In einer Wiener Bücherei bin ich vor wenigen Tagen durch Zufall auf das schmale Büchlein Verschwörungen Eine Suche nach Mustern von Umberto Ecco gestoßen, der laut Verlag „zu den bedeutendsten Schriftstellern und Wissenschaftlern der Gegenwart“ zählt. Der 2016 verstorbene Ecco beschäftigt sich im Text recht unaufgeregt mit allerlei „Verschwörungstheorien“, die der Klappentext natürlich großspurig aufbauscht:
„Verschwörungstheoretiker fabulieren von einer Elite, die das Blut von Kindern trinke. Selbsternannte Skeptiker wettern gegen vermeintliche Impfkartelle. Andere wähnen sich mitten in Deutschland in einer versteckten Diktatur.“
Moment, wie war das? „Selbsternannte Skeptiker“?
Wann der Klappentext des Buches „fabuliert“ wurde, ist mir nicht ersichtlich. Die 4. Auflage erschien 2021, somit dürfte die Bearbeitung in die Corona-Zeit gefallen sein. Wie mag sich das Ganze zugetragen haben? Ich versuche mich an einer Fabel und halte mich da an George Orwells Vorwort zur ukrainischen (!) Ausgabe von Animal Farm:
»Es ist einzig, oder jedenfalls hauptsächlich, die literarische und wissenschaftliche Intelligenz, die eigentlich die Hüter der Freiheit sein sollten, die beginnen, sie zu verachten, in der Theorie wie in der Praxis.« — »It is only, or at any rate it is chiefly, the literary and scientific intelligentsia, the very people who ought to be the guardians of liberty, who are beginning to despise it, in theory as well as in practice.«
Der Lektor
Während der Lektor im Home-Office sitzt, die Behörden es ihm untersagen, ins Büro zu gehen und sich jede politische Meinungsäußerung verbieten, schreibt er den Klappentext fertig: „Andere wähnen sich mitten in Deutschland in einer versteckten Diktatur“. Natürlich trägt auch er zu Hause den Mund-Nasen-Schutz – schließlich gibt es gesicherte Studien, die die Wirksamkeit bestätigen. Sagt jedenfalls die Webseite des Gesundheitsministeriums. Und ein Ministerium würde doch niemals den Bürger belügen! Seine Ehefrau betritt das Arbeitszimmer, richtet ihren Mund-Nasen-Schutz und legt ihm das Smartphone hin. Auf dem Bildschirm sind viele Zahlen und eine Grafik zu sehen. Die Ehefrau stöhnt auf und klärt ihren Ehegatten darüber auf, dass die Inzidenz erneut angestiegen sei und man besser gar nicht mehr das Haus verlassen sollte, würden sich die Mitmenschen nicht an die Regeln halten und immer öfter den Mindestabstand ignorieren. Der Lektor blickt auf das Smartphone. Ein leichter Schauer läuft ihm über den Rücken als er sieht, dass das RKI die Risikostufe von „hoch“ auf „sehr hoch“ gesetzt hat. Nervös fährt er mit den Fingern über den Mund-Nasen-Schutz, will sich aber vor seiner Ehefrau keine Blöße geben, die mit ihren Nerven sichtlich am Ende ist. Keine Sorge, lächelt er gespielt mit seinen Augen, es wird bestimmt nicht so schlimm, wenn sich unsere Politiker an die Experten des RKI und die WHO halten. Die Ehefrau nimmt ihr Smartphone und fragt, ob es jemals ein Ende haben werde. Natürlich, nickt der Lektor, schon bald werden sie sich wieder einen Kuss geben dürfen. Der Lektor wendet sich seinem Laptop zu und schickt den redigierten Klappentext zum Grafiker. Dann liest er in der Online-Ausgabe der FAZ weiter.
