige Modernisierung ist längst im vollen Gange. Ich gehöre bereits einer Generation an, die das Alte (besser: Althergebrachte) schonend verändern, aber nicht mit Stumpf und Stiel ab- bzw. einreißen möchte. So stimmt es mich traurig, dass die Hauptkanzlei, jenes altehrwürdige Büro, das mir für viele Monate Heimat war, in ein Mehrplatzbüro neuen Stils umgebaut wurde. Verständlich, geht es nicht um Anbetung alter Erinnerungsstücke, sondern um Aufgaben, die von Mitarbeitern effizient erledigt werden müssen. Die Zeiten ändern sich. Natürlich.
Dieses eine Jahr im HGM hat mir so viele Einblicke gewährt, wie ich sie niemals für möglich gehalten habe. Mit einem Male verstehe ich, wie sich das Beamtentum über die Zeit entwickelte. Kaiserin Maria-Theresia und ihre Minister hatten einen Staat zu verwalten, der nur in vielen verbrieften Urkunden einer war. Erst die Staatsbeamten (und natürlich das Heer) machten die geerbten, gekauften, erstrittenen Ländereien zu einem Ganzen. Somit liegt es auf der Hand, warum das Beamtentum einem zivilen Militärapparat ähnelt (Amtstitel haben deshalb den Charakter militärischer Dienstgrade und wurden auch so behandelt).
Während ich diese Zeilen schreibe, arbeiten die Kollegen an der Sonderausstellung MEMORIA. Anfang Oktober ist die große Eröffnung. Viel gibt es zu tun bis dahin. Diesmal werde ich nicht helfen können. Das ist der Lauf der Dinge. Noch vor zwei Tagen plauderte ich mit Direktor Hoffmann und wünschte ihm und dem Haus alles Glück. Noch einmal erwähnte ich meine Idee für ein Erinnerungsarchiv und meine Bereitschaft, es mitaufzubauen. Als Bürger sehen wir Kriege und Konflikte immer durch die objektive Linse und erfahren Daten und Fakten von einer erhöhten Beobachtungsposition. Aber als Mensch, der wir nun einmal sind, interessiert uns das Schicksal des Einzelnen. Erlebnisse und Erinnerungen ganzer Kriegsgenerationen liegen verstreut in vielen Bibliotheken, Hinterzimmern oder Schreibtischladen. Sie zentral zu katalogisieren (und der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen) ist für mein Dafürhalten die Aufgabe eines heeresgeschichtlichen Museums. Nur wenn wir (man bemerke, dass ich noch immer ein „Wir“ benutze) es schaffen, geschichtsträchtige Objekte mit persönlichen Erlebnissen zu kombinieren, können wir auch der jüngeren Generation Einblicke in die Geschichte gewähren, die sie so niemals erhalten würde. Die größte Gefahr der Veränderung (um nicht den Begriff Modernisierung zu verwenden) liegt darin, dass alle Kanten und Ecken gerade gebogen, die vielen Unebenheiten geschliffen und Kanonen durch Blumenkränze ersetzt werden, im Glauben, dass dem Besucher, der Besucherin, die blutig-grauenhafte Wahrheit nicht zumutbar ist. Aber dem Menschen ist die Wahrheit zumutbar, soll Ingeborg Bachmann gesagt oder geschrieben haben. Kollege W. war es, der mich auf dieses Zitat aufmerksam machte. Gut möglich, dass in naher oder ferner Zukunft – nicht nur im Museum – darüber gestritten werden wird, welche Wahrheit überhaupt noch verlautbart werden darf. Aber „Fakten verschwinden nicht, nur weil man sie ignoriert“, merkte bereits Aldous Huxley folgerichtig an.
Bald ist die Mittagsstunde erreicht, geht der so angenehme Sonntagvormittag in den Nachmittag über, der nicht mehr zum Schreiben und Reflektieren taugt. Das Café füllt sich. Ein letztes Mal werde ich meinen Kollegen über die Schulter schauen, bevor ich meine Sachen packe. Die Inspiration für ein zukünftiges Buchprojekt habe ich mitgenommen. Das ist eine ziemlich gute Ausbeute. Aber zuvor gilt es noch mein gegenwärtiges Buchprojekt Azadeh zu einem glücklichen Ende zu bringen. Jenes Buch, mit dem vor über 20 Jahren meine schriftstellerische Reise begann, und in dem ich mein damaliges Ringen zwischen Karriere und brotloser Schriftstellerei einem jungen kuk Leutnant von 1899 „in die Stiefel schob“. Meine Eltern sollten das fertige Buch nicht mehr erleben. Im Oktober des letzten Jahres, wenige Wochen nach „Dienstantritt“, verstarb mein Vater und im September dieses Jahres, wenige Wochen vor dem „Dienstaustritt“, meine Mutter. Als wahrer Schriftsteller, der sich der göttlichen Inspiration ausliefert, weiß ich diese Zeichen zu deuten. Schlussendlich geht es in der musischen genauso wie in der musealen Welt darum, Lebenserinnerungen festzuhalten. In diesem Sinne werde ich bald mit Azadeh unterm Arm das Café des Museums betreten und damit die Verschmelzung zwischen musischer und musealer Welt herbeiführen.

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