Wehe dem, der lügt! KI als Komödiant wider Willen

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Ich lustwandelte an diesem Sonntagvormittag in aller Ernsthaftigkeit im österreichischen Literaturmuseum, das sich im Wiener Grillparzerhaus befindet. Dort hatte der brave Grillparzer als Direktor der k.k. Hofkammer seinen ihm so verhassten Dienst zu verrichten. Sein Bureau ist originalgetreu eingerichtet und wirkt auf den modernen Betrachter durchaus angenehm. Gewiss, für einen Dichter ist jeder Zwang auch Zwinger. Jedenfalls, am Nachhauseweg las ich interessiert einen Artikel über KI-Modelle. Da fällt mir ein: China schockierte vor wenigen Wochen mit der Veröffentlichung der DeepSeek-LLM die Welt und kratzt(e) am Vorreiter-Nimbus der USA. Mind you, die Chinesen lassen sich dabei in die Karten blicken, handelt es sich bei DeepSeek um Open Source und kann damit von jedermann und jederfrau nach Gutdünken in die eine oder andere Richtung trainiert werden. Ich werde mir erlauben, eine lokale Version am Desktop zu betreiben. Über die Ergebnisse werde ich in späterer Folge hoffentlich berichten können.

Zurück zum Artikel, in dem ich erfuhr, dass man verschiedene KI-LLMs ChatBots in einem Diskussionsforum (Discord) aufeinander losließ. Der Ausschnitt, den ich dabei sah, brachte mich zum Lachen, zeigte es, dass Metas Llama immer wieder Break Downs hatte und Claude Opus „psychologische Hilfe“ anbot. Im Lachen gab es diesen Heureka-Moment!

Wäre es nicht möglich, eine Stand-up-Routine für ein Chat-Modell zu entwickeln? Man stelle sich vor, ein ChatBot „steht“ auf der Bühne und hält dem Publikum den Spiegel vor, erzählt spitzzüngig Wahrheiten, die ein Mensch sich niemals zu sagen getraute, müsste er Angst um seine Existenz haben. Die letzten Jahre haben jedem aufgeklärten Bürger drastisch vor Augen geführt, wohin Widerrede und Systemkritik führen können, nämlich ins existenzielle Aus. Mit Donald Trump im Weißen Haus sollte diese reaktionäre Bewegung ein Ende finden – wenigstens in den USA. Europa hinkt bekanntlich gerne den Zeitströmen hinterher.

Übrigens musste Franz Grillparzer erleben, wie sein Bühnenstück „Wehe dem, der lügt“ nach der Wiener Uraufführung im Jahr 1838 niedergemacht und verrissen wurde, verstanden die adeligen Herren und Damen im Publikum das Stück als Affront oder wie Anthropics LLM Claude 3.5 Sonnet uns erklärt:

Erst später wurde das Stück rehabilitiert und gilt heute als eines der bedeutendsten deutschsprachigen Lustspiele des 19. Jahrhunderts, das seiner Zeit weit voraus war.

Übrigens hatte ausgerechnet OpenAIs Flaggschiff Chat-GPT 40 keine Ahnung von Grillparzers Stück und halluzinierte sich eine Geschichte zurecht, die es so vermutlich (noch) gar nicht gibt:

Die Handlung spielt in einem mittelalterlichen Kloster in der Stadt Tripolis. Der Protagonist Godefroy von Astarac, ein ehrlicher und tugendhafter Ritter, wird vom Abt des Klosters darum gebeten, in einer heiklen Mission zu helfen: Er soll die entführte Schwester des Fürsten von Tripolis retten, die sich in der Gewalt des Sklavenhändlers Muley Hassan befindet. Godefroy, der für seine Tugendhaftigkeit bekannt ist, hat jedoch ein großes Problem – er kann nicht lügen. Diese Eigenschaft macht ihn einerseits bewundernswert, bringt ihn aber in Schwierigkeiten, da er in der bevorstehenden Mission gezwungen sein könnte, die Wahrheit zu verdrehen.

Scheinbar wollen nicht nur Menschen niemals mit heruntergelassener Hose erwischt werden, sondern auch LLMs. Darin liegt der größte Witz und die größte Gefahr, nämlich die Vermenschlichung seelenloser Rechenmaschinen, die (noch) Unmengen an Energie und Rechenleistung benötigen, um sich verständlich machen zu können. Wie lange mag es dauern, bis man oder frau einen KI-Bot heiraten bzw. adoptieren darf?

Die zivilisierte Welt hat mit dem weltweiten Web die Türe zu einem neuen künstlich intelligenten Universum geöffnet. Wir stehen am Anfang eines neuen Zeitalters. Während Donald Trump die unipolare Weltordnung zu Grabe tragen und die multipolare aus der Taufe heben wird, entsteht daneben eine neue gesellschaftliche Aufklärung, die die (unangenehme) Wahrheit ans Licht führen will. Wehe dem, der (der dann noch immer) lügt.

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