Der Grafiker
Der Grafiker ist in einer trübsinnigen Stimmung, durfte er sich nicht von seiner Mutter verabschieden, da jeder Besuch in den Seniorenheimen behördlich untersagt wurde. Er ruft den Text des Lektors ab und setzt diesen im Layoutprogramm auf die Rückseite des Umschlags. Er liest den Klappentext und nickt. Wahrlich, denkt er, wie kann man nur glauben, sich mitten in Deutschland in einer Diktatur zu wähnen? Da läutet das Telefon. Ein Staatsanwalt klärt ihn auf, dass sein Sohn in Polizeigewahrsam sei und vor Gericht gestellt werden würde, da dieser ein sogenanntes Meme ins Netz gestellt hätte, das einen Minister unflätig beschimpft. Woher der Sohn die Idee dazu bekommen haben dürfte, scheint geklärt: in einem amerikanischen Forum. Der Grafiker seufzt. Ja, diese Amerikaner, sagt er dem Staatsanwalt, die mit ihrem 1. Verfassungszusatz eine Gefahr für die ganze Welt darstellen, sind an allem Schuld. Der Staatsanwalt bestätigt die Sichtweise, dass die freie Meinungsäußerung eine Gefahr für jede Demokratie sei und bekräftigt, zum Glück nicht unter einer Trump-Diktatur leben zu müssen. Der Grafiker stimmt mit ihm dahingehend überein und fügt an, dass Joe Biden der populärste Präsident aller Zeiten sei und durch seine Unbestechlichkeit ein Garant für Frieden und Wohl in der Welt sei. Ja, atmet der Staatsanwalt erleichtert auf, damit ist die Gefahr eines neuen Hitlers endgültig gebannt, würden die Demokraten endlich gegen Falschinformation, Hetze und Waffenbesitz vorgehen und Trump wegsperren. Ob er seinen Sohn sprechen könne, fragt der Grafiker. Das ginge leider nicht, antwortet der Staatsanwalt, die behördlichen Auflagen lassen es nicht zu. Damit endet das Telefonat. Der Grafiker blickt auf sein Smartphone und erfährt in bedrohlichen Farben und durch das Inzidenz-Diagramm, bei der die Linie durch die Decke schießt, dass das RKI die Risikostufe erhöht hat. Nervös wendet er sich wieder seinem Mac zu, exportiert Text sowie Umschlag in das Format PDF und schickt diese an die Druckerei, die sich noch in Familienbesitz befindet. Dann öffnet er die Online-Ausgabe des Spiegels.
Chef der Druckerei
Der Chef der Druckerei sitzt alleine im Büro, da seine Angestellten wegen eines positiven Covid19-Tests zu Hause sein müssen. Krank fühlt sich keiner von ihnen. Er legt die Süddeutsche Zeitung zur Seite, lädt sich die Daten des Buches herunter und liest interessiert den Klappentext. „Diktatur“, runzelt er verwundert die Stirn. Da läutet sein Telefon. Der Staatsanwalt meldet sich und sagt ihm, dass seine betagte Großmutter ein weiteres Mal ins Gefängnis gehen würde, hätte sie trotz Aufforderung ihrem historischen Revisionismus nicht abgeschworen. Der Chef der Druckerei versichert dem Staatsanwalt, dass er seiner Großmutter immer wieder ins Gewissen geredet hätte, aber es helfe nichts, sie sei zu stur, ja, und das Internet habe ihr ganz bestimmt den Kopf verdreht, dort seien nämlich die verbotenen Sachen zu lesen. Ja, das Internet ist ein Problem, gibt ihm der Staatsanwalt recht, es wird Aufgabe der Politiker sein, diese unkontrollierte Freizügigkeit einzuschränken und gefährliches Gedankengut in den sozialen Medien strafrechtlich zu verfolgen. Man vergesse ja nicht die Bücher, brummt der Chef der Druckerei, dank des kostengünstigen Digitaldrucks könne jetzt jeder Aluhut-Schlurf ein Buch drucken lassen, ja, früher hätte es das freilich nicht gegeben, da hätte man einen Kredit aufnehmen müssen, wollte man eine Auflage machen und welche Bank hätte einem Schwurbler Kredit eingeräumt. Korrekt, kommt es vom Staatsanwalt, die Verleger von damals wussten, was auf dem Spiel stünde, aber heutzutage dürfe jeder seine Meinung veröffentlichen, ohne die gefährlichen Folgen abschätzen zu können, deshalb bräuchte es dringend eine staatliche Stelle, die jede Publikation prüft. Den politischen Willen dazu gäb’s bei den Großparteien, sagt der Chef der Druckerei, aber diese rechten Fanatiker in der Opposition sind nicht kleinzukriegen. Keine Sorge, beteuert der Staatsanwalt, es wird bereits daran gearbeitet, diese rechtsradikale Partei zu verbieten. Gottseidank, ist der Chef der Druckerei erleichtert, wenn diese Leute endlich weg sind, dann habe man die Demokratie gerettet. Nach einer kleinen Pause fragt der Chef der Druckerei, ob er seine Großmutter sehen dürfe. Das würde nicht gehen, schüttelt der Staatsanwalt den Kopf, der behördlichen Auflagen wegen.
Der Volksschullehrer
Die gedruckte Auflage des Buches erscheint viele Monate später und wird an die Buchhandlungen ausgeliefert. Ein Volksschullehrer, der seine Schüler seit Wochen über Videokonferenz unterrichtet – die Schulen sind geschlossen, der behördlichen Auflagen wegen – hört im ARD eine Empfehlung von Umberto Eccos Buch und macht sich zu seiner Buchhandlung auf. Als er sich vor dem Eingang den Mund-Nasenschutz überzieht, wird er leise von einer Frau angesprochen. Aus der Wühlkiste, die vor dem Eingang zur Buchhandlung aufgestellt ist, hatte sie sich ein Taschenbuch herausgefischt und hält es ihm hin. Ob er ihr nicht dieses Buch kaufen könne, sie gebe ihm natürlich das Geld, aber sie könne nicht hinein – der behördlichen Auflagen wegen. Der Lehrer macht einen Schritt zurück und richtet seinen Mund-Nasenschutz. Er erkennt sie wieder, die Frau Doktor, die in der Schule die Kinder untersucht hatte und diese neue so überaus gefährliche Krankheit mit einer gewöhnlichen Grippe verglich und Befreiungen für Mund-Nasen-Schutz ausstellte. Gottlob, seufzt der Lehrer, zog die Lehrerschaft an einem Strang und intervenierte im Ministerium. So wurde die unzuverlässige Schulärztin durch einen jungen Arzt ersetzt, der sich der Wahrheit verpflichtet fühlt und die Eltern sogleich informiert hat, dass man die Kinder so bald wie möglich impfen müsse. Der Lehrer schüttelt den Kopf. Die Ungeimpften, so führt er lautstark aus, seien an allem Schuld, denn würde sich jeder impfen lassen, würde sich das Virus nicht mehr verbreiten und die leidige Sache hätte ein Ende, deshalb also, nein, würde er ihr das Buch nicht kaufen und sie könne froh sein, dass sie nur Berufsverbot habe, würde es nach der Mehrheit gehen, würde man die Impfgegner aus dem Land werfen. Die Frau legt das Buch wieder in die Wühlkiste zurück und geht davon.
Der Lehrer betritt die Buchhandlung. Gleich beim Eingang ist das Büchlein von Umberto Ecco aufgestapelt. Es findet rasend Absatz, sieht der Buchhändler von der Wochenzeitung Die Zeit auf und begrüßt seinen Stammkunden, dabei kämpft er mit seinem Mund-Nasen-Schutz, den er bereits seit 6 oder 7 Stunden trägt – der behördlichen Auflagen wegen. Der Lehrer legt sein Exemplar auf die Theke und erzählt ihm die Episode, die sich vor der Tür ereignet hat. Der Buchhändler schüttelt verärgert den Kopf. Diese Corona-Leugner, sagt er heiser, bringen noch alle um. Der Lehrer überlegt. Vielleicht, sagt er, sind sie nur verlorene Schäfchen, die einer großen Lüge aufgesessen sind. Ja, das Internet, tippt der Buchhändler in die Kassa, das ist voll mit gefährlichem Blödsinn. Der Lehrer bezahlt mit Karte und sieht sich um. Die Katja, sagt der Buchhändler, musste er entlassen, weil sie sich quergestellt habe, gegen das Tragen der Maske, aber so schlimm kann es nicht sein, sogar die kleinen Kinder tragen sie brav in der Schule. Wenn sie das nächste Mal wieder in die Schule gehen dürfen, antwortet der Lehrer und steckt das Buch in seine Jackentasche, dann müssen die Schüler natürlich in der Klasse den Mund-Nasen-Schutz tragen, und Ausnahmen würde es keine mehr geben. Gut so, zwinkert der Buchhändler, die Kinder sollen wissen, dass sie in einer Demokratie leben, wo jeder das Richtige macht, weil es nun mal richtig ist. Was es mit den vielen Orwell-Büchern in der Wühlkiste auf sich habe, möchte der Lehrer wissen. Er habe jetzt Platz schaffen müssen, antwortet der Buchhändler, für die Lieferung der Umberto Ecco Auflage und fügt hüstelnd hinzu, dass Orwell heutzutage völlig missverstanden werde, weil den Leuten der Horizont fehle. Gegen Dummheit, fingert der Lehrer an seinem Mund-Nasen-Schutz herum, sei man völlig machtlos. Früher oder später, verabschiedet sich der Lehrer, wird diesen verblendeten Menschen das Licht aufgehen. Oder sie sterben aus, krächzt der Buchhändler heiser, weil sie sich nicht schützen, aber das kann uns nur recht sein. Der Lehrer verlässt die Buchhandlung und bleibt vor der Wühlkiste stehen. Er sieht auf den Umschlag des Buches 1984. Die Gehirnwäsche, seufzt er, ist bei diesen Leuten so stark, dass man weder mit Fakten noch mit Tatsachen etwas erreichen würde könne. Er macht sich schließlich auf, zum Arzt seines Vertrauen, der ihm endlich die ersehnte zweite Auffrischung verabreichen wird. Zum Wohle der Allgemeinheit. Wie man meinen könne, denkt er sich, dass in Zeiten einer Pandemie Impfkartelle etwas Negatives seien, ist ihm schleierhaft. Erst durch das Zusammenwirken der Pharma-Unternehmen gebe es nun einen wirksamen und sicheren Schutz gegen diese neuartige Pestilenz, die ganze Landstriche verwüstet und Leichenberge hinterlassen habe. Als er die Tür zur Arztpraxis öffnet, erinnert er sich an die Fotos aus Bologna, die in allen Zeitungen abgedruckt und auf allen TV-Sendern gezeigt wurden und ein klarer Beweis für die große Gefährlichkeit der neuen Virenerkrankung sei. Er nimmt im Vorraum Platz und grüßt den Lektor, der ihm Gegenüber sitzt und von einer Broschüre des Gesundheitsministeriums aufschaut. Seit der Lektor vor Tagen die zweite Auffrischung erhielt, geht es ihm gar nicht gut und das Atmen durch den Mund-Nasen-Schutz fällt ihm schwer. An der Impfung kann es unmöglich liegen, weiß der Lektor, sei diese vollkommen sicher. Der Lehrer holt sein Buch aus der Jackentasche und hält es in die Höhe. Würde Umberto Ecco noch leben, ruft er seinem Gegenüber zu, er hätte eine Lanze für die Wissenschaft gebrochen und all die selbsternannten Skeptiker mit Fakten und Tatsachen zum Schweigen gebracht. Der Lektor wischt sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Ja, sagt er heiser, wo ist ein Umberto Ecco, wenn man ihn braucht?

